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Was die Alltagsmaske mit unserer Sprache macht

Vor einem Jahr noch schien die Maske unvorstellbar, inzwischen gehört sie mehr und mehr zum Alltag. Was in asiatischen Ländern Tradition hat, empfinden viele Menschen in den westlichen Ländern allerdings noch als Zumutung. Mitunter wird der Streit um den Stoff im Gesicht sogar zum Politikum. Bei allem Zank ist klar: Die Maske schützt zwar vor Infektionen, erschwert aber die Kommunikation. Es ist daher wichtig, sich über einige Dinge klarzuwerden und Ausgleichsstrategien zu entwickeln.

Luna Mittig arbeitet mit ihrer Stimme. Eine Maske zu tragen ist für sie deshalb eine besondere Herausforderung. „Man wird akustisch schlechter verstanden, vor allem wenn man nicht extrem deutlich oder laut spricht.“ Mittig ist ausgebildete Stimm- und Sprechtrainerin und gibt Führungen im Museum für Kommunikation in Nürnberg – was mit Maske deutlich anstrengender ist, wie sie findet. Für sie selbst, aber auch für die Zuhörerinnen und Zuhörer.

„Das ist wie bei einer Fremdsprache“, sagt Mittig. „Weil die Stimme gedämpft ist und die Mimik fehlt, fällt ein Teil der Informationen weg, die wir unbewusst wahrnehmen.“ Deshalb hat sie ihre Kolleginnen und Kollegen im Museum darin geschult, wie sie trotz Maske – und größeren Abstands – besser verstanden werden.

Denn einfach nur lauter reden bringt es oft nicht – das lässt sich täglich an der Käsetheke oder beim Bäcker beobachten. „Man muss sich selbst disziplinieren, langsamer zu sprechen, kürzere Sätze zu verwenden und mehr Wert auf die Betonungen zu legen“, sagt Mittig. Und mehr gestikulieren: „Das, was man im Gesicht wegen der Maske nicht sieht, muss man mit Händen und Füßen machen.“

Probleme beim Schulunterricht

Ein Sprechtraining fände auch Birgit Dittmer-Glaubig hilfreich. Die Konrektorin der Mittelschule an der Simmernstraße in München muss seit der Maskenpflicht im Unterricht ständig nachfragen. „Es ist akustisch eine echte Herausforderung, weil man die Schüler sehr, sehr schwer versteht.“ Außerdem sei es deutlich schwieriger, anhand des Gesichtsausdruckes zu erkennen, ob die Kinder und Jugendlichen dem Stoff folgen könnten oder noch Fragen hätten.

Das Gesicht ist deutlich beredter als der Rest des Körpers“, erklärt Mimikforscher Stefan Lautenbacher von der Universität Bamberg das Hauptproblem. „Die Mimik besteht, grob gesagt, aus zwei Bereichen: Das Feld um den Mund herum, das viel signalisiert, und das Feld um die Augen herum, das bis in die Stirn hineingeht: Wir können die Augenbrauen hochziehen, die Stirn runzeln, die Augen eng stellen oder öffnen.“

Bei Erwachsenen sei der Gesichtsausdruck nicht ganz so wichtig, weil sich viel aus dem Kontext erschließe und Erwachsene sich zudem sprachlich sehr gut ausdrücken könnten. „Wir müssen nicht traurig gucken, weil wir sagen können, dass wir traurig sind.“ Kinder hingegen brauchten dieses zweite Signalsystem stärker, auch wenn die Maske die Mimik nicht komplett verdecke, sondern nur reduziere.

Ein weiteres Problem: „Sie erkennen einen Menschen nicht einfach an den Augen oder dem Mund, sondern an der Konfiguration, also den Abständen, der räumlichen Zuordnung der einzelnen Teile eines Gesichtes“, erläutert Lautenbachers Kollege Claus-Christian Carbon. „Wir nehmen ein Gesicht grundsätzlich holistisch auf, also ganzheitlich.“ Allerdings erst ab einem Alter von etwa zehn, zwölf Jahren – so lange dauere der Lernprozess.

„Wenn uns jetzt aber ein Teil einfach weggeschnitten wird durch die Maske, funktioniert diese holistische Verarbeitung nicht richtig, weil uns entscheidende Informationen fehlen“, sagt Carbon. Andere Menschen ließen sich dadurch schwerer wiedererkennen.

Unverständliche Emotionen

Und es gibt noch ein Problem: „Es gibt einige Emotionen, die wir ganz charakteristisch jeweils mit dem Mund oder den Augen machen: Ekel, Trauer, Wut drücken wir stark mit dem Mund aus, Freude etwa über die Augen.“ Wenn jetzt gut die Hälfte des Gesichtes durch eine Maske verdeckt werde, geht zwischenmenschlich leicht was schief, berichtet Carbon. „Ganz viele charakteristische Emotionen werden nicht erkannt und als eher neutral interpretiert oder fälschlicherweise als eine andere Emotion erkannt.“ Beispielsweise werde Ekel häufig als Wut missverstanden.

Das Problem lässt sich mit dem einen oder anderen zusätzlichen Wort leicht lösen. „Wir Menschen nördlich der Alpen neigen dazu, eher ein bisschen zu wenig zu reden“, sagt Carbon. „Aber es schadet uns ja nicht, dass wir manche Sachen etwas explizit machen, auch wenn es etwas mehr Kraftaufwand bedeutet.“

Vor allem in Bereichen, in denen es ums Zwischenmenschliche geht, um Vertrauen und Nähe, kann die Maske wie eine Barriere wirken – erst recht wenn Menschen sich neu kennenlernen. „Es ist schwieriger, eine Beziehung aufzubauen“, sagt die Kommunikationstrainerin Lisa Kuchenmeister.

Ein Problem, gerade in heiklen Situationen – etwa der Arbeit in einem Hospiz. „Da geht sehr viel über die Mimik“, sagt Hospizbegleiterin Petra Götz. Gemeinsam mit anderen Ehrenamtlichen vom Hospizverein Main-Spessart im unterfränkischen Karlstadt hat sie bei Kuchenmeister in einem Workshop gelernt, wie sie mehr Gefühl in Stimme und Gestik legen kann. „Danach hat man das Gefühl gehabt, es geht doch“, berichtet Götz. Die Maske empfinde sie nun nicht mehr als Hindernis.

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