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Wenn Betroffene entscheiden / Kommentar von Thomas Schubert zu den Pankower Pollerplänen

BERLINER MORGENPOST

Berlin (ots)

Pankow prüft zum Anfang des Jahres eine Menge. Politiker und Bürgerinitiativen nehmen sich gleich Vorbilder von internationalem Rang. Erst Seilbahnen wie in La Paz, jetzt "Superblocks" wie in Barcelona, wo Stadtviertel mit Barrieren gegen unbefugtes Befahren verrammelt sind. Der Poller ist das Bollwerk, an dem der Durchgangsverkehr zerbricht. Klingt gut für die Menschen, die dort wohnen und die Straßen endlich für sich haben. Der Kiez wird zur Trutzburg. Aber taugt ein Netz aus zugepollerten Blocks auch zur Nachahmung für eine Stadt, die doppelt so viele Bewohner hat wie Barcelona? Und dann auch noch für den einwohnerstärksten Bezirk?

Die Antwort von Pankows Bürgermeister Sören Benn und Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn: Die Bürger sollen es bestimmen. Die Bürger in den Blocks sind hocherfreut. Sie übernehmen jetzt sogar, organisiert in Initiativen, die vorläufige Prüfung, ob, wie und wo sich Durchgangssperren in zwölf Pankower Kiezen umsetzen lassen. Verkehrsplanung als Graswurzelbewegung - für die politischen Verantwortlichen ist es ein Glücksfall. Sie müssen keine unpopulären Vorschläge liefern, welche Straßen mit Pollern zu versperren sind. Man kann sich in Berlin kaum unbeliebter machen als mit solchen Entscheidungen von oben.

Den Initiativen in Pankow ist nichts vorzuwerfen. Sie engagieren sich für ihre Herzensthemen, wie man es sich von manchen Spitzenpolitikern wünschte. Sie sind Demokraten, die Politikverdrossenheit überwinden, indem sie sich selbst ermächtigen. Und die Politiker? Sie müssen stark aufpassen, dass sie vor lauter Basisdemokratie ihre Verantwortung nicht vergessen. Bürgerliches Engagement ist gut. Aber eine professionelle Planung für Durchgangsverkehr in Berlin als Chefaufgabe ist absolut unersetzlich.

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