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Wer der Faszination des Kranichs verfallen ist

Auf Reisen gerät man zuweilen in fremde Milieus. „Da müssen Sie hin, da müssen Sie rauf!“, bestimmt die Wirtin im brandenburgischen Mescherin. Auf den Beobachtungsturm im Odertal, aus Lärchenholz. Vor dem Abendhimmel sieht er aus wie eine Eule mit spitzen Ohren. Das geschwungene Dach soll aber Kranichflügel darstellen. Denn um diese Vögel geht es hier.

Ich bin unterwegs nach Stettin und hatte auf der Oder-Westseite für einen ruhigen Abend eingecheckt. Ich klettere, wie mir geheißen, nach oben. Dort wird es erst mal laut. Erstens wegen der Fachgespräche der Anwesenden, die seit Stunden die Aussichtsplattform des Turms besetzt halten. Zweitens wegen der unentwegt kreischenden Kraniche. „Neue Kette kommt“, bellt ein Beobachter mit Jagdfernglas vorn am Geländer. Ehefrauen und Verspätete verharren in der zweiten Reihe.

Kraniche kannte ich bisher nur von meiner Patentante. Die faltete sie aus Papier, als Tischdekoration nach japanischer Art. Jetzt sind wir in Pommern. Und die Vögel kommen aus Skandinavien. Erst sind es Punkte. „Oha, die Geschwader fliegen jetzt massiv ein“, japst der mit dem Jagdfernglas. Sie werden rasch größer, kreisen über uns und landen ungeschickt auf einer überfluteten Wiese, 500 Meter entfernt, krächzend und zeternd.

„Das Trompeten ist jetzt bei 130 Dezibel“, liest ein Fachmann vom Diagnosegerät ab. Trompeten nennt man das also. Klingt für mich wie die Sängerin Florence Foster Jenkins, die als „Diva der falschen Töne“ in die Geschichte einging.

Der Puschel über dem Po

„Haben Sie auch eine Kranichpatenschaft?“, fragt mich eine Weißgelockte. Patenschaft? Sie erklärt: „Hat mir mein Mann zur Silberhochzeit geschenkt, Ringpatenschaft plus GPS.“ Der Mann, in dicker Thermojacke, gibt Auskunft: „Wir können die Claudia jetzt mit GPS verfolgen, bis runter in die Extremadura.“ Claudia also. So heißt die Kranichin jetzt, vermutlich wie die Patin.

„Neue Kette Nordnordost“, ruft der Chefinspektor. Man starrt in die Dämmerung. Doch nur er hat das teure Nighthunter-Fernglas. „Hier wird es nie langweilig“, teilt eine weitere Ehefrau mit. „Die Eleganz dieser Vögel, dieses Schreiten, wie sie sich verneigen!“ Mir sticht eher dieser unelegante Puschel über dem Po ins Auge.

Die einen können fliegen – die anderen nur zugucken

Die einen können fliegen – die anderen nur zugucken

Quelle: picture alliance / dpa

Doch bevor ich das äußern kann, belehrt mich Claudias Patin: „Die werden ja beringt, bevor sie fliegen können, es sind Bodenbrüter.“ „Aber die Jungen sind Nestflüchter“, poltert der Gatte, „während unsere Tochter immer noch zu Hause wohnt!“ Er und ich sind die Einzigen, die lachen.

Dann trage ich jetzt auch mal was bei: „Ich musste noch ‚Die Kraniche des Ibykus‘ lernen, in der Schule.“ Eine Rosige gluckst erfreut: „Sieh da, sieh da, Timotheus!“ Und: „Kraniche gelten ja als Vögel des Glücks.“ In der Schiller-Ballade grüßt dieser Ibykus froh die ziehenden Kraniche und wird gleich danach umgebracht.

Der Symbolvogel des Steuereintreibers

„Glück ist relativ“, flechte ich ein. „In Kasachstan bedeutet die Ankunft der Kraniche, dass bald der Steuereintreiber kommt.“ Stimmt zwar nicht, klingt aber gut. Allgemeines Schmunzeln.

Es beginnt zu regnen. „Ich muss weiter“, behaupte ich. „Die großen Ketten fliegen erst in einer Stunde ein“, mault einer. „Aber die offiziellen Kranichwochen sind doch vorbei“, sage ich. Er: „Nur Dilettanten kommen während der Kranichwochen!“ Ich: „Natürlich! Dank Ihnen bin ich längst kein Dilettant mehr, sondern fühle mich jetzt als Experte!“ Er lächelt, ich verneige mich kranichgemäß elegant und darf gehen.

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