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Wer herrscht hat Recht?

Wissenschaftler nehmen vieles leicht, reale Risiken gehört nicht dazu: Leopoldina-Präsident Gerald Haug, Stiko-Vorsitzender Thomas Mertens und Ethikrat-Chefin Alena Buyx in Berlin (v.l.). Bild: dpa

Expertenkritik überhöht gerne die politische Rolle der Ratgeber. Forscher sind Forscher, Virologen wie Klimatologen. Wenn es jedoch um globale Risiken geht, brauchen sie unser aller Gehör.

Öffnung. Lockerung. Endlich. Die Expertenherrschaft geht zu Ende. So werden es wohl einige sehen wollen, wenn an diesem Mittwoch die Kanzlerin mit ihrer Ministerpräsidentenrunde die Zügel des Lockdowns etwas locker lässt – trotz zuletzt steigender Fallzahlen und gegen den Rat vorsichtiger Virologen und Epidemiologen, auf den insbesondere die Kanzlerin ein Jahr lang viel gegeben hat. Die Mehrheit allerdings will es jetzt so, sagen Umfragen: mehr Freiheiten, mehr soziale Kontakte, weniger Isolation.

In der Demokratie kostet es die Politik selten Überwindung, der Mehrheit zu folgen. Mit den Ratgebern ist das schon anders. Sie werden gehört, aber sie haben keine Priorität. Monate lang erwartete die große Mehrheit im Land vor allem eines: vor dem Virus geschützt zu werden. Deshalb wurden auch harte Corona-Eingriffe befürwortet. Der Gesundheitsschutz hatte Vorrang. Selten hat man Regierungen erlebt, die in unsicheren Zeiten so von den Expertisen ihrer Ratgeber abhängig waren wie in dieser Krise. Bei vielen ist damit der fatale Eindruck entstanden, Virologen und Epidemiologen beherrschten das Land, nicht die Politik.

Vergleichbar ist die Situation am besten vielleicht mit der Klimapolitik, dem anderen globalen Schlachtfeld der Expertenkritiker. Auch da wird die subtile Macht der politischen Ratgeber überschätzt – und ihr gesellschaftlicher Mehrwert unterschätzt. Seit Jahrzehnten akkumuliert die Wissenschaft immer überzeugendere Belege für den beschleunigten Klimawandel, ihre Daten und Modelle sprechen Bände über unsere Zukunft. Ein schlagendes Beispiel lieferte vor wenigen Tagen unter anderem ein Forscherteam um Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und Levke Caesar von der irischen Maynooth University. In einer Publikation in „Nature Geoscience“ haben sie elf unterschiedliche paläoklimatologische Datenreihen aus dem Nordatlantik in der Gegend um die Labradorsee zusammengetragen, die im Grunde das bestätigen, wovor Rahmstorf und andere seit Jahrzehnten vorsichtig warnen: dass das globale Förderband der Meeresströmungen durch die dramatischen Veränderungen in der Arktis und im Nordatlantik neben vielen anderen systemrelevanten Teilen des Erdsystems insbesondere auch die Stabilität des europäischen Klimas bedroht. Die atlantische Umwälzbewegung, kurz AMOC, die warmes Golfstrom-Wasser Richtung Nordatlantik und Europa bewegt, war in den zurückliegenden 1600 Jahren noch nie so schwach wie zuletzt – zufließendes Süßwasser lässt die Pumpe schwächeln.

Praktisch zeitgleich veröffentlichten Forscher der University of Washington in „Nature Communications“ eine Studie, die deutlich macht, wie kritisch die Situation im Nordatlantik und der Arktis wird: Die Beaufortsee, ein Teil des Nordpolarmeeres, hat in nur zwanzig Jahren den Süßwasseranteil durch zufließendes Schmelzwasser um vierzig Prozent erhöht. Dringen diese gewaltigen Süßwassermassen zwischen dem kanadischen Inselarchipel irgendwann bis in die Labradorsee vor, was die Forscher bei fortschreitender Erwärmung früher oder später erwarten, dürfte das die atlantische Umwälzbewegung zusätzlich abbremsen. Wie stark, wie schnell – keiner weiß es.

Darin steckt eine der Tragiken der politischen Klimaberatung seit Jahrzehnten: Ihre Expertise wächst von Jahr zu Jahr, doch der Raum für Zweifel und für Zweifler will nicht kleiner werden. „Die Unsicherheit ist nicht unser Freund“ – das Wort des amerikanischen Klimatologen Michael E. Mann, das er auf die Beobachtung bezog, dass die Folgen der anthropogenen Erderwärmung von den Experten bisher eher unter- als überschätzt wurden, ist nahtlos auf die wissenschaftliche Politikberatung zu übertragen. Die politischen Folgen waren zuletzt in dem neuen UN-Bericht zu den aktuellen Klimaschutz-Ambitionen der Vertragsstaaten des Pariser Abkommens nachzulesen: Ein einziges Prozent Emissionsreduktion würden die Klimaversprechen von bisher 75 Staaten bis zum Jahr 2030 bewirken. Gebraucht aber würde, um die Erderwärmung tatsächlich wie im Pariser Vertrag angepeilt auf maximal 1,5 Grad zu begrenzen, eine Verringerung des Treibhausgasausstoßes um mindestens 45 Prozent. Gleich, was behauptet wird, es ist wie immer: Die Experten haben die Zahlen, die Politik die Macht.

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