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Wie Blinde ins Spiel kommen

Ich bin blind, will aber trotzdem mit meinen Kindern spielen“, sagt Erika Lendeckel. Dieser Wunsch führte 1988 zur Gründung von Velen-Spiele durch sie und ihren Mann Volker. Die vor dreißig Jahren auf dem Markt erhältlichen Blindenspiele waren nur für Blinde konzipiert, optisch nicht ansprechend und eher langweilig zu spielen.

Das änderte das Ehepaar mit seinem kleinen Unternehmen, das mehr als 1000 Kunden in Deutschland und sechs weiteren europäischen Ländern zählt.

Reiner Delgado, Sozialreferent des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV), sagt: „Ein wichtiger Aspekt ist, dass Velen Spiele anpasst, die aktuell auf den Markt kommen. So können blinde Menschen auch neue Spiele mitspielen.“

Eine Folie wird aufgebracht

Die von Velen in Neuwied umgerüsteten Ravensburger-Spiele sind äußerlich unverändert und so für Sehende attraktiv. Auf alle Spiele wird eine Folie mit Braille- oder Symbolschrift aufgebracht. Die Negativformen für die Tiefziehpresse, in der die Folien hergestellt werden, produziert Volker Lendeckel mit einer CNC-Fräse selbst.

„Zusätzlich werden alle Brettspiele mit einer Metallplatte im Spielfeld und Magneten unter den Figuren ausgestattet, damit der Spielstand nicht verfälscht wird, wenn ein Blinder ,schaut‘, wo die haptisch markierten farbigen Spielfiguren stehen“, erläutert Lendeckel.

Im Raum Aachen stehen Velen-Spiele in Büchereien und Kindergärten bereit; der Nachlass eines Blinden hat dies ermöglicht. Ein weiteres Einsatzfeld sind Blindenschulen. Der blinde Martin Kirchner, Lehrer für Brailleschrift in Frankfurt, schätzt insbesondere das Spiel „Scrabble“ als motivierendes Element seines Unterrichts. „Spielend lernt es sich am besten.“

Etwa doppelt so teuer

Leider lernten immer weniger Blinde aufgrund auditiver Hilfen die Brailleschrift. Dabei ermögliche sie eine selbstbestimmte Informationsaufnahme und mehr Selbständigkeit. „Die Spiele motivieren meine Schüler beim Erlernen der Brailleschrift.“

In den Vereinigten Staaten hat Mattel mit der Nationalen Vereinigung der Blinden eine Version des Kartenspiels Uno entwickelt, die für Blinde und Sehende gleichermaßen geeignet ist. Die Markteinführung in Deutschland ist für 2020 geplant. In Dänemark testet Lego die Braille-Bricks. Die Noppen sind so angeordnet, dass sie Braillezeichen darstellen.

Damit die Spiele von Velen erschwinglich sind – das teuerste kostet 75 Euro –, arbeiten die Lendeckels ehrenamtlich. Sie haben als pädagogische Fachkräfte an einer Blindenschule gearbeitet und sind nun im Ruhestand. Die Spiele sind mindestens doppelt so teuer wie das Original. Für Kartenspiele sind die Preise fünfmal so hoch, da jede Karte von Hand mit der Tiefziehfolie beklebt und nachbearbeitet werden muss.

Einige Dauerbrenner

Ravensburger ist alleiniger Kooperationspartner von Velen. Man stellt Velen kostenlos Ersatzteile zur Verfügung und gewährt trotz der geringen Menge Großhandelspreise. Dauerbrenner sind „Sagaland“, „Hase und Igel“ und „Das verrückte Labyrinth“. Man verkauft nach eigenen Angaben jährlich 250 bis 300 Spiele.

Es gibt noch einige andere Anbieter von Blindenspielen in Deutschland und der Schweiz. Luise Bartkowski aus Mönchengladbach rüstet ebenfalls handelsübliche Spiele um. Die Eheleute Lendeckel werden sich bald aus dem Unternehmen zurückziehen. Doch ihre beiden Kinder werden den Betrieb fortführen.

Der Artikel stammt aus dem Schülerprojekt „Jugend und Wirtschaft“, das die F.A.Z. gemeinsam mit dem Bundesverband deutscher Banken veranstaltet.