Germany

Wie es zum „Zeitsalat“ in Deutschland kam

Normalerweise macht Übung den Meister. Aber warum soll man im tiefsten Frieden wiederholen, was bereits zweimal im Krieg ausprobiert – und wieder abgeschafft wurde? Am 6. April 1980 führte die Bundesrepublik Deutschland die Sommerzeit ein. In der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag wurde zum ersten Mal seit 1949 wieder die Uhr um eine Stunde vorgestellt; am 28. September 1980 sollte das wieder rückgängig gemacht werden.

Viele ältere Deutsche dachten dabei 40 Jahre zurück. Denn zuletzt zum 1. April 1940 war das Instrument Sommerzeit eingesetzt worden. Also im Zweiten Weltkrieg, aber noch vor Beginn der andauernden Kampfhandlungen – es gab Leserbriefe in westdeutschen Zeitungen, die ganz ernsthaft fragten, ob denn die Lage so schlecht sei, dass die Regierung Schmidt zum gleichen Mittel wie einst das Hitler-Regime greifen müsse.

Nur wenige hingegen konnten sich an die erste Einführung einer veränderten Uhrzeit im Sommer erinnern. Der 1. Mai 1916 hatte, so eine am vom 6. April 1916 im Reichsgesetzblatt veröffentlichte Verordnung der damaligen Reichsleitung, „am 30. April 1916 nachmittags elf Uhr nach der gegenwärtigen Zeitrechnung“ begonnen.

Der Grund für alle drei Einführungen der Sommerzeit, 1916, 1940 und 1980, war stets der gleiche: Energiesparen. Genauer: Brennstoff für Beleuchtung sparen. Die Uhren in Deutschland wurden um eine Stunde vorgestellt, um wenigstens von Frühjahr bis Herbst das reichlich vorhandene und kostenlose Tageslicht maximal auszunutzen, also den Bedarf an künstlichem Licht zu reduzieren.

Im Ersten und im Zweiten Weltkrieg brauchte man die Steinkohle, aus der damals Stadtgas für Laternen und Strom für Zimmerleuchten gewonnen wurde, für den Betrieb der Rüstungsindustrie. 1980 waren es die Folgen der vorangegangenen Ölpreiskrisen (noch keine Angst vor einer angeblich oder tatsächlich bevorstehenden Klimakatastrophe), die Energiesparen als Gebot der Zeit erscheinen ließen.

Erstmals vorgeschlagen hatte eine Zeitumstellung in Deutschland 1912 der Geheimrat Henry von Böttinger, Mitglied des Preußischen Herrenhauses. So würden die damals zehn-, manchmal zwölfstündigen Arbeitstage zwar später, aber schon im Frühjahr bei natürlichem Licht beginnen und abends bei natürlichem Licht andauern.

Doch erst die Herausforderungen des Krieges sorgten dafür, dass Böttingers Idee umgesetzt wurde. Mit vielerlei Postkarten, Flugschriften und Ähnlichem versuchte die Reichsleitung im April 1916, die bevorstehende Zeitumstellung populär zu machen. Auch praktisch alle Zeitungen wiesen mehrfach auf die Veränderung hin. Die Deutschen nahmen es hin – die umgestellte Zeit hatte nach schon fast zwei Jahren Krieg eher marginales Erregungspotenzial.

Claire Hölig steht am 16.03.2016 im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen (Baden-Württemberg) vor einer Schautafel zum Thema Sommerzeit im Jahr 1916. Eine Sonderausstellung befasst sich bis zum 30.10.2016 mit dem Thema "100 Jahre Sommerzeit". Foto: Patrick Seeger/dpa (zu lsw-KORR:"Seit einem Jahrhundert wird zum Sommer an der Uhr gedreht" vom 21.03.2016) | Verwendung weltweit

Ausstellung im Deutschen Uhrenmuseum in Furtwangen über die Sommerzeit

Quelle: picture alliance / dpa

Weil dennoch die Sommerzeit als Diktat der undemokratischen, monarchischen Regierung galt, verlängerte die Weimarer Nationalversammlung diese Regelung im Frühjahr 1919 ausdrücklich nicht. Das Kapitel Sommerzeit in Deutschland schien erledigt.

Zumindest bis zum 1. April 1940. Zu diesem Stichtag führte die Reichsregierung ebenfalls per Verordnung die Sommerzeit ein, die eigentlich bis zum 6. Oktober 1940 gelten sollte. Doch vier Tage vorher wurde die anstehende Umstellung aller Uhren wieder abgesagt – der Aufwand schien zu groß. So blieb die Sommerzeit unverändert bis zum 2. November 1942 in Kraft. Erneut galt sie 1943 (vom 29. März bis 4. Oktober) und 1944 (vom 3. April bis 2. Oktober).

Im Frühjahr 1945 wurde, diesmal zum 2. April, abermals die Sommerzeit eingeführt – allerdings nur noch im Machtbereich des Dritten Reiches, das zu dieser Zeit nur noch von der Weser im Westen bis zur Oder im Osten reichte. Aber während der Eroberung durch die Westalliierten und die Rote Armee sowie in den ersten Monaten der Besatzung hatten die Menschen in Deutschland andere Sorgen als die gerade geltende Uhrzeit.

Schlagersänger Howard Carpendale (r) bedankt sich am 23.09.1980 in Bonn bei Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) für die Einführung der Sommerzeit. Die gewonnene Stunde hatte den Sänger zu dem Song "Eine Stunde für Dich" angeregt. Zu seinem Treffen mit dem Minister brachte er ein Exemplar seines Albums und eine Uhr mit zwei Stundenzeigern mit. | Verwendung weltweit

Howard Carpendale und Bundesinnenminister Gerhart Baum (FDP) bei einem Auftritt für die Sommerzeit 1980

Quelle: picture alliance / Horst Ossinge

Zumal die Siegermächte unterschiedliche Regelungen trafen: In der Sowjetischen Besatzungszone galt zunächst für offizielle Stellen Moskauer Zeit, bis sich das als unpraktisch herausstellte. Aus Gewohnheit wurde die jährliche Umstellung von Winter- auf Sommerzeit noch beibehalten, gab es doch ohnehin nur wenige Fahrpläne, die eingehalten, und nur wenig Industrie, die nach einem genauen Takt rund um die Uhr betrieben wurde. Am 2. Oktober 1949 endete die letzte Sommerzeit in der gerade erst gegründeten Bundesrepublik – bis 1980.

Während mehrere westeuropäische Staaten schon 1977 aus Energiespargründen die Zeitumstellung reaktiviert hatten, zögerte die Bundesregierung noch – man wollte für die Bundesrepublik keine andere Zeit als in der DDR. Doch im Herbst 1979 verkündete auch das SED-Regime die erneute Einführung der Sommerzeit. Damit war der Weg frei für eine weitgehende europäische Angleichung der Uhren.

Ende der Zeitumstellung wohl nicht vor dem Jahr 2021

Am 31. März ist es so weit, die Uhren werden wieder auf die Sommerzeit umgestellt. Lange sah es so aus, als ob die Zeitumstellung ganz abgeschafft wird, doch vor dem Jahr 2021 passiert das wohl nichts.

Quelle: WELT/ Lukas Axiopoulos

Die erste Umstellung seit 31 Jahren führte kaum zu Problemen und eher zu lustigen Begebenheiten. So registrierte die Kieler Polizei in ihrem Einsatzbericht für die Nacht vom 5. auf den 6. April 1980 eine außergewöhnlich lange Einsatzfahrt. Um 1.59 Uhr war eine Streife wegen einer Schlägerei in das Hafenlokal „Rote Laterne“ gerufen worden. Zwar dauerte die Fahrt nur zehn Minuten, dennoch musste als Ankunftszeit 3.09 Uhr ins Protokoll eingetragen werden.

Ansonsten machte der „Zeitsalat“ den Bundesbürgern kaum Probleme. Man nahm es gelassen. Zwar gab es einige Verspätungen im Eisenbahn- und Flugverkehr sowie einige Verwirrung an den schweizerischen Grenzen, denn die Schweiz führte die Sommerzeit erst 1981 ein. Größere Schwierigkeiten aber wurden nicht gemeldet.

Zeitumstellung verursacht Mini-Jetlag

Die Umstellung auf die Sommerzeit stiehlt nicht nur Schlaf, sondern verursacht sogar einen Mini-Jetlag. Die innere Uhr kommt durcheinander und Schlafforscher warnen vor Gesundheitsproblemen.

Quelle: WELT/Lea Freist

Allerdings auch keine größeren Effekte. Die prognostizierten Einsparungen an Strom von 0,3 Prozent bestätigten sich nicht. In den vergangenen vier Jahrzehnten hat hingegen die Kritik an den physiologischen Belastungen durch die wenn auch nur geringe Zeitverschiebung zugenommen. Die Europäische Union will daher den alljährlichen Wechsel zwischen Winter- und Sommerzeit abschaffen – wann und zugunsten welcher anderen Regelung, ist allerdings noch offen.

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