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Wie Olaf Scholz seit Jahren auf das Kanzleramt hingearbeitet hat

Für Olaf Scholz läuft alles nach Plan. Am Samstag stimmten die Parteifunktionäre den mit den Grünen und der FDP getroffenen Koalitionsvereinbarungen zu. 98,8 Prozent für den Vertrag. Und für ihn, Scholz. An diesem Montag stellte er im Willy-Brandt-Haus seine Kandidatinnen und Kandidaten für die Ministerien vor. Bis zur letzten Minute war es ihm gelungen, das Geheimnis um deren Namen zu wahren. Am Mittwoch will sich Scholz zum Kanzler wählen lassen und direkt danach dem Bundespräsidenten sein Kabinett präsentieren.

Der Sonderparteitag der SPD am Samstag war auf dem langen Weg des Hamburger Rechtsanwalts und Politikers keine große Hürde mehr. Er war seiner Sache sicher, seit seine widerspenstige Partei ihn im August vorigen Jahres zum Kanzlerkandidaten ausgerufen hat. Die Traditionspartei, die sich so lange gegen ihn gewehrt hatte, versammelte sich am Ende hinter ihm, einig wie selten.

Von ihren Rechnern daheim schicken Digitaldelegierte Herzchen auf die Bildschirme des SPD-Fernsehens. Es regnet also rosa Herzchen, als Scholz sich noch einmal an die Versammlung der Sozialdemokraten wendet, die soeben dem Koalitionsvertrag zugestimmt hat. Andere würden jetzt vielleicht eine Dankesrede halten, für Rührung sorgen, selbst gerührt sein. Scholz aber mag es, wenn er den kurz angebundenen Hanseaten geben kann. Und deswegen sagt er bloß einen Satz: „Ja, und nun machen wir uns an die Arbeit.“ Jubel der Funktionäre, rosarote Herzchen auf den Bildschirmen. Diese Geschlossenheit war, wie die Union Ende September, von Schmerzen gekrümmt, zugeben musste, ein Element seines Wahlerfolgs.

Scholz war vorbereitet

In den Koalitionsverhandlungen hatte Scholz dann seit Anfang Oktober eine Atmosphäre von Fleiß und Freundschaft verbreitet. Die SPD-Granden und die FDP, anfangs noch zögerlich, machten mit. Am Ende schienen selbst Esken und Lindner einander zu mögen, Christian und Saskia. Scholz war auf die Koalitionsverhandlungen vorbereitet. Eigentlich seit etwa zwanzig Jahren. Geradezu ehrfürchtig wird aus den vertraulichen Gesprächen berichtet, wie die Spitzen von Grünen und FDP jeweils drei Experten zu den einzelnen Fachrunden dazubaten.

Die SPD hingegen habe stets mit demselben Quintett verhandelt, Experten waren nicht nötig – Scholz wusste ja alles, jedenfalls fast. Seine Mischung aus guter Vorbereitung, Formulierungsgabe und Kompromissbereitschaft erstaunte selbst jene, die ihn zu kennen meinten. Sowohl Malu Dreyer, Ministerpräsidentin in Rheinland-Pfalz und jahrelang mit ihm im Geschäft, sagte am Samstag voller Anerkennung, sie habe Scholz bei den Verhandlungen noch einmal neu kennengelernt. Lindner bewunderte öffentlich das „innere Gerüst“, also die Haltung und Souveränität, mit denen Scholz die Gespräche zu einer Koalition führte.

Natürlich hatten nicht alle in der SPD die Absicht, Scholz zur Kanzlerschaft zu verhelfen. Schon gar nicht in einer Koalition mit den „gelben Nullen“, wie sie bei den Jusos genannt wurden. Also den FDP-Politikern, die Olaf Scholz nun „Partner und Freunde“ nennt und die für viele Jusos ein Inbegriff des Gegnerischen sind. Oder waren. Jetzt raspeln sie Süßholz, leicht vergiftet. Beim Parteitag verlieh die Juso-Vorsitzende Jessica Rosenthal der Hoffnung Ausdruck, die FDP werde sich dereinst zur Umverteilung bekennen. Kevin Kühnert, jahrelang linker Wortführer der Groko- und Scholz-Gegner, säuselte: „Das fühlt sich gut an, das fühlt sich richtig an.“ Nächste Woche werde „Olaf“ zum Kanzler gewählt, hurra.