Das gemeinsame Singen ist in Berlin bis zum 24. Oktober verboten, obwohl Hygiene- und Abstandsregeln für diese Kunst entwickelt wurden. Senator Lederer offenbart, dass er die Bedeutung des Gesangs als Kulturgut nicht ermessen kann, meint Gunnar Schupelius.

In der neusten Infektionsschutzverordnung des Berliner Senats vom 26. Juni heißt es unter § 5 (1): „In geschlossenen Räumen darf nicht gemeinsam gesungen werden.“ Dieses Verbot gilt bis zum 24. Oktober.

Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte diesen Paragrafen zuvor weder mit den Berliner Chören, noch mit den Hochschulen oder den drei Opernhäusern abgestimmt. Auf Nachfrage der B.Z. wurden Widersprüche erkennbar, die auf seine Unkenntnis der Gesangskultur schließen lassen.

Die Chorproben waren längst wieder angelaufen. Der Chorverband Berlin hatte ein Hygiene-Konzept erarbeitet, um das gemeinsame Singen möglich zu machen. Alle diese Bemühungen wurde vom Senat kommentarlos durchkreuzt. Der Chorverband protestierte in einem Offenen Brief. Vom „Auslöschen von Kulturgut“ ist dort die Rede.

Wir wollten wissen, wer das Verbot unter § 5 (1) in die Corona-Verordnung geschrieben hat. Das konnte der Sprecher der Kulturverwaltung, Daniel Bartsch, offenbar nicht erklären. „Der Senat hat die Verordnung beschlossen“, antwortete er ganz allgemein.

Aufgrund welcher Erkenntnisse wurde das Verbot erlassen? Bartsch nennt hier die „Aerosole“ als „Hauptinfektionsquelle“. Man gehe davon aus, „dass bei Anwesenheit eines Infizierten in einem geschlossenen Raum 30 bis 40 Prozent aller Anwesenden infiziert werden können.“

Kultursenator Lederer ließ den Opernhäusern ausrichten, dass das Verbot nicht für Solisten gelte. Die dürfen also singen. Die Solisten stehen aber in genau demselben Abstand auf der Bühne, wie die Chorsänger nach den neuen Hygieneregeln. Und sie stehen dort nicht allein. Auch sie können „30 bis 40 Prozent aller Anwesenden“ infizieren.

Auf unsere Nachfrage hin bestätigte Sprecher Bartsch sogar, der Spielbetrieb an den Opern werde „mit Spielzeitbeginn wieder aufgenommen werden können“, aber nur als „abwechselnder dialogischer Gesang“.

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Während ein paar Solisten singen und dabei Abstand halten, müssen die Chorsänger, die im gleichen Abstand singen, also schweigen? Und die Gesangslehrer, die im gleichen Abstand ihre Schüler unterrichten wollen, dürfen das auch nicht? Das versteht kein Mensch mehr!

Wenn irgendwelche Bürokraten einen Paragrafen schmieden, der den Gesang in dieser Stadt unmöglich macht, dann ist es die Aufgabe des Kultursenators, einzuschreiten und sich schützend vor die Künstler zu stellen. Stattdessen winkte Lederer eine Verordnung mit durch, die den Künstlern in den Rücken fällt.

Christian Höppner, der Generalsekretär des Deutschen Musikrates, sagte, das Singen sei „elementar für die Kulturnation Deutschland und unter Wahrung der Hygienevorschriften sehr wohl in geschlossenen Räumen möglich“. Das Gesangsverbot in Berlin offenbare ein erschreckendes Kulturverständnis. Er hat recht.

Es hat sich seit Beginn der Corona-Notverordnungen im März nicht viel geändert: Sie werden ohne Anhörung der Betroffenen verhängt und rücksichtslos durchgesetzt.

Hat Gunnar Schupelius recht? Rufen Sie an: 030/2591 73153, oder Mail: gunnar.schupelius@axelspringer.de.