Luxembourg
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Die Welt in roten Flammen

Filmkritik

Mit „Roter Himmel“ beweist Christian Petzold seine Kunstfertigkeit als Filmemacher. In dem filmischen Spiel mit dem Feuer ist die Welt nach dem Brand eine andere.

Blick in den roten Himmel: die vier Heranwachsenden sehen vom Dach ihres Ferienhauses den nahenden Brand auf sie zu kommen.

Blick in den roten Himmel: die vier Heranwachsenden sehen vom Dach ihres Ferienhauses den nahenden Brand auf sie zu kommen. Foto: Schramm Film Koerner & Weber

Wer Petzolds Filme kennt, weiß, dass einen filmisch oft kleine Wunderwerke erwarten. Im Fall von „Roter Himmel“ hängt die Latte noch höher, denn der Film gewann auf der 73. Berlinale den Großen Preis der Jury. Es folgte ein Eklat in der Filmbranche, weil der Beitrag nicht für die Verleihung des Deutschen Filmpreises 2023 berücksichtigt wurde.

Bevor die Zuschauer rot sehen, beginnt es wie ein Horrorfilm. Die Freunde Leon (Thomas Schubert) und Felix (Langston Uibel) fahren an die Ostsee. Doch das Auto strandet vor der Ankunft, und so müssen sie sich durch den Wald zur Datscha von Felix’ Mutter durchschlagen. Im Unterholz knackt es bedrohlich ...

Bevor die Zuschauer rot sehen, beginnt es wie ein Horrorfilm.

Die sehr unterschiedlichen Freunde wollen die Zeit im Ferienhaus am Meer verbringen, um abzuschalten und mit ihren Projekten voranzukommen. Leon will seinen Roman mit dem trashigen Titel „Club Sandwich“ überarbeiten, während der verträumte Felix seine Fotomappe zur Bewerbung an der Berliner Hochschule der Künste fertigstellen will.

Zwischen Horrorfilm, Ferienidylle und Tragödie

Doch das Haus ist schon doppelt belegt. Dort vergnügen sich bereits Nadja (Paula Beer) und der Rettungsschwimmer Devid (Enno Trebs), ein als schlichte Figur angelegter Mecklenburger mit Ken-Oberkörper: eine komplizierte Konstellation, die viel Raum für Neues bietet.

Leon ist von Anbeginn fasziniert von Nadja und tritt in jedes denkbare Fettnäpfchen. Der Refrain „In my Mind“ der Popband Wallners gibt von Anbeginn den Sound gewissermaßen im Rhythmus von Leons Herzklopfen vor.

Der Refrain „In my Mind“ der Popband Wallners gibt von Anbeginn den Sound gewissermaßen im Rhythmus von Leons Herzklopfen vor.
Betörend: Paula Beer als akademische Femme Fatale Nadja.
Betörend: Paula Beer als akademische Femme Fatale Nadja.

Betörend: Paula Beer als akademische Femme Fatale Nadja. Foto: Schramm Film Koerner & Weber

Während sich die Paar-Konstellationen sukzessive verschieben, rückt der Brand näher. Vom Dach aus können die vier Schicksalsgenossen den roten Himmel beobachten. Die enigmatische Nadja, die Paula Beer grandios als akademische Femme Fatale mit Biolatschen verkörpert, hat irgendwann Asche im Weinglas.

Paula Beer als Femme Fatale mit Biolatschen

Regisseur Petzold setzt mit „Roter Himmel“ seine geplante Trilogie über Elemente fort. In „Undine“ glänzte seine Muse Beer in einer Unterwasserwelt.

Regisseur Petzold setzt mit „Roter Himmel“ seine geplante Trilogie über Elemente fort.

Unter anstrengenden Begegnungen und Spannungen entwickelt sich die Ferienidylle zu einer Tragödie. Gebannt folgt man den Charakteren, allen voran dem Schriftsteller Leon, der sich als grantiger Stinkstiefel erweist und selbstbezogen und unsicher die Welt außerhalb kaum wahrnimmt. Wer narzisstische Autoren in seinem Umfeld hat, weiß, wie treffend Thomas Schubert den stets verkrampften und unsicheren Leon verkörpert.
 

Lesen Sie auch:

Sisi wird zur feministischen Ikone

(Kamera-)Spiel mit Farben und Formen

Im betörenden Spiel mit Farben und Formen (Kamera: Hans Fromm) bricht Petzold Stereotype auf, insbesondere durch den Blickwinkel von Leon, der Nadja zunächst als Russin und Eisverkäuferin abstempelt. Matthias Brandt spielt den wichtigtuerischen Verleger wunderbar, der dem angehenden Autor genüsslich sein Manuskript verreißt und dabei doch nur Augen für Nadja hat. Während sich die Zeichnung der Figuren so zu einer grandiosen Charakterstudie zusammenfügt, nimmt die Tragödie, die der rote Himmel wie in Antonionis „Die rote Wüste“ ankündigt, leise ihren Lauf.

In wie viele Fettnäpfchen kann man treten? Der selbstbezogene Schriftsteller Leon (Thomas Schubert) versucht bei Nadja (Paula Beer) zu landen.
In wie viele Fettnäpfchen kann man treten? Der selbstbezogene Schriftsteller Leon (Thomas Schubert) versucht bei Nadja (Paula Beer) zu landen.

In wie viele Fettnäpfchen kann man treten? Der selbstbezogene Schriftsteller Leon (Thomas Schubert) versucht bei Nadja (Paula Beer) zu landen. Foto: Schramm Film Koerner & Weber

Auf ein schmerzhaftes Erwachsenwerden folgt ein düsteres Erwachen.

Am Ende steht ein Alptraum und Leon blickt sterbenden Wildschweinen in die Augen. Auf ein schmerzhaftes Erwachsenwerden folgt ein düsteres Erwachen. Natürlich klart der rote Himmel irgendwann wieder auf, Petzolds „Roter Himmel“ aber wirkt nach. – Ein starker Beitrag über Menschen und ihre Sehnsüchte, der einen wehmütig stimmt.

Im Utopia