Luxembourg
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„Kucke, wat geflu kennt“

Euro Birdwatch 2023

Der Teichrohrsänger war im Jahr 2022 der am dritthäufigsten gezählte Vogel beim Birdwatch in Luxemburg.

Der Teichrohrsänger war im Jahr 2022 der am dritthäufigsten gezählte Vogel beim Birdwatch in Luxemburg. Foto: Chris Karaba

Am Montag gelingt einem Ornithologen auf der Sëller Héicht bei Boevingen ein Volltreffer. Er kann einen Fischadler beobachten, der sich auf dem Weg von seinem Brutgebiet in Skandinavien in sein Winterquartier im südlichen Afrika befindet. Er hat doppeltes Glück, auch ein seltener Schwarzstorch zeigt sich vor der Kameralinse.

Rund 50 Milliarden Zugvögel bevölkern unseren Planeten, das Großherzogtum befindet sich auf einer wichtigen Migrationsroute. Die Migrationszeit der Vögel hat Anfang Juli begonnen und dauert noch bis Mitte November. „An diesem Wochenende wird wieder viel unterwegs sein“, sagt Jim Schmitz, der Vizepräsident von natur&ëmwelt, Mitorganisator des Euro Birdwatch, einer europaweiten Zählung der Wildvögel.

Jim Schmitz, Vizepräsident von natur&ëmwelt und Mitorganisator des Euro Birdwatch.
Jim Schmitz, Vizepräsident von natur&ëmwelt und Mitorganisator des Euro Birdwatch.

Jim Schmitz, Vizepräsident von natur&ëmwelt und Mitorganisator des Euro Birdwatch. Foto: Steve Eastwood/LW Archiv

„Der Vogelzug bietet immer Interessantes“, meint natur&ëmwelt und lädt am Samstag und Sonntag an vier unterschiedliche, unter Ornithologen bekannte Orte ein. Am Samstag stehen beim Biodiversum in Remerschen eine Hüttentour und eine Schatzsuche auf dem Programm. Am Sonntag findet eine Führung durch das Naturschutzgebiet Schlammwiss in Übersyren mit Besichtigung der Beringungsstation statt, in Wintger können Wasservögel beobachtet werden und auf dem Kaltreis Stadtvögel. „Fachkundige Ornithologen werden Sie auf Details aufmerksam machen, die Sie alleine gar nicht wahrnehmen würden“, verspricht natur&ëmwelt.

Die Kraniche sind noch nicht aufgebrochen

Die Anwesenheit des wohl bekanntesten Zugvogels, den Kranich, kann jedoch niemand garantieren. In diesem Herbst wurde in Luxemburg noch kein Kruckert gesichtet, Zehntausende Exemplare finden sich gerade im Osten und Nordosten Deutschlands zusammen und werden bald in ihre Wintergebiete aufbrechen. Dann machen viele auch in Luxemburg halt. Es gab Jahre, da sah die Reiseplanung des Kranichs anders aus und er brach früher auf.

Der Hauptorganisator des Euro Birdwatch, Birdlife, besteht seit fast 100 Jahren. Auch in diesem Jahr werden wieder Anfang Oktober die Vögel im Dienst der Wissenschaft gezählt. 4,6 Millionen einzelne Vögel wurden im vergangenen Jahr beobachtet, bestimmt und die Informationen in eine Datenbank eingetragen. Europas am häufigsten beobachteter Vogel war der Buchfink.

An diesem Wochenende werden wieder viele Zugvögel unterwegs sein.

Auch in Luxemburg war der Buchfink der am häufigsten gemeldete Vogel, gefolgt von der Rauchschwalbe. Der Teichrohrsänger landete auf dem dritten Platz. Dabei muss das Finkenzählen nicht langweilig sein. Jim Schmitz mag die Herausforderung, die gefiederten Stars vor die Kamera zu bekommen und zum richtigen Moment „ein gutes Foto“ zu schießen. „Das ist nicht einfach“, sagt er.

Für den Laien ist es mitunter eine Herausforderung, zu bestimmen, was genau er mit seiner Kamera festgehalten hat. Dabei sei es eigentlich ganz leicht. „Die moderne Technik unterstützt mich dabei“, gibt der erfahrene Ornithologe zu. Es gibt Apps, die zuverlässig die Vogelart anhand eines Fotos bestimmen können, anderen Apps reicht dazu eine Aufnahme des Gesangs.

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Tankstopp für gefiederte Reisende in der Schlammwiss

Das war nicht immer so. „In den 1980er-Jahren erschien der Atlas der Brutvögel Luxemburgs“, sagt Schmitz. Das Buch entwickelte sich zum Standardwerk für jeden, der sich für die Vogelwelt Luxemburgs interessiert. Es werde höchste Zeit, diesen Atlas in einer aktualisierten Form wieder auf den Markt zu bringen, betont Schmitz.

Laut Atlas leben in Luxemburg Habichte, Falken, Bussarde, Sperber und Milane. Aktuell gebe es viele Beobachtungen von Greifvögeln, erklärt Jim Schmitz. Auch er hat von dem Fischadler gehört, sowie von zahlreichen Rotmilanen.

Seltenheitsrecherche und Naturschutz

Dabei soll die Jagd nach dem spektakulärsten Foto nicht in eine „Seltenheitsrecherche“ ausarten, sagt Schmitz. Vor allem Arten, die sich auf der roten Liste befinden und vom Verschwinden bedroht sind, solle man „in Ruhe lassen“ und sich nicht aktiv auf deren Suche begeben.

Dann spricht er auch die Nachteile der neuen Technik an. Wenn sich ein besendertes, seltenes Tier auf die Reise begibt, wissen die „Sensationsornithologen“ Bescheid. Sie können den Flug nahezu live mitverfolgen. Wenn eine Nachricht von der nahenden Ankunft eines außergewöhnlichen Gastes auf den sozialen Medien gepostet wird, könne es sein, dass „dann 50 Leute in der Hecke stehen, wenn der Vogel gerade Rast macht“.

Als ein Kaiseradler Luxemburg besuchte

Jim Schmitz erinnert an das Schicksal des Kaiseradlers Artemisia, der seine Heimat Österreich verließ und der erste Kaiseradler war, der Luxemburg besuchte. Artemisia wurde durch seinen Flug zu einer internationalen Berühmtheit – und wurde nach seiner Rückkehr in den Alpen angeschossen vorgefunden und musste eingeschläfert werden.

„Die Untersuchungen ergaben, dass der Vogel offensichtlich sitzend angeschossen wurde. Die Kugel durchschlug beide Beine und trennte diese nahezu ab. Offene Brüche und ein massiver Blutverlust waren die Folge“, berichtet der Greifvogelforscher Matthias Schmidt in der „Kleine Zeitung“.

All jenen, die über den Birdwachday hinaus einen Teil zum Schutz der bedrohten und seltenen Vogelarten beitragen will, empfielt Schmitz das Monitoringprogramm häufiger Brutvögel von ornitho.lu. Das sei jedoch eher etwas für Spezialisten. Anfängern, die den Birdwatch verpasst haben, rät Schmitz, sich eine hoch gelegene Stelle im Wald zu suchen. Einfach „kucke, wat geflu kennt“.