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„Offene Türen einzutreten, wäre langweilig“, meint Myriam Muller

Im Grand-Théâtre

„Was passiert, wenn plötzlich ein Sandkorn in das menschliche Getriebe kommt?“, fragt sich Myriam Muller in ihrem Stück „Elena“, der Bühnenfassung des gleichnamigen Films von Andreï Zvyagintsev. Dann zeigt sich nämlich, welche Instinkte tatsächlich in uns schlummern.

„Was passiert, wenn plötzlich ein Sandkorn in das menschliche Getriebe kommt?“, fragt sich Myriam Muller in ihrem Stück „Elena“, der Bühnenfassung des gleichnamigen Films von Andreï Zvyagintsev. Dann zeigt sich nämlich, welche Instinkte tatsächlich in uns schlummern. Foto: Chris Karaba

Das Drama „Elena“ wird im Grand-Théâtre aufgeführt. Es ist eine Bühnenfassung des gleichnamigen Films des russischen Regisseurs und Drehbuchautors Andreï Zvyagintsev. Myriam Muller inszeniert das Stück. Premiere war am Donnerstag.

„Nein, ich bin eigentlich nie nervös, auch nicht, wenn ich selbst auf der Bühne stehe“, bekennt die Theaterregisseurin und Schauspielerin drei Tage vor der Premiere. Vieles wird noch angepasst, vor allem die Bühnentechnik, Licht, Ton und Musik; all’ das, was hinter einer solch großen Produktion steckt.

Durch das dunkle Backstage-Labyrinth schlängelt sich Myriam Muller auf die Bühne zum Fototermin und hilft dabei beiläufig dem Szenografen beim Beziehen eines Bettes. Christian Klein hat das Bühnenbild konzipiert: ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer mit Couch und zur Mitte eine Küche. Ein Luxus-Appartement, ein „huis-clos“, in dem sich das Drama abspielt. Schauspieler und Schauspielerinnen werden in Nahaufnahmen auch auf eine Videowand, die sich quer über die Bühne erstreckt, projiziert.

Zuletzt hat Myriam Muller für das Grand Théâtre „Songes d’une nuit d’été …“ nach William Shakespeare inszeniert. Warum nun „Elena“ von Andreï Zvyagintsev? Dieser Film enthalte Themen, die sie beschäftige, sagt die Regisseurin. Sie verweist dann aber auf „Jeanne Dielman, 23, quai du Commerce, Bruxelles“, einen Film von Chantal Akerman von 1975, der zu den 100 besten Filmen aller Zeiten gewählt wurde. Darin werden drei Tage im Leben einer Frau erzählt, alltägliche Gesten, bis am dritten Tag etwas ganz Unerwartetes passiert.

Sie ist versorgt, er wird umsorgt

Diese nüchterne und emotionslose Theatralik sei auch in „Elena“, meint Myriam Muller, sowie in dem Stück „Das Wunschkonzert“ von Franz-Xaver Kroetz. Vor Jahren hat sie dieses „stumme“ Stück gespielt. Kein einziges Wort wird gesprochen. Eine Frau tut ganz routinemäßig das, was sie jeden Tag tut. Zwischen Nach-Hause-Kommen und Zu-Bett-Gehen verfolgen die Zuschauer ihr Dasein in Echtzeit. Alles ist strukturiert, geordnet und am Ende nimmt sie sich das Leben.

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In „Elena“ gibt es Parallelen, wobei vor allem die Entfremdung der Frau die Regisseurin beschäftigt. Zu Beginn des Films von Zvyagintsev wird während acht Minuten nichts gesagt. Elena verlässt ihr Bett, kämmt ihr Haar, blickt in einen Spiegel, zieht die Vorhänge zur Seite, geht ins Nebenschlafzimmer, zieht auch da die Vorhänge zur Seite, weckt ihren Mann, und erst dann fällt das erste Wort.

„In meiner Bühnenfassung dauert es noch länger, bis das erste Wort gesprochen wird“, lacht Myriam Muller. Das Paar, gespielt von Nicole Dogué und Alexandre Trocki, hat erst spät zusammengefunden. Er reich, sie arm, beide leben mehr nebeneinander, als miteinander. „Ich hatte den Wunsch, ein Stück über ein älteres Paar auf die Bühne zu bringen. Elena ist eine Frau, die – wie viele Frauen früher – abhängig ist von ihrem Mann. Sie wird versorgt, lebt in einem goldenen Käfig, aber wo ist da die Liebe?“

In „Elena“ finden beide einigermaßen ihr Glück. Sie ist finanziell versorgt, er häuslich umsorgt. „Man kann das als Liebe bezeichnen“, meint Myriam Muller, „und vielleicht gab es auch mal etwas Romantik in dieser Beziehung, aus der eine Zweckgemeinschaft geworden ist.“

Was aber passiert, wenn plötzlich ein Sandkorn in das Getriebe kommt? Welche archaischen Instinkte treten dann hervor? Das interessiert die Regisseurin.

Im Endeffekt wird deutlich, wer was für ein Mensch ist und welche Instinkte in uns allen schlummern.

Myriam Muller

Theaterregisseurin

Elenas Sohn aus einer ersten Ehe, Frank, gespielt von Jules Werner, braucht unbedingt Geld. Vladimir, ihr Mann, will aber Frank nicht unter die Arme greifen. Er begründet das und hat auch seine Argumente dafür. Es treffen zwei gegensätzliche Meinungen aufeinander, die beide auch nachvollziehbar sind. „Genau aus diesem Grund mache ich Theater“, so Myriam Muller. „Offene Türen einzutreten, wäre doch langweilig. Das Leben ist kompliziert, die Situation komplex, und dabei wird im Endeffekt deutlich, wer was für ein Mensch ist und welche Instinkte in uns allen schlummern.“

Das Stück aus seinem russischen Kontext geholt

Der Film hat ein offenes Ende, die Bühnenfassung auch. Die Regisseurin hat das Stück aus seinem russischen Kontext geholt. In der Filmfassung braucht Elena Geld, um ihrem Enkelsohn ein Universitätsstudium zu ermöglichen, was ihm den Militärdienst ersparen würde. Dies wäre ein aktueller Bezug zum Krieg in der Ukraine gewesen, den Myriam Muller aber nicht haben wollte. Ihr Wunsch war es, das Stück nicht auf Russland zu reduzieren.

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In „Elena“ geht es um Frauenschicksale. Neben der Titelrolle ist noch ein zweite, wichtige Frauenrolle vorhanden: Katia, gespielt von Sophie Mousel. „Sie könnte die befreite Frau sein, ist es aber nicht, da sie die ganze Zeit von ihrem Vater abhängig ist, und das scheint sie keineswegs zu stören“, erklärt Myriam Muller. „Ich habe ihre Rolle textlich etwas ausgebaut. Katia hinterfragt den Menschen als Raubtier in der Gesellschaft.“

Sophie Mousel, die in „Läif a Séil“ demnächst auch auf der Kinoleinwand zu sehen ist, spielt bereits das dritte Mal in einem Stück von Myriam Muller, nach „Ivanov“ (2020) und „Liliom“ (2021). „Ich erkenne mich selbst sehr in Sophie wieder, sie ist wirklich eine großartige Schauspielerin, die ihren Beruf sehr gut ausfüllt.“ Mit Nicole Dogué in der Rolle von Elena hat Myriam Muller oft auf der Bühne gestanden, zuletzt in „Hedda Gabler“ im Grand-Théâtre.

Nach den Aufführungen in Luxemburg wird das Stück übrigens sofort auf Tournee gehen. Erst nach Liège (vom 11. bis 14. Oktober), dann nach Châlons-en-Champagne (19. und 20. Oktober) und Grenoble (21. und 22. November). Nach „Blind date“ von Théo Van Gogh (2014) und „Breaking the Waves“ von Lars von Trier (2019) ist „Elena“ von Andreï Zvyagintsev nun bereits der dritte Film, den Myriam Muller als Bühnenfassung vor das Theaterpublikum bringt.

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„Elena“ von Andreï Zvyagintsev, Regie Myriam Muller, mit Garance Clavel, Nicole Dogué, Olivier Foubert, Hadrien Heaulmé, Sophie Mousel, Alexandre Trocki, Jules Werner, Gaspard Calimente Colla am Samstag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag um 20 Uhr; an diesem Sonntag um 17 Uhr. www.theatres.lu

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