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172 Jahre alte Weisheit so aktuell wie nie: Das ist die Zukunft des Ebersberger Forstes

Wie muss ein gesunder Wald angesichts des Klimawandels aufgestellt sein? Die Antwort findet sich nicht nur in aktueller Wissenschaft, sondern auch in einem Buch von 1849.

Landkreis – Als unlängst gut zwei Dutzend Forstexperten, vorwiegend aus Südbayern, auf Initiative der Forstverwaltung und der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft (LWF) den Ebersberger Forst inspizierten und sich dabei ausführlich auch mit der dort installierten Waldklimastation befassten, hatte der für den Bereich zuständige Forstbetriebsleiter Heinz Utschig zusammen mit seinem Stellvertreter Sebastian Klinghardt und dem Serviceleiter Michael Waldherr eigens für die Kollegen ein kleines Heftchen zusammengestellt.

Titel: „Waldumbaustrategie im Ebersberger Forst“. Auf Grundlage der mithilfe der Klimastation gesammelten Daten kommen Utschig und Co. zu einer klaren Erkenntnis: Der Klimawandel kommt nicht, er hat schon längst begonnen.

Klimawandel im Ebersberger Forst: Es wird nachweislich immer wärmer

Die Autoren des Berichts aus Wasserburg verweisen u. a. darauf, dass mit einer Mitteltemperatur von 10,3 Grad Celsius das Jahr 2019 zusammen mit dem Jahr 2014 das bislang zweitwärmste in Deutschland seit Beginn der regelmäßigen Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 war. Auch die Messdaten aus dem Forst bestätigten das. An der Wetterstation Ebersberg wurde zwischen 1961 und 1990 eine Jahresmitteltemperatur von 7,5 Grad Celsius gemessen, zwischen 1981 und 2010 waren es schon 8,3 und zwischen 2006 und 2015 gar 9,0 Grad. Betrachte man das 2015 isoliert, gehe es um einen Mittelwert von schon 9,9 Grad, schreiben die Fachleute. Damit, so Utschig, sei ein Niveau erreicht, das man schon als Weinbauklima bezeichnen könne.

Dass von den Wasserburgern gesammelte Datenmaterial weist weitere Fakten auf, die nicht gerade optimistisch stimmen. Neun der zehn wärmsten Jahre lagen innerhalb der letzten 20 Jahre, heißt es etwa. Daraus ergebe sich aus Sicht der Forstverwaltung eine zentrale Frage: Welche Bäume sollen wir jetzt pflanzen, damit diese in 80 Jahren keine Probleme aufgrund wärmerer Temperaturen haben? Betrage, so heißt es nämlich weiter, die mittlere Tagestemperatur im Jahr 2100 die pessimistisch prognostizierten 12 Grad Celsius, so fielen viele der derzeit favorisierten Baumarten wie etwa die Buche aus.

Die Lösung für den Ebersberger Forst: Der sogenannte Klimawald

Die Lösung der Probleme haben die hiesigen Forstexperten in einem Begriff zusammengefasst: Klimawald. Der ist strukturreich. In ihm wachsen große und kleine Bäume unterschiedlichen Alters und Höhe unmittelbar nebeneinander. Strukturreichtum, so Utschig, sichere langfristig den Holzzuwachs, den Holzerlös und die Schutzfunktion des Waldes. Der Klimawald sei folglich ein gemischter Wald.

Unser Karikaturist Alfred Scheffelmann hat sich zu den Waldmessstellen im Ebersberger Forst so seine eigenen Gedanken gemacht. 

Keine wahrlich revolutionäre Erkenntnis, räumen die Autoren ein. Der Wandel hin zum Mischwald, schreiben sie, sei für die Bayerischen Staatsforsten nichts Neues. Bereits seit 40 Jahren reichere man die Wälder mit Mischbaumarten an. Heimische Sorten wie Tanne, Eiche oder Elsbeere werden dabei in einem Atemzug genannt mit neuen Arten wie Douglasie, Esskastanie oder Baumhasel. Um das alles hinzubekommen, sei ein organisierter, einer Konzeption folgender Waldumbau unverzichtbar.

Neue Sorten mit dem Schutz von alten Bäumen kombinieren

Ohne den Schutz von Altbäumen könne der Klimawald allerdings schwerlich entstehen, räumen die Fachleute ein. Altbäume bilden nämlich sozusagen einen Schirm, schützen vor Hitze oder Frost. Dass das keineswegs nur theoretisches Wissen ist, hat die Vergangenheit im Ebersberger Forst hinlänglich bewiesen. Durch eine Nonnenkalamität (Massenvermehrung des Nonnenfalters sowie Kahlfraß auf 2800 ha) entstanden um 1889 und 1892 riesige Freiflächen, die Aufforstung danach habe laut Utschig 40 Jahre gedauert. Von geplanten 600 Hektar Laubholz konnte lediglich ein Zehntel realisiert werden. Der Schutz durch besagte Altbestände fehlte.

Ein weiterer Aspekt: Ein Wandel hin zum Klimawald sei großflächig ohne waldangepasste Wildbestände nicht möglich, heißt es in dem Strategiepapier zum Waldumbau. Der Jagd komme daher dauerhaft eine große Aufgabe zu. In Wasserburg setzt man summa summarum auf ein Vier-Baumarten-Konzept. Gemeint sind klimaangepasste heimische Arten sowie neue Baumarten wie Douglasie und Esskastanie. „Nur junge, leistungsfähige und schnell wachsende gemischte Wälder, die wir pflegen und nachhaltig bewirtschaften, sind besonders wirkungsvolle CO2-Senken.“

„Forstwirthschaftliche Mittheilungen“ von 1849 plädieren für den Mischwald

Klimawald macht also Arbeit. Auch das ist keine wirklich neue Erkenntnis. Aber eine, auf die die Forstleute gerne hinweisen, wenn es mal wieder Waldbesucher gibt, die sich wegen laufender Forsternten beschweren.

Kopie eines alten Dokuments aus dem Jahr 1849. Es belegt, dass man den ökologischen Nutzen eines Mischwaldes schon damals (er)kannte.

Übrigens: Dass ein gut durchmischter Wald eigentlich schon immer das war, was man sich aus Experten sicht wünschte, hat Peter Speckmaier, ein ehemaliger Mitarbeiter in der Forstverwaltung, in einem alten Dokument wiedergefunden, das ihm als Kopie zur Verfügung steht. In den „Forstwirthschaftlichen Mittheilungen“ hieß es schon 1849 über Wirthschaftsregeln für den bayerischen Wald: „Die Erfahrung, daß aus Fichten, Tannen und Buchen gemischte Bestände den Boden auf höherer Produktionskraft erhalten, und den ungünstigen elementarischen und anderen Einflüssen erfolgreicher Widerstand zu bieten vermögen, als reine Fichten- und Tannenbestände, und daß letztere Holzarten in der Untermischung mit der Buche den höchsten Grad ihrer Vollkommenheit in kürzester Zeit erreichen, bestimmt dazu, überall, wo nicht Forstrechts-Verhältnisse ein anderes erheischen, die Erhaltung beziehungsweise die Erziehung gemischter Bestände als ersten und obersten Grundsatz gelten zu lassen, wenn gleich bei den voraussichtlich für die Zukunft sich gestaltenden Absatzverhältnissen die Nachfrage nach Nadelholz zu Bau- und Nutzholz stärker als jene nach Buchenholz werden möchte.“

Der Hohenlindener Betriebsinspektor i.R. heute: „Der Klimawandel fand natürlich auch im Ebersberger Forst seit Jahrzehnten statt. Ich kenne den Forst seit 1954, weil ich dort meine Ausbildung begonnen habe. Weil der Forst seit dieser Zeit gut gepflegt und durchforstet wurde, hat er optimalen Zuwachs. Er wächst und gedeiht als umgebauter Mischwald“.

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