Als "Grafenerzählungen" hat man die Flut der Adels-Autobiografien bezeichnet, die sich nach 1945 über den deutschen Buchmarkt ergoss. Diese tragen Titel wie Lauter Abschiede, Aus verklungenen Zeiten oder Namen, die keiner mehr nennt. Vielfach enthalten sie kurzweilige bis grandiose Miniaturen über ein zumindest östlich der Elbe untergegangenes Milieu. Der Adel hatte tausend Jahre Zeit, um eine unvergleichliche Meisterschaft in der Erfindung und Tradierung von Symbolen und Geschichten zu entwickeln. Zum Kern dieser Meisterschaft gehört die erstaunlich erfolgreiche Selbstdarstellung durch die Akzentuierung Einzelner, die als Beleg für die Höherwertigkeit der Gesamtgruppe vermarktet werden. Bis heute ist die Fähigkeit, solche Bilder zu prägen, ungebrochen. Sie bilden seit Jahrzehnten ein narratives Paralleluniversum zu den Bemühungen der Historiker, die Geschichte konservativen Widerstands nuanciert zu erforschen. In oftmals nur mündlich tradierten Sentenzen sprechen Adlige im Widerstand fortlaufend druckreife Sätze, die es mit jedem letzten Akt eines Shakespeare-Dramas aufnehmen können. Die radikale Ablehnung des Nationalsozialismus erscheint hier als eine im Adelsmilieu fest verankerte und doch lässig kultivierte Selbstverständlichkeit. Von Marion Gräfin Dönhoffs einflussreichen Berichten bis zu Antje Vollmers Porträt der Grafen Lehndorff ist dieses Bild in Jahrzehnten unverändert geblieben. Dönhoff war sehr früh zum Zentralatom dieses narrativen Moleküls geworden. Die Beiträge der Theologin und ehemaligen Bundestagspräsidentin Vollmer über die Grafen Lehndorff stehen für die begeisterte bürgerliche Rezeption und Fortführung dieses Narrativs.

Bemerkenswert erscheint die starke Position, die Kameraden, Freunde, Ehepartner, Kinder und Enkel auf dem Deutungsmarkt einnehmen. Persönliche Erinnerungen von Angehörigen bleiben wertvolle Quellen. Doch nicht selten haben Kinder, Enkel oder Großneffen, Namensträger, wie man im Adel sagt, gegen die Ergebnisse der Historiker Einspruch erhoben. Marion Dönhoff hat diese Position der Gralshüter in Inhalt und Ton über Jahrzehnte geprägt und zur Festung ausgebaut. Begeistert reagierte die Gräfin 1984 auf eine Formulierung Dolf Sternbergers über jene "wissenschaftlichen Insekten, die blind und fühllos auf dem Kadaver der Geschichte herumkriechen". Selbst Großnichten erklären in moralisch hochfahrendem Ton, Historiker urteilten lebensfremd vom Schreibtisch und ließen den gebotenen Respekt vermissen. Erstaunliche Vorwürfe, gehört es doch in aller Regel zur Natur historischer Arbeit, nicht "dabei" gewesen zu sein. Zu Beurteilungen kommen Historiker meist in der Tat am Schreibtisch, nicht im Offizierskasino oder auf der Elchjagd. Und die Aufgabe des Historikers besteht nicht im Totenkult, sondern in der Quellenkritik.

Fünf eindrucksvolle Deutungsleistungen sind der adligen Erzählgemeinschaft und ihrem Freundeskreis nach 1945 gelungen. Erstens sind in der öffentlichen Wahrnehmung die vielfach adligen Verschwörer des 20. Juli zum Fluchtpunkt des gesamten deutschen Widerstands geworden. Zweitens wird der Begriff Widerstand wie automatisch auch mit dem Adel assoziiert. Drittens hat sich der Fokus auf dem Zeitstrahl von 1933 nach 1944 verschoben, in die Jahre, da die Ablösungserscheinungen auch im Adel stärker wurden. Die historisch weit bedeutendere Frage nach adligen Positionen in den Jahren 1930 bis 1934 tritt dagegen zurück. Viertens liegt der Fokus auf den immer gleichen zehn bis fünfzehn Akteuren, an die sich ganze Familien, ein ganzes Milieu ankoppeln. Und fünftens verschiebt sich der Widerstandsbegriff immer deutlicher von links nach rechts.

Doch gewaltige Kenntnislücken bestehen bei den politischen Haltungen der zweitausend einflussreichsten Mitglieder der großen Adelsfamilien. Auch mehr als siebzig Jahre nach Kriegsende liegt etwa über die Haltungen der ostpreußischen Granden um 1933 keine einzige empirische Untersuchung vor. Möglicherweise wird sich dies aufgrund der Quellenlage nie substanziell ändern. So behalten die liebenden Erinnerungen von Überlebenden, Enkeln und Großneffen ungewöhnlich großes Gewicht. Dies ist überaus verständlich, analytisch jedoch unbefriedigend.

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