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Germany

Aktivistinnen: Weil sie wissen, was sie tun

Wer über den Père Lachaise in Paris, den Brompton Cemetery in London oder den Zentralfriedhof in Wien geht, der muss zum Schluss kommen, dass die Trauer jung und weiblich ist. Die alten europäischen Friedhöfe sind bevölkert von steinernen Skulpturen junger Frauen, die sich verzweifelt über prächtige Gräber beugen.

Was haben sie gemeinsam? Den leeren Blick; das vors Gesicht gehaltene Trauertuch; Finger, die sich in den Umhang krallen – diese Frauenfiguren sind Inbilder der Duldung. Geschaffen, den Schmerz auszuhalten. Viele dieser Statuetten stützen ihren Kopf in die Hand – eine Pathosformel, die im Krieg ihren Ursprung gehabt haben dürfte: die Selbstpreisgabe eines Besiegten, der alle Hoffnung fahren lässt und darauf wartet, dass ihm geschieht, was der da im Grab schon hinter sich hat. Das Rollenbild, das sich hier zeigt, bedeutet: trauern und irgendwann selbst betrauert werden. Sie sind Besiegte von Beginn an. Könnten sie sprechen, was würden sie sagen? Vielleicht: Zu spät. An uns hat es nicht gelegen, wir waren zu schwach, wir konnten es nicht verhindern.

Was sind die jungen Friedhofsfrauen anderes als Allegorien des Zuspätkommens?

Betrachtet man die jungen, in Auflehnung gegen die Verhältnisse berühmt gewordenen Frauen der Gegenwart – allen voran Greta Thunberg, die Klimaaktivistin, und Carola Rackete, die Kapitänin des Rettungsschiffs Sea-Watch 3 –, könnte man sich vorstellen, dass ihnen solche Friedhöfe bekannt sind. Und dass ihnen das Rollenbild der "jungen Dulderin" außerordentlich auf die Nerven geht. Thunberg, Rackete und all die anderen wollen sich jedenfalls nicht vorwerfen lassen, zu spät gekommen zu sein und sich nun in der Trauer zu gefallen.

Das "zu spät" ist ja insgeheim die Betriebsformel einer europäischen (und deutschen) Klima- und Flüchtlingspolitik, die in vielem bloß ein Hinauszögern des angeblich ohnehin Unausweichlichen ist. Das "zu spät" kommt demjenigen in den Sinn, der den deutschen Verkehrsminister Andreas Scheuer über Klimapolitik räsonieren hört oder Männer wie Boris Johnson auf dem Weg in ihre mutmaßlich sonnige persönliche Zukunft beobachtet – oder der einen Blick in die zeitverbrennende Brexit-Höllengruft des britischen Parlaments wirft. Wir leben in der Zu-spät-Moderne. Und eine sehr junge Frau, Greta Thunberg, hat es geschafft, zum Gesicht dieser Moderne zu werden.

Greta zeigt, dass ein vom Asperger-Syndrom betroffenes Mädchen angemessener auf unsere Lage zu reagieren vermag als der angeblich gesunde Menschenverstand. Greta ist, um es in der Sprache ihrer Altersgenossen zu sagen, nicht in der Lage, zu chillen. Diese durch Belohnungen nicht zu bestechende Frau versteht keine Späße, sie tritt ernst und unerbittlich auf wie die Verkörperung unserer Schuld. Greta schwieg, sah alles mit an und rechnete aus, was uns unser Lebensstil kostet. Und jetzt spricht sie, weil es anders nicht mehr geht. In ihrem Schatten wirken die Potentaten des Planeten wie irrlichternde Kinder, die sich von einem guten Witz jederzeit über den Ernst der Lage hinwegtäuschen lassen.

Vor einem Jahr sagte die feministische Philosophin Svenja Flaßpöhler im Gespräch mit der ZEIT über ihre Geschlechtsgenossinnen: "Wir haben ganz bestimmte Verhaltensweisen inkorporiert in den Jahrhunderten des Patriarchats: Passivität, Gefallsucht, Minderwertigkeitsgefühle. Das führt dazu, dass wir auch in Situationen, in denen wir die Möglichkeit hätten, autonom zu handeln, genau das oft nicht tun." Gegen diese Zwangsläufigkeit erheben sich nun die jungen Frauen. Autonomie ist geradezu der Wesenskern ihrer Aktionen. Dass Carola Rackete eben nicht nur eine souveräne Sprecherin von Sea-Watch ist, sondern sich als Kapitänin eines Schiffs über die Anweisungen der italienischen Regierung hinwegsetzt, dürfte für die künftige Berufswahl junger Frauen von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein.

Der höhnische Suchbefehl "Cherchez la femme", mit dem früher jede Intrige, jedes Verbrechen durchleuchtet wurde, denn irgendwo musste die Unruhestifterin ja untergetaucht sein, die den Schlamassel angezettelt hatte – dieser Befehl hat sich heute erledigt: Es ist zum Rollenbild der jungen Frau geworden, sich zu stellen. Und zwar allein, unverstrickt und von keinem Eigennutz geleitet außer dem, stellvertretend für alle zu artikulieren, dass sie die gegenwärtige Lage nicht mehr erträgt.

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