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Germany

Alarmierendes vom Zeitgeist

„Hach!“, sagte Juli Zeh, bevor sie in der Piazetta des Historischen Rathauses mit ihrer Rede zum Dank für den ihr soeben verliehenen Heinrich-Böll-Preis 2019 begann. Dieses spontane, herzliche, irgendwie befreit klingende „Hach!“ galt wohl nicht nur, aber eben auch der Laudatio ihres Schriftstellerkollegen Burkhard Spinnen, der zuvor aus persönlicher Erinnerung ein humorvoll-schmeichelhaft-sympathisches Porträt der aktuellen Preisträgerin entworfen hatte. Juli Zeh, das war für ihn zu Beginn die Studentin am Leipziger Literaturinstitut, die sich in einem seiner Seminare verspätet eingefunden hatte – und das nicht allein, sondern mit ihrem Hund Othello, den sie mittels Zehenmassage von schnarchträchtigem Tagschlaf abhielt: „Manches an ihrem Habitus und ihrem Aussehen wirkte trotzig und wehrhaft, anderes freundlich und etwas lausbübisch.“

Sodann berichtete Spinnen über sein späteres Lektorat Zeh’scher Texte, diese „schöne und dankbare Arbeit“ und fand zu folgendem Resümee: „Ich bin der festen Überzeugung, dass in Juli Zeh immer noch diese untrennbare Einheit von Überzeugung, Empfindung und Sprache Bestand hat, mit der sie einmal zu schreiben begonnen hat. Hinter den politischen Texten steht ebenso wie hinter den literarischen ein durch und durch authentischer Charakter.“

Zu den Texten selbst, zum einschlägigen Profil der Autorin wie auch zu deren politischer Orientierung war von Spinnen freilich wenig zu hören gewesen. Was die Politik anbelangte, so hatte allerdings bereits Oberbürgermeisterin Henriette Reker – nach eigenen Worten Zeh-versiert durch die Sommerlektüre des Romans „Unterleuten“ – in ihrer Ansprache vor versammelter Kölner Polit- und Kulturprominenz Wesentliches gesagt: „Sie mischen sich als Intellektuelle ein, suchen das Gespräch mit der Politik und verstehen unsere Demokratie als das, was sie im wörtlichen Sinne ist: eine politische Ordnung, die von Bürgerinnen und Bürgern getragen wird, die alle angeht und die alle mitgestalten.“

Die Dankesrede der Geehrten knüpfte denn thematisch auch weniger an Spinnen als an Reker an – und zwar unter direkter Bezugnahme auf Heinrich Böll als den Namensgeber von Kölns bedeutendstem Literaturpreis: „Böll prägte maßgeblich das Bild einer politischen Autorschaft, das sich durch Teilnahme, Einmischung, auch Opposition definiert.“ Wobei Literatur ja eigentlich immer insofern politisch sei, als Autoren als (und sei es unbewusste) „Zeitgeiststenografen“ in ihren Testen kollektive Befindlichkeiten spiegelten. Indes sei der Phänotyp des politischen Schriftstellers – mit dieser Beobachtung kam Zeh dann rasch zur nicht sonderlich festtäglichen Sache – aktuell in einen gefährlichen und ungerechtfertigten Verruf geraten: „Politikverweigerung und -verachtung wird zum Ausweis einer neuen elitär-abgeklärt-ironischen Coolness.“

Die Preisträgerin verwies in diesem Sinne auf intellektuelle Zeitgenossen, die das Datum der nächsten Wahl nicht kennten oder behaupteten, Wählen sei sinnlos, weil es ja eh nur eine einzige Partei gebe: „Demokratie ist darauf angewiesen, dass die Bürger sich als Teil einer Gemeinschaft verstehen. Die demokratische Prozedur und Kultur kann eine Zeit lang Verachtung ertragen, dann aber geht sie in die Knie.“ Und besonders alarmierend findet Juli Zeh, dass besagte Verachtung heute nicht mehr nur von den Rändern des politischen Spektrums komme, sondern aus der respektablen „Mitte der Gesellschaft“.

Weil die Preisträgerin nicht nur etwas fordert, sondern selbst auch tut, was sie fordert – die promovierte Völkerrechtlerin arbeitet seit 2018 ehrenamtlich am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg –, wächst diesem Statement naheliegend ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit zu. Kein Wunder auch, dass Reker sich ausweislich ihrer Ansprache diesmal besonders stark mit Preisvergabe und Preisträgerin zu identifizieren scheint: Sie musste schließlich am eigenen Leib erfahren, wohin der Hass auf demokratische Politiker führen kann.

Juli Zeh, Böll-Preisträgerin

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