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Barbara Sukowa über ihre Rolle als ältere Lesbe: „Berührungsängste hatte ich nie“

Frau Sukowa, Sie haben gleichermaßen mit Regisseurinnen und Regisseuren zusammengearbeitet. Was ist anders, wenn ein Mann einen Film über die Liebe zweier Frauen macht?

Ich werde immer wieder nach den Unterschieden gefragt, aber das war für mich nie ein Thema. Einzig zählt für mich, ob jemand Talent hat. Auffallend finde ich, dass homosexuelle Männer Frauenfiguren besonders einfühlsam beschrieben haben, aber anders. Mich hat es gereizt, dass ein junger heterosexueller Mann diese Liebesgeschichte zwischen zwei älteren homosexuellen Frauen machen wollte. Filippo (Meneghetti, d. Red.) hat knapp sechs Jahre an der Finanzierung gearbeitet, und danach konnte es auch nicht gleich losgehen, weil ich wegen Dreharbeiten an einer Serie längere Zeit okkupiert war und meine Kollegin Martine Chevallier erkrankte. Aber er hat auf uns gewartet. Daran habe ich gemerkt, dass er wirklich an uns als Schauspielerinnen und an diesem Stoff interessiert war.

Der weibliche Blick im Kino hat sie gleichwohl stark geprägt. Sie haben viel mit Margarethe von Trotta zusammengearbeitet.

Wir sind beide neugierig, behaupten nicht zu Beginn der Dreharbeiten, dass wir alles wissen, und lesen gerne über geschichtliche Hintergründe. Zudem haben wir uns eine gewisse Offenheit bewahrt und gehen auch mal Risiken ein wie mit dem Film „Hannah Arendt“. Und Margarethe war Schauspielerin, und weiß, was man als Schauspieler für Probleme hat und wie man mit einem Schauspieler umgeht.

Als von Trotta in den 80er Jahren mit Angela Winkler und Hanna Schygulla „Heller Wahn“ drehte, war Homosexualität noch tabuisiert. Hätten Sie sich auch damals schon vorstellen können, eine lesbische Frau zu spielen?

Ich hätte Nina immer spielen können. Berührungsängste hatte ich nie. Allerdings hat mich gerade Meneghettis Geschichte gereizt, weil die Heldinnen schon älter sind. Geschichten mit jungen Lesben bergen die Gefahr, Männer zu stimulieren. Bei den älteren Frauen geht es nicht mehr um den Körper, vielmehr um Intimität und Liebe, das ist was ganz Universelles.

Wie stehen Sie überhaupt zu Intimität und Sex vor der Kamera?

Zum Glück bin ich auch aus dem Alter raus, dass man mich das nicht mehr oft fragen wird. Aber generell kommt es darauf an, ob so eine Szene mir unerlässlich erscheint. Wenn ich eine romantische Beziehung zwischen zwei Menschen zeigen will, ist mir es lieber, dass mir ein bisschen Freiraum für meine eigene Fantasie gelassen wird und ich nicht den Leberfleck und die Haare sehen muss, wo ich sie nicht sehen will. Wenn es um eine realistische Geschichte geht, wo ich die Haut und alles, was damit zu tun hat, brauche, dann würde ich das machen.

Was für eine Frau ist die Nina in „Wir beide“?

Nina ist eine komplexe Figur. Anfangs macht sie einen sehr mutigen Eindruck. Sie hat keine Angst, ihre Liebe zu verstecken, und viel in diese Liebesbeziehung investiert. Sie ist aus der Großstadt in die Provinz gezogen, das ist ein Opfer für die Freundin. Und seit Jahren hofft sie, dass Madeleine endlich ihren Kindern von ihrer heimlichen Beziehung erzählt. Aber Madeleine schweigt noch nach dem Tod ihres Mannes. Und als dann Madeleine nach einem Schlaganfall von ihren Kindern abgeschirmt wird, respektiert Nina diese Kontaktsperre, weil sie sich einen Liebesbeweis wünscht und das Gefühl hat, dass Madeleine selbst mit ihren Kindern reden sollte.

Eine Ihrer erfolgreichsten Filmfiguren war die Marianne in „Die bleierne Zeit“. Die war in ihrer Entschiedenheit noch radikaler. Wie sehen Sie sie nach so langer Zeit?

Puh, das ist so lange her! Vor einiger Zeit hat sich mein jüngster Sohn, der in New York studiert und Regisseur werden will, mit ein paar Freunden den Film angeschaut. Ich konnte mir nicht so recht vorstellen, dass 25-Jährige so ein altes Werk und ein so deutsches Thema interessieren würden und war gespannt auf die Resonanz. Tatsächlich waren die jungen Leute begeistert. Das hat mich gewundert, ich sollte mir den Film wohl noch mal anschauen.

Sie leben seit vielen Jahren in New York. Was fasziniert Sie an dieser Metropole?

Ein großer Teil meiner Familie lebt in New York, und ich habe in keiner anderen Stadt solange gelebt, da bleibt man dann irgendwann. Ich wohne in einem faszinierenden Stadtteil in Brooklyn. In meiner kleinen Straße gibt es eine Kirche, eine Synagoge und eine Moschee, und es leben viele verschiedene Menschen, nicht unbedingt miteinander, aber doch friedlich nebeneinander. Man hat das Gefühl, in New York ist noch nicht alles so fertig, es sieht immer noch so aus, als könnte irgendwann nochmal was Neues kommen.

Manche Kolleginnen wie beispielsweise Corinna Harfouch sagen, dass sie momentan nicht verwöhnt sind, was eine anspruchsvolle Regie angeht. Wie ist das bei Ihnen?

Ich habe immer eine gute Hand bei der Auswahl meiner Projekte gehabt. Man denkt zwar, ich hätte viele Filme gedreht, aber eigentlich sind es doch wenige. Zum Glück geht es für mich beim Film nicht darum, über die Runden zu kommen. Ich kann mich immer auf die Anfragen konzentrieren, die mir als eine Chance, als etwas Gutes erscheinen. Vor langer Zeit hat mir meine Agentur gesagt, ich solle mal was Kommerzielleres machen für die Leute, nicht immer nur Arthaus. Da habe ich mal versucht, was zu machen, was populär war, das war aber eine Ausnahme. Natürlich ist das immer ein Risiko, besonders, wenn man mit Erstlingsregisseuren arbeitet.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Situation älterer Schauspielerinnen?

Ich glaube, die Fernsehserien haben sich diesbezüglich positiv ausgewirkt, weil man da doch öfter ältere Frauen sieht. Und wir sind ja auch Konsumenten und Kinogängerinnen, das hat die Filmwirtschaft spitz gekriegt. Trotzdem meinen in Amerika immer noch viele Schauspielerinnen, sie müssten sich künstlich verjüngen, um präsent zu bleiben.

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