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Beirut: Eine Stadt steht unter Schock

Die gewaltige Explosion war mehr als siebzig Kilometer weit zu hören, der Boden der libanesischen Hauptstadt bebte, und in einem Radius von mehreren Kilometern zerstörte die Druckwelle Gebäude oder machte sie unbewohnbar. Komplett zerstört ist das Beiruter Hafengelände, schwer getroffen ist die umliegende Gegend. Fensterscheiben sind geborsten, Türen wurden herausgerissen, Autos durch die Luft gewirbelt. In manchen Vierteln sackten Häuser in sich zusammen. Mindestens 50 Menschen wurden getötet, mehr als 2750 verletzt, verlautete am Dienstagabend von der Regierung.

Ratlos stehen Menschen vor ihren zerstörten Häusern und fragen, was sie nun tun sollen. Herausgerissene Balkons liegen auf den Straßen, die mit Glassplittern übersät sind. Beirut steht unter Schock. Es herrschen Panik und Chaos. Die Sirenen der Krankenwagen heulen, oft können sie sich keinen Weg bahnen, um auf das Hafengelände zu gelangen. Ambulanzen transportieren Verletzte in die überforderten Krankenhäuser, die bereits die Pandemie zu meistern hatten.

Einer der Ersten, die nach der Explosion zum Hafengelände kommen, ist Abbas Ibrahim, der Chef der Nationalen Sicherheit. Er wolle den Ermittlungen nicht vorgreifen, sagte er. Der erste Eindruck sei, dass es sich nicht um die Explosion von Sprengstoffen oder Feuerwerkskörpern gehandelt habe, wie zunächst berichtet worden sei, sondern von hochexplosiven Materialien. Vor der Explosion hätten Feuerwehrleute im Hafen einen Brand gelöscht. Der Kontakt zu ihnen sei abgebrochen. Einige Fernsehsender berichten, in der Lagerhalle seien konfiszierte Güter aufbewahrt worden.

Der Beiruter Hafen ist für den Libanon in doppelter Weise wichtig. Zum einen werden über ihn die meisten Lebensmittel eingeführt, denn der Libanon selbst produziert kaum eigene Güter. Um das gewaltige und chronische Defizit in der Handelsbilanz zu finanzieren, war der Libanon stets auf Überweisungen aus dem Ausland angewiesen, vor allem von den Libanesen aus der Diaspora. Der Geldzufluss trocknete jedoch zunehmend aus, und auch die Golfmonarchien haben wegen der Unfähigkeit und Unwilligkeit der politischen Klasse, den Einfluss der Schiitenorganisation Hizbullah einzuschränken, ihre Überweisungen eingestellt.

Zum anderen ist der Hafen ein Symbol für die endemische Korruption in dem Land. Illegale Geschäfte werden über ihn abgewickelt, auch solche für Syrien. Die Reform des Hafens stand ganz oben auf der Liste der Forderungen internationaler Institutionen, auf die der Libanon zunehmend angewiesen ist. Der Internationale Währungsfonds hat jedoch wegen mangelnder Reformbereitschaft Verhandlungen über einen Kredit von zehn Milliarden Dollar eingestellt.

Die Explosion ereignete sich nur zwei Kilometer vom Parlament und dem historischen Zentrum entfernt, das nach dem Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 wiederaufgebaut wurde. Dort trafen sich seit dem vergangenen Oktober konfessionsübergreifend Libanesen, um gegen die korrupte politische Klasse aufzubegehren und gegen den rasanten wirtschaftlichen Niedergang des Landes zu demonstrieren. In den vergangenen Monaten mussten Tausende Geschäfte schließen, die Arbeitslosigkeit erreichte einen Rekordwert, die nationale Währung verlor in diesem Jahr 80 Prozent ihres Werts. Jeder dritte Libanese lebt heute unter der Armutsgrenze. Eine Last sind zudem die 1,5 Millionen syrischen Flüchtlinge, womit jeder vierte Bewohner des Landes ein Syrer ist.

Als am Montag Außenminister Nassif Hitti aus Protest gegen die Untätigkeit der Regierung zurücktrat, warnte er eindringlich davor, dass der Libanon unmittelbar davor stehe, aufgrund „widerstreitender Interessen“ ein „gescheiterter Staat“ zu werden. Der Staat ist nicht in der Lage, seinen Bürgern eine Grundversorgung zu bieten, Strom gibt es nur stundenweise. Kein anderes Land hat eine höhere Auslandsverschuldung, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt.

Nur wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt war am 14. Februar 2005 der frühere Ministerpräsident Rafik Hariri durch einen Anschlag getötet worden, hinter dem Syrien und die Hizbullah vermutet werden. Am Freitag will das UN-Libanon-Sondertribunal in Den Haag sein Urteil gegen vier Angeklagte verkünden. Im Libanon hat es in den vergangenen Jahren kaum noch politisch motivierte Anschläge gegeben. Die Sorge ist, dass diese Explosion, was auch immer ihre Ursache ist, den Beginn einer neuen Welle politischer Gewalt markieren könnte. Denn die Libanesen fürchten, selbst wenn es sich lediglich um einen industriellen Unfall gehandelt haben sollte, eine weitere Verschlechterung ihrer ohnehin prekär gewordenen Lebensbedingungen.

Demonstranten blockieren eine Straße in Beirut, setzen Reifen und Holz in Flammen. Öffnen

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