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Biographie über Roger Federer: Perfektion muss mühelos scheinen

Die jüngsten Nachrichten von Roger Federer sind für seine Fans nicht eben beruhigend ausgefallen. Die aktuelle Verletzung am Knie ist so schwerwiegend, dass er Wimbledon 2022 wohl verpassen wird. Bei seiner erhofften Rückkehr auf den Platz im Spätsommer nächsten Jahres hätte er das Leistungssportler-Greisenalter von bald 41 Jahren erreicht. Der an seiner Position in der Geschichte des Tennissports seit jeher sehr interessierte Federer steht also spätestens in einigen Monaten vor einer heiklen Entscheidung: Soll er in der Hoffnung auf ein glänzendes Comeback, wie es ihm 2017 schon einmal gelungen ist, riskieren, stattdessen mit demütigenden letzten Auftritten im Gedächtnis zu bleiben? Björn Borg hat diesen Fehler einst gemacht, und er hat ihn bereut.

Federer-Biographen stehen vor der ähnlich schwierigen Frage, wann der beste letzte Zeitpunkt eintritt, das maßgebliche Buch über den Schweizer vorzulegen. Nach dessen Rücktritt wird das Interesse schließlich schnell abebben. Dass Christopher Clarey, erfahrener Sport-Korrespondent der New York Times, mit seinem umfassenden Blick auf die Karriere Federers jetzt auf den Markt geht, kann auch als eine Art Wette auf den Ausgang der Entscheidung des Schweizers betrachtet werden.

In einem Wort: Lockerheit

Clarey, der Zugang zu allen Prominenten des Tennissports genießt, hat nach bester amerikanischer Art keine Recherchemühen gescheut. Mit Dutzenden Weggefährten Federers, mit Vertrauten, Geschäftspartnern und Gegnern aus verschiedenen Spielergenerationen hat er sich unterhalten, um den Weg des umfassend geförderten Talents aus Basel zu einem der meistverdienenden Sportler der Welt nachzuzeichnen. Manches ist aus der umfangreichen Federer-Literatur altbekannt, anderes frisch und erhellend. etwa die Schilderung der Fotografin Ella Ling, die Federer zunächst nur ungern abgelichtet hat, weil er seine Emotionen auf dem Platz zumeist verborgen hält; ihre Einstellung änderte sich erst, als ihr auffiel, dass sich Federers Gesichtszüge selbst im Schlagmoment kaum verändern, sondern bei aller Kraftentwicklung entspannt wirken.

Christopher Clarey: „Der Maestro Roger Federer“.

Christopher Clarey: „Der Maestro Roger Federer“. : Bild: Edel Books

Diese Beobachtung führt direkt zum Kern von Federers Wirkung: Er ist im Tennisspiel ganz bei sich, seine Bewegungen wirken anstrengungslos. Es fällt nicht einmal auf, wie schnell er ist, weil er sich so natürlich bewegt. Federer hat sogar darunter gelitten, dass bei ihm alles leicht aussieht, weil das den irrigen Schluss nahelegt, er müsse sich nichts erarbeiten.

Clarey macht plausibel, dass sich die Momentaufnahme vom Tennisplatz als Charakterstudie auf den gesamten Menschen Federer übertragen lässt: Müsste man seine Persönlichkeit auf einen einzigen Begriff bringen, wäre es Lockerheit. So wie der Sohn einer südafrikanischen Mutter und eines Schweizer Vaters während seiner Spiele wenig schwitzt, nicht stöhnt und kaum eine Miene verzieht, so selbstverständlich zugewandt und gelassen begegnet er Menschen aller Prominenzgrade. Seine Vielsprachigkeit und sein tadelloses Verhalten auf dem Platz – von wenigen Ausnahmen des Contenance-Verlustes abgesehen – haben zu seiner Popularität ebenso beigetragen wie die Tatsache, dass er aus der Schweiz kommt, einem Land, das fast überall auf der Welt positive Emotionen weckt. Federer transzendiert patriotische Anwandlungen: Wenn er bei Turnieren gegen Spieler antritt, die aus dem jeweiligen Land stammen, ist keineswegs ausgemacht, wem die Sympathien des Publikums gelten. Um für Fans auf der ganzen Welt als Identifikationsfigur dienen zu können, hat es Federer stets vermieden, sich politisch zu äußern. Eine Haltung, die künftig schwieriger durchzuhalten sein könnte; als ihn Fridays for Future kritisierte, fiel die Stellungnahme Federers, der samt Familie und Entourage um den Globus fliegt, reichlich gewunden aus.