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Das Grundrauschen unserer Tage

Ein prägender Sound für Delmenhorst sei der Bahnübergang Heidkrug, finden viele Delmenhorster.

Ein prägender Sound für Delmenhorst sei der Bahnübergang Heidkrug, finden viele Delmenhorster. (INGO MÖLLERS)

Der Stadtschäfer. Ja, das war so eine Aufnahme, die Anne Angenendt noch heute richtig, richtig gut findet und gerne hört. Und bei Maike Tönjes war es das Spiel des SV Atlas. Direkt vor der Tribüne war das Mikro aufgebaut. Und irgendwann, bei einer Szene, flogen auf einmal Bierbecher aus dem Fanblock in Richtung des Equipments. Maike Tönjes zuckte, denn so gut dieses spezielle sehr teure Mikrofon auch ist, eins kann es nicht: Feuchtigkeit und Nässe ertragen. Regenaufnahmen sind nicht möglich. Bierduschen auch nicht. Aber es ging gut.

Anne Angenendt und Maike Tönjes werden an diesem Sonntag, 26. Januar, aber noch einen ganz anderen Sound vorstellen, wenn sie im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur ihr Projekt „Mischnitt DEL“ im Rahmen der Reihe Delmenhorster Lieblingsobjekte präsentieren. Den absoluten Lieblingssound wird es dann geben. Sozusagen. Welcher das ist? Wird noch nicht gesagt, sollen die Besucher nämlich erraten.

Seit September 2018 sind die beiden in der Stadt mit der markanten Aufnahmestation unterwegs. Noch bis Juni dieses Jahres läuft das Projekt, das den Ton der Stadt einfängt. „Und ihn archiviert“, ergänzte Bernd Entelmann vom Museum. Es geht darum, die Geräuschkulisse einer Stadt im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts einzufrieren. „Spätere Generationen können sich dann noch einmal anhören, wie sich Verbrennungsmotoren angehört haben“, sagt Bernd Entelmann. Und natürlich andere Dinge, die es dann nicht mehr zu hören geben wird.

Beim Stadtschäfer, den die beiden Frauen am Regenrückhaltebecken in Schlutter begleiteten, wird das Phänomen mit den sich ändernden Geräuschen jetzt schon erfahrbar. Natürlich ist das Blöken deutlich zu hören, die Anweisungen des Schäfers, selbst das Rascheln des Grases, wenn die Tiere laufen. Und eben ein Grundrauschen, verhältnismäßig laut, fast unangenehm aufdringlich. Der Straßenverkehr. „Das ist mir beim Zusammenschneiden der Töne aus dem Tiergarten auch ganz extrem aufgefallen“, sagt Maike Tönjes. Als die beiden dort waren, war es Natur und Stille für sie, die Vögel trällerten, eine Oase der Ruhe mitten in der Stadt. „Am PC fiel mir dann auf, wie laut das Rauschen der Straße war. Das nennt man Cocktail-Party-Effekt“, sagt sie. Das Ohr blendet Hintergrundgeräusche aus, das Gehirn schützt sich gegen die akustische Überforderung.

„Aber wir wollen genau auf dieses Grundrauschen aufmerksam machen“, sagt Anne Angenendt, deswegen werden die Dateien auch nicht noch einmal nachgemischt. Der Sound soll authentisch so bleiben, wie er aufgenommen wurde. Nichts wird nach vorne geholt, um es zu betonen, nichts wird runtergedrosselt. Die einzige Entscheidung, die die beiden treffen: Wo ist vorne, wo ist hinten. Das Mikrofon nimmt so räumlich auf, dass Museumsbesucher über die Kopfhörer mitkriegen, ob etwas von vorne links oder rechts oben kommt. Denn natürlich sollen die Sounds der Stadt auch ausgestellt werden. Und sie werden ganz bewusst nur als Ton zur Verfügung stehen, unbebildert. „Wenn man den Sound abgekoppelt vom Ort hört, bekommt man vollkommen andere Eindrücke.“

Es ist ein Phänomen, das jeder kennt: Kaum schließt man die Augen, hört man anders, genauer, intensiver. Die Hauptsinneswahrnehmung des Menschen ist nun einmal die Optik. Unsere Blickrichtung bestimmt auch unsere Hörrichtung. „Von daher machen wir das mit Ton, was ein Museum sonst mit seinen anderen Ausstellungsstücken macht. Normalerweise soll sich der Besucher eine andere Brille aufsetzen, einen neuen Blick auf die Dinge bekommen. Wir wollen, dass der Besucher anders hört“, erklärt Anne Angenendt. Ein Effekt, den die beiden auch an sich festgestellt haben. „Ich höre anders“, sagt Maike Tönjes. „Ich höre jetzt immer genauer hin, wo ich bin.“

Rund 100 Sounds wird das akustische Gedächtnis einmal umfassen. Über 25 dieser Sounds sind übrigens schon auf der Projektseite www.mitschnitt-delmenhorst.de abrufbar. „Wenn es zum Beispiel in 50 Jahren keinen Wochenmarkt mehr geben sollte, weil den Menschen alles geliefert wird, kann man sich an diesen Sound über das Archiv erinnern“, erklärt Maike Tönjes. Dank des Projekts gehen die vielen prägnanten Geräusche aus unseren Tagen nicht verloren, so wie es mit den alten durchaus geschehen ist. Die Werkssirene der Nordwolle, die für viele Delmenhorster so typisch wie kaum etwas anderes war, ist so ein Beispiel. Und genau an dieser Sirene haben die beiden noch etwas festgestellt: Es geht nie nur um Töne, es hängen immer Geschichten an den Geräuschen. Es ist nur eine andere Art, an diese Geschichten zu erinnern, wenn man sie mal nicht aufschreibt, sondern nur die Soundkulisse dazu einfängt.

Zur Person

Mitschnitt DEL

das sind Anne Angenendt (links) und Maike Tönjes. Was sie machen? „Ein Soundarchiv für Delmenhorst? Klingt gut! Sound als immaterielles Kulturgut – ein bewahrenswertes Zeitzeugnis.“

Zur Sache

Lieblingsobjekte

Mit unserer Serie „Delmenhorster Lieblingsobjekte“ begleiten wir die gleichnamige Veranstaltungsreihe im Nordwestdeutschen Museum für Industriekultur. Einmal im Monat berichtet ein Delmenhorster Bürger dabei über ein Objekt in der Stadt, das ihm persönlich am Herzen liegt. Beginn ist am Sonntag, 26. Januar, um 11 Uhr im Stadtmuseum, Am Turbinenhaus 10. Der Eintritt beträgt vier Euro, ermäßigt drei Euro. Kinder bis sechs Jahren können kostenlos zuhören.