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Der Basta-Bischof

Als Italienfreund gilt Rainer Maria Kardinal Woelki. Kein Wunder, hat er doch in Rom promoviert. Offenbar wurde der Hirte des Kölner Erzbistums dort auch inspiriert. In seinem Führungsstil. Denn der lässt sich laut Kritikern auf ein italienisches Wort bringen: Basta.

Etliche Katholiken klagen, Woelki und die Kölner Bistumsspitze würgten jede Diskussion ab. Sie gewährten den Gläubigen keinen Einblick in ihre Entscheidungen. Und behandelten andersdenkende Katholiken wie Unmündige – durch ihre „Basta-Kultur“, wie es Gregor Stiels formuliert, der Vorsitzende des Kölner Katholiken-Ausschusses. Diese Kritik musste der Kardinal schon früher einstecken. Diesmal aber hat sich eine so große Protestfront geformt wie nie zuvor. Woelki wird zweierlei vorgeworfen: Erstens soll die Bistumsspitze jüngst Zensur geübt und einen kritischen Beitrag der katholischen Studentengemeinde von deren Website entfernt haben.

Zweitens hält Woelki ein Gutachten unter Verschluss, das sexuellen Missbrauch im Erzbistum aufarbeiten sollte. Selbst den Opfern verweigert er bislang Einblick. Obendrein soll er laut Kritikern den Beirat der Missbrauchsopfer im Hauruckverfahren dazu gebracht haben, seinen Kurs mitzutragen. Der Entrüstungssturm war so massiv, dass die Pressestelle des Bistums Hunderte Fragen im Detail auf ihrer Website beantwortete.

Eines aber müssen Kritiker Woelki zugestehen: Ein Erzbischof darf laut Kirchenrecht so vorgehen, wie er das tut. Was offenbar auch für die jüngste Intervention des Generalvikariats gilt. Das schaltete vergangene Woche die Internetseite der Katholischen Hochschulgemeinde Köln (KHG) ab. Vorausgegangen war die Aufforderung an die KHG, nicht erneut ein Positionspapier von 2019 im Internet zu veröffentlichen. Dem widersetzte sich die KHG. Das Papier widersprach Woelki in nahezu allen innerkirchlich umstrittenen Fragen. Es forderte das Priesteramt für Frauen, die Aufgabe des Zwangszölibats und eine neue Sexualmoral. Als die Internetseite wieder online ging, war das Papier entfernt. Das Bistum teilte mit, die Website sei vorübergehend vom Netz gegangen, weil „eine beauftragte Veränderung“ nicht ausgeführt worden sei. „Das notwendige Bemühen, dies nun selbst umzusetzen“, habe „zu dem unbeabsichtigten Zwischenstand geführt“. Der Katholikenausschuss dagegen sprach von „Zensur“.

Rigide griff die Bistumsspitze schon öfter durch. Etwa 2019, als der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) eine Imagekampagne startete. Einer der Slogans warb dafür, die Vielzahl sexueller Identitäten anzuerkennen. Ein anderer behauptete: „Bei uns entscheidet die Demokratie und nicht der Papst.“ Daraufhin wurden BDKJ-Verantwortliche nach Informationen dieser Zeitung daran erinnert, sie würden auch vom Bistum finanziert, das könne sich ändern. Volker Andres, BDKJ-Diözesanvorsitzender im Bistum, sagt im Gespräch mit WELT: „Die Reaktionen auf die Kampagne belegten einmal mehr, dass die Bistumsleitung liberale Positionierungen katholischer Organisationen verurteilt.“ Dagegen argumentierte Generalvikar Markus Hofmann, „die Sprüche der BDKJ-Kampagne“ seien „reine Provokation“. Vieles davon stehe „in krassem Widerspruch zu dem, was Katholiken glauben“, so Hofmann.

„Ein mutiger Hirte“

Doch das Bistum darf die Finanzierung von Untergliederungen auch danach ausrichten, ob sie dem Selbstverständnis der Kirche entsprechen. Und gemäß offizieller Lehre der Kirche widerspricht das Frauenpriestertum diesem Selbstverständnis ebenso wie der Glaube, Menschen sollten sich ihre sexuelle Identität aussuchen. Laienvertreter Stiels hält dagegen, die Kirche müsse „alle ihre Mitglieder in ihrem Glaubensverständnis zu Wort kommen lassen, nicht nur einen Teil“. Die Bistumsleitung gehe „über den Wunsch mündiger Gläubiger, sich zu artikulieren und einzubringen, hinweg“. Das sei für Bürger einer Demokratie unzumutbar.

BDKJ-Chef Andres betont, keineswegs alle Bistumsleitungen behandelten Reformer so ruppig. In Essen oder in Magdeburg gingen sie offener auf Andersdenkende zu. Aber auch BDKJ und Katholikenausschuss wissen, dass die Papstkirche nicht demokratisch verfasst ist. „Eine quasi parlamentarische Abstimmung über den Glauben“, wie Woelki gern spöttelt, sieht sie nicht vor.

Sie muss Kritikern keinen Einfluss gewähren – selbst wenn diese die Mehrheit stellen. Und auch Stiels weiß, „dass es im Bistum Katholiken gibt, die Woelkis Kurs schätzen. Sie sehen in ihm den mutigen Hirten, der Glaubenswahrheiten gegen den Zeitgeist verteidigt und sich dafür anfeinden lässt“. Nur, so ergänzt Stiels: „Wer das Hinterfragen geltender Lehre sofort als Zeitgeist abtut, nimmt der Kirche jede Chance zur Reform.“

Dabei gehe es „nicht um theologische Spitzfindigkeiten, sondern um die Frage, ob unsere Kirche menschenfreundlich oder -feindlich wirkt“, sagt Stiels. Um zu unterstreichen, wie sehr der kirchliche Umgang zum Beispiel mit sexuellen Minderheiten Menschen schaden könne, erzählt Stiels aus seiner Jugend: In seiner katholischen Jugendgruppe habe sich damals ein junger Mann das Leben genommen – „weil er homosexuell war und sich von allen abgelehnt fühlte. Von seinen streng katholischen Eltern, von der Homosexuelle verdammenden Kirche und von dem Gott, der angeblich die Liebe ist“.

Ist er ein Vertuscher?

Die andere Entscheidung, die die Öffentlichkeit derzeit umtreibt, ist Woelkis Weigerung, ein Gutachten zur Aufklärung sexuellen Missbrauchs im Bistum zu veröffentlichen. Woelki selbst hatte dieses Gutachten 2018 bei der Münchener Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) in Auftrag gegeben. Mehrfach gab er die Devise aus, das Bistum müsse schonungslos aufdecken. Doch Ende Oktober verkündete Woelki, er werde das Gutachten unter Verschluss halten, die WSW-Kanzlei sei an dem Anspruch „gescheitert, eine umfassende Aufarbeitung der Ereignisse und persönlichen Verantwortlichkeiten in Form eines rechtssicheren und belastbaren Gutachtens zu erreichen“. Stattdessen gab Woelki eine neue Studie bei einem anderen Juristen in Auftrag.

Sogleich gab es Spekulationen über Woelkis Motiv, zumal durchsickerte, wen die WSW-Gutachter belasten: Hamburgs Bischof Stefan Heße, der früher in Köln arbeitete. Und Woelkis Ziehvater, den verstorbenen Kardinal Joachim Meisner. Daraufhin schimpfte unter anderem CSU-Kirchenexperte Michael Kuffer, das Bistum solle „aufhören, mit seiner Vertuschungspolitik die Kirche zu diskreditieren“. Johannes Röhrig, Missbrauchsbeauftragter des Bundes, kritisierte, es deute „vieles darauf hin, dass Kardinal Woelki einen massiven Fehler begangen“ habe. Und der Kirchenrechtler Thomas Schüller sprach von einem „Supergau für das Erzbistum“. Woelkis Kritik an dem WSW-Gutachten lasse sich nur bewerten, wenn man es nachlesen könne.

Genau das aber ist fast niemandem erlaubt. Laut Pressestelle ist „keinem Verantwortlichen des Erzbistums der Inhalt des Gutachtens bekannt“ – auch nicht dem Erzbischof, was mancherorts falsch berichtet worden war. Ausgenommen sind die beiden Juristen, die in Woelkis Auftrag das WSW-Gutachten für fehlerhaft erklärten. Und der Rechtsexperte, der das neue Gutachten erstellen soll. In der verbreiteten Empörung ging noch etwas unter: Am 28. November ging Woelki auf seine Kritiker zu. Da bot er nicht nur dem Betroffenenbeirat, sondern auch interessierten Einzelpersonen und Journalisten an, sie dürften das verschlossene WSW-Gutachten lesen – allerdings erst, wenn die jüngst in Auftrag gegebene Studie bei dem anderen Rechtsexperten fertiggestellt ist.

Erschüttert zeigten sich Kritiker wie das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gleichwohl, weil Woelki den Betroffenenbeirat anscheinend überrumpelt habe. Erst am 29. Oktober erfuhr der Rat, dass Woelki das Gutachten nicht veröffentlichen wollte und längst Experten angesetzt hatte, um das Gutachten zu zerlegen. Am selben Tag erbat er die Unterstützung für seinen Kurs vom Beirat. Der willigte einstimmig ein. Im Nachhinein aber verließen zwei Mitglieder aus Protest den Beirat. Sie beklagten, sie hätten unter Druck gestanden. Laut Laiensprecher Stiels zeigte sich da wieder des Kardinals Basta-Kultur. Andererseits: Woelki hätte auch ohne Zustimmung des Rates entscheiden können. Ein katholischer Erzbischof darf das.

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Quelle: Welt am Sonntag

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