Germany

Der perfekte Fremde auf Weltreise: „Vom Gießen des Zitronenbaums“ von Elia Suleiman im Kino

Ein Stück Land vor der Tür, auf dem ein Zitronenbaum wächst, ist ein großes Glück. Es könnte fast reichen zum guten Leben – wäre da nicht der Nachbar, der sich immer dann an den Früchten bedient, wenn man selbst in den Garten tritt. Und wäre da nicht die ganze Welt um einen herum: dieses befremdliche Chaos, eine Ansammlung der seltsamsten Charaktere, die, so scheint es der Blick des Protagonisten zu werten, ausschließlich unverständliche Dinge tun.

Elia Suleiman ist der Mann, der auf all das blickt. Immer leicht verwundert, die großen Augen zwischen Amüsement und Trübsinn wechselnd, mit Dreitagebart, Brille und Hut auf dem Kopf. Er spricht nicht, bloß einmal öffnet er den Mund, um etwas zu sagen: „Nazareth.“ Es ist seine Antwort auf die Frage nach seinem Herkunftsland, und er fügt hinzu: „Ich bin Palästinenser.“

Gleichermaßen apathisch wie sympathisch irrt Suleiman in seinen neuen Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“ umher. Im Original heißt er „It Must Be Heaven“ und handelt nur allegorisch von jenem Baum, der mit seinem Land wortwörtlich verwurzelt ist und die Frage aufwirft, inwiefern es auch seine Bewohner und Bewohnerinnen sind oder sein können. Stattdessen dreht er sich um die kleinen, stillen Momente und lässt in ihnen das Große, Laute erkennen. In Vignetten, die an Sketches von Jacques Tati oder Buster Keaton erinnern können, aber etwas Wehmütigeres in sich tragen, entwirft Suleiman ein Mosaik der Gegenwart. So reist sein Alter Ego, wie auch der Regisseur im Laufe seines Lebens, aus Nazareth nach Paris, dann nach New York und irgendwann zurück in die Nähe des Zitronenbaums.

Burleske in perfekt arrangierten Szenen

Er ist dabei kein trauriger Clown, eher ein nachdenklicher. Das Leben passiert ihm dort, wo er hintritt, und er hat bloß darauf zu schauen, meist regungslos mit melancholischen Augen, als wäre seine Präsenz das Stichwort für allerlei Szenarien. So ist in seinem Blickfeld stets die Bühne, auf der sich Begegnungen, Verfolgungen, Gespräche abspielen, Lustiges, Schräges und Befremdliches. Die Welt strömt auf ihn ein, Suleiman mittendrin: rauchend, sitzend, flanierend, spazierend. Er selbst scheint dabei fast unsichtbar. In einer Szene läuft ein Schlägertrupp Jugendlicher zunächst auf ihn zu und dann haarscharf an ihm vorbei, als gäbe es ihn nicht. Mit Kaffeetasse, Limonade, Weinglas oder Schnaps auf dem Tisch vor ihm weiß sich Suleiman in der Rolle des zurückgezogenen Beobachters sicher.

Vor ihm jedoch tobt die Burleske in perfekt arrangierten Szenen: In Paris fährt ein Rettungswagen mit Blaulicht vor, um einem Obdachlosen ein Menü aus Hühnchen, Tabouleh und Schokolade zu servieren. Zwei Reinigungskräfte versenken auf der blitzsauberen Straße Bierdosen in den Gullis. Der alte Nachbar in Nazareth erzählt ungefragt eine Jagdgeschichte, eine Parabel über Hilfsbereitschaft. Ein Betrunkener schmeißt vor den Augen zweier Polizisten, die ihn mit Ferngläsern beobachten, eine Flasche an die Wand. Der alte Nachbar und sein Sohn sitzen nachts mit den Rücken zueinander auf zwei Balkonen und werfen sich Beschimpfungen an den Kopf.

Stiller Beobachter in einer verrückten Welt

Was in Worten nicht ausgesprochen wird, zeigt sich in Bildern. Vor der Prämisse, dass dem ach so freien Westen in seiner Absurdität Palästina gar nicht so fremd sein kann, führt Suleiman ein Panorama zeitgenössischer Atmosphären vor: Statt eines besetzten Gebietes stehen hier von Autoritätsapparaturen besetzte Gesellschaften im Zentrum. In einem menschenleeren Paris rollen Panzer an der Banque de France vorbei, die Jardins und Straßen der Stadt ausgestorben, was beinahe gruseliger erscheint als die militärische Präsenz. Im New Yorker Feinkostladen kaufen schwer bewaffnete Familien ein, und im Central Park rennt eine Freiheitskämpferin umher. Fast schon anmutig kreiseln drei Polizisten auf Segways in einer Alltagschoreographie durch die Pariser Gässchen. Die Terrasse des Bistros, auf der Suleiman seinen Kaffee trinkt, wird von vier Polizisten vermessen, als würden sie die Berechtigung seiner Existenz ausloten.

Suleiman setzt auf die Kraft seiner Bilder. In statisch-stilisierten, oft symmetrischen Einstellungen entstehen Tableaus, die Raum für Assoziationen lassen. „Vom Gießen des Zitronenbaums“ ist die Selbstreflexion eines Filmemachers, dessen Werk wesentlich für den palästinensischen Film ist. Sein neuestes Filmprojekt wiederum sei „nicht palästinensisch genug“, erklärt ihm der Produzent, den Suleiman in Paris aufsucht, es könne überall spielen und das sei nicht interessant. Auch bei einer anderen Firma scheint er mit „It Must Be Heaven“ kein Glück zu haben: Gael García Bernal in der Rolle seiner selbst beschreibt ihn zwar als Filmemacher, der trotz seiner Herkunft „lustige Filme“ mache, ist aber letztlich interessierter daran, sein eigenes Projekt voranzutreiben. Und so ist Palästina in diesem Film überall vorzufinden: in den westlichsten Weltmetropolen, den Gesprächen und Vorurteilen wie im eigenen Garten. Die eifrig beschworene Freiheit der Kunst und der Menschen im Westen scheint reine Fassade zu sein.

Vor diesem Hintergrund spielt Elia Suleiman die Rolle des stillen Beobachters in einer buchstäblich verrückten Welt in Schieflage nicht zum ersten Mal. Schon in „Chronicles of a Disappearance“, seinem ersten Film von 1996 und in „Divine Intervention“ war er zuerst jene Figur, deren Blickfeld zu sehen war, und bald der Protagonist mit den großen Augen, der auf seine Heimat blickt. Suleiman setzt auf Worte statt Stille und Bilder anstelle von Narration, um ein Gefühl für diese hervorzurufen. Im Film wird er bei einem Vortrag an einer Universität nach seiner Beziehung zu den unterschiedlichen Orten gefragt, an denen er lebte: „Sind Sie der perfekte Fremde?“ Auch hier: große Augen, keine Antwort. Im Duden findet sich ein Plural von Heimat: die Heimaten. Er wird selten gebraucht, doch auf Suleimans Werk und Leben könnte er zutreffen.