Germany

Die Bahn feiert ihre Pünktlichkeit – und lässt 100.000 Haltestellen einfach aus

Die Corona-Krise wirkt – endlich! So jedenfalls jubelte die Deutsche Bahn in der vergangenen Woche, als sie stolz verkündete: Die Züge des Staatsunternehmens waren so pünktlich wie seit 15 Jahren nicht mehr. Insgesamt 81,8 Prozent aller ICEs, ICs und ECs seien nach Plan unterwegs gewesen. Das waren satte sechs Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Ein Grund: Pandemiebedingt waren weniger Fahrgäste unterwegs, die Haltezeiten an den Bahnhöfen schrumpften.

Brauchte die Bahn wirklich erst eine existenzbedrohende Krise, um wieder auf die Schiene zu kommen? Oder hat der Konzern etwa noch ein Geheimrezept? Am neuen Strategieprogramm und weniger Wetterschäden soll der Pünktlichkeitsboost gelegen haben, ließ der Konzern noch wissen. Doch der FDP-Bundestagsabgeordnete Torsten Herbst hat einen ganz anderen Verdacht.

Lässt die Bahn ihre Züge nämlich einfach vollständig ausfallen oder überspringt der ICE wieder einmal den Stopp in Wolfsburg ersatzlos, dann fließt das gar nicht in die Pünktlichkeitsstatistik ein. Und so fragte Herbst nach, wie viele Fernzüge bei der Bahn im vergangenen Jahr ausfielen und wie viele Halte ersatzlos gestrichen wurden – bei Enak Ferlemann, dem Beauftragten der Bundesregierung für den Schienenverkehr und Staatssekretär im Verkehrsministerium. Seine Antwort liegt WELT exklusiv vor.

Alles nicht so schlimm?

Im Jahr 2020 wurden demnach im Bahn-Fernverkehr 4230 Fernzüge ersatzlos gestrichen. Im Vorjahr waren es nur 3699 Fahrten. Zudem sind genau 99.652 Fernverkehrshalte ersatzlos ausgefallen. Das sind 12 ausgefallene Fernzüge und 274 ausgefallene Halte am Tag.

Nicht so schlimm sei das, intoniert Ferlemann gegenüber dem FDP-Politiker: Die Bahn hat „im Jahr 2020 planmäßig fast 300.000 Zugfahrten und mehr als 3,6 Millionen Zughalte disponiert“. Die Halt- und Zugausfälle entstanden durch die „kurzfristig erforderlichen Fahrplanreduktionen im Rahmen der Einschränkungen durch die Covid-19-Pandemie“. Und die Änderungen seien auch nur solange Abweichungen vom Fahrplan, bis sie eingearbeitet und übernommen wurden.

Nur, fragt sich zumindest FDP-Mann Herbst: Wie kann es sein, dass ausgerechnet im Februar mit 6,2 Prozent Ausfallquote ganze 19.306 Haltestellen ohne Ersatz ausgelassen wurden? Das sind rund 670 verpasste Stopps pro Tag. Das war der Rekordwert des Jahres – bevor Deutschland überhaupt über Lockdown oder Maskenpflicht diskutierte.

Gleiches gilt für die Zugausfälle ohne vollständigen Ersatz: Sie erreichten ihre Höchstwerte im Februar und März mit bis zu 1239 Ausfällen ohne Ersatz pro Monat. Das ist ein Anteil von bis zu 4,8 Prozent an allen Soll-Fahrten.

Die Krise wirkt doch

Eine Antwort auf die Februar-Frage haben weder der Bundestagsabgeordnete noch Mobilitätsforscher. Worin sich dagegen alle einig sind, ist, dass die Corona-Begründung mit Blick auf den Februar keinen Sinn macht. Hinzu kommt, dass die Deutsche Bahn selbst während des Pandemie-Jahres stets ganz anders argumentierte, als es der Regierungsbeauftragte jetzt tut.

Der Konzern beteuerte nämlich, sein Angebot aufrecht zu erhalten und nur vereinzelte besonders schnelle Verbindungen, sogenannte Springer-Züge, zu streichen. Im Dezember wurden über Weihnachten gar zusätzliche ICEs eingesetzt. Eine Ankündigung der Bahn, das Angebot im Fernverkehr zu reduzieren, gab es erst in der vergangenen Woche.

„Wenn Fernzüge und -halte in dieser Größenordnung ersatzlos ausfallen, ist das eine Zumutung für alle Bahnreisenden und ein Armutszeugnis für das Management“, kritisiert FDP-Mann Herbst. Und die Zahlen aus dem Februar zeigten eben doch, dass die Bahn ihren jüngst verkündeten Pünktlichkeitsrekord nicht trotz, sondern nur wegen der Pandemie erreichen konnte. Die Krise, sie wirkt eben doch.

Der Bundestagsabgeordnete Herbst sieht das ein bisschen anders. „Sowohl massiv gesunkene Fahrgastzahlen als auch tausende gestrichene Verbindungen haben ihr Übriges getan, die tatsächliche Zuverlässigkeit der Bahn zu verschleiern“, sagt er. Der Konzern müsse jetzt eine echte Qualitätsoffensive starten und zudem transparent informieren, ob Reisende ihr Ziel pünktlich erreichen.

Jede neue Woche ein neuer ICE

Nur: Wie soll das klappen? Da kommen dann doch der Pünktlichkeitsjubel und das Strategieprogramm „Starke Schiene“ ins Spiel. Mit dem arbeitet der Konzern seit 2019 an der Pünktlichkeit. Bei zeitweise mehr als 1000 Baustellen pro Tag sei die Zahl der Verspätungen durch diese Arbeiten um fünf Prozent gesunken, sagt der Konzern. Und weil immer mehr neue Züge im Fernverkehr unterwegs seien, gehe das Durchschnittsalter der Flotte und damit die Pannenanfälligkeit zurück.

Und dann fallen bestimmt bald auch einmal weniger Züge aus. Schließlich will der Konzern bis 2026 rund 8,5 Milliarden Euro allein in die Modernisierung der Flotte im Fernverkehr investieren. Alle drei Wochen erhalte das Unternehmen einen neuen ICE 4, lässt es wissen. Mehr als 50 davon seien bereits im Einsatz.

Problematisch nur: „Mit dem Programm ‚Starke Schiene’ allein wird eine Verdoppelung des Schienen-Personen-Fernverkehrs bis 2030 nicht zu stemmen sein“, sagt Alexander Eisenkopf, Ökonom und Mobilitätsexperte von der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Die Erneuerung und Kapazitätssteigerung des „Rollmaterials“ sei so eine Sache – denn angesichts der coronabedingt geringeren Auslastung lasse sich der operative Zugbetrieb deutlich verbessern.

Doch: „Mit einem Wachstum der Nachfrage über das Niveau vor Corona werden auch wieder die Kapazitätsengpässe in den Knoten und bei der Infrastruktur virulent werden“, sagt Eisenkopf. Der Begriff „Virulenz“, das weiß auch der Ökonom, stammt aus der Epidemiologie. Das heißt: Wenn das eine Virus endlich weg ist, dann dürfte auf die Deutsche Bahn schon das nächste Problem warten.

Football news:

Cavani ist wieder im Training und wird wahrscheinlich mit Crystal Palace spielen
Fabio Capello: Juve spielte Rugby gegen Porto. Nur Ronaldo und Chiesa können einen Unterschied in dieser Zusammensetzung machen
Neymar: Ich habe geschrieben, wie ich mich von der Verletzung erholt habe, und habe keine Nachrichten mit den Worten bekommen: Wow, was für ein Profi. Kein einziger PSG-Stürmer Neymar äußerte sich unzufrieden mit der Aufmerksamkeit, die ihm bei seiner Arbeit an der Genesung zukommt
Ole-Gunnar Sulscher: Die Arbeit der Schiedsrichter ist sehr komplex und ohne zusätzlichen Druck. Wir müssen ihre Entscheidungen treffen
Er gibt dem Klub 30% des Einkommens
Trent vergöttert Gerrard von Kindheit an und kam in ein Märchen: Er erhielt von Steven Pflege und Kapitänsbinde. Die Geschichte der schönen Beziehungen
Hazards Genesung nach der Verletzung verzögert sich. Wahrscheinlich wird er am 7.März nicht mit Atlético spielen