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Germany

Die ewige Angst vor dem Chinesen

„Wenn der gelbe Drache eines Tages erwacht, erzittert der Erdkreis“, soll Napoleon I. gesagt haben. Das ist allerdings eine postume Erfindung. Aber sie spiegelt das westliche Unbehagen gegenüber dem Fernen Osten, das in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit „Gelbe Gefahr“, „Gelber Schrecken“, „Gelbes Gespenst“, „Yellow Peril“ etc. an die Wand gemalt wurde. Gemeint war damit China. Japan hatte seinen Auftritt als fernöstliches Schreckgespenst erst um die Jahrhundertwende.

Die apokalyptischen Ängste speisten sich aus Erfahrungen, die Europäer und Amerikaner während der Opiumkriege gegen und dem Aufstand der Taiping-Sekte in China gemacht hatten. Dieser Bürgerkrieg, der von 1851 bis 1864 das riesige Land erschütterte und zwischen 20 bis 30 Millionen Opfer forderte, veranlasste keinen Geringeren als Karl Marx zu der Erklärung: „Ein Menschenkopf gilt einem Taiping nicht mehr als ein Kohlkopf.“

The Taiping Rebellion, Mid of the 19th cen. Private Collection. (Photo by Fine Art Images/Heritage Images/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Der Taiping-Aufstand (1851-1864) forderte bis zu 30 Millionen Tote

Quelle: Getty Images

Denn „während der drei ersten Tage nach der Einnahme einer Stadt, deren Bewohner nicht rechtzeitig geflüchtet, (hätten die Taipings) ... carte blanche, jede nur erdenkbare Schandtat an Frauen und Mädchen zu verüben.“ Dieses Horrorgemälde beruhte allerdings nur auf Informationen aus zweiter und dritter Hand. Tatsächlich wusste man von dem, was in China jenseits der Hauptstadt und der Handelshäfen geschah, nur wenig.

Anders sah es in den Ländern aus, in die Chinesen als Kulis eingewandert waren. Als billige Arbeitskräfte unterboten sie auf den Zuckerrohrplantagen auf Sumatra und Java wie in der Landwirtschaft Kaliforniens und beim transkontinentalen Eisenbahnbau die Löhne der Einheimischen. Zugleich aber verstanden sie es, gestützt auf familiäre und landschaftliche Verbindungen, bestimmte Gewerbe weitgehend zu monopolisieren.

Deswegen kam es 1740 zu dem „Massaker von Batavia“, bei dem wahrscheinlich 10.000 Chinesen umgebracht wurden, weil sie angeblich an dem rapiden Verfall des Zuckerpreises schuld gewesen sein sollen. Nicht anders war es in den Jahren der sogenannten „Großen Depression“ um 1870. Die „yellow filthy hordes from Asia“ galten als Schuldige an der wirtschaftlichen Misere im Westen Amerikas, wo die Chinesen als Arbeiter wie als Gewerbetreibende präsent waren (der Topos der chinesischen Wäscherei, den viele Hollywoodfilme aufgreifen, gehört dazu), aber sozial abgekapselt lebten.

Chinese emigrant workers on the Central Pacific Railroad, USA, circa 1865. (Photo by Kean Collection/Archive Photos/Getty Images) *** Local Caption *** Getty ImagesGetty Images

Chinesische Arbeiter beim Bau einer amerikanischen Eisenbahnlinie

Quelle: Getty Images

„Die ungeheure Volkszahl hilft diese Gaben in ein Licht setzen, das grell genug ist, um erregbaren Naturen bereits den ,Gelben Schrecken’ einer unwiderstehlichen mongolischen Überflutung vorzuspiegeln“, schrieb Friedrich Ratzel 1876 in seinem Buch über „Die chinesische Auswanderung“ in den verschiedenen Weltteilen.

Auch andere Autoren warnten vor Verallgemeinerungen: „Früher war es der Franzose, der unser Blut in Wallung brachte, neuerdings ist es bald die amerikanische Gefahr, vor der wir zittern, bald die rote, bald die goldene Internationale; bald der slawische Bär, der uns zu verspeisen, bald die englische Riesenschlange, die uns zu umstricken trachtet. Seit dem Hererokriege ist die schwarze oder braune Gefahr in Mode gekommen.“ Und bei der Weltausstellung 1873 in Wien erzählte man sich gern, ein chinesischer Abgesandter hätte einem Franzosen, der ihm hilfreich war, angeboten, ihm ein Dokument auszufertigen, das sein Haus schütze, wenn eines Tages die Chinesen in Paris einmarschieren würden.

The Chinese at San Francisco, United States of America, engraving from The Illustrated London News, No 1850, January 23, 1875. Getty ImagesGetty Images

"Unwiderstehliche mongolische Überflutung": Chinesen in San Francisco um 1850

Quelle: De Agostini via Getty Images

Aber weder Vernunftgründe noch solche Spöttereien vermochten sich gegen Vorurteile und Verschwörungstheorien zu behaupten. Dementsprechend musste nicht mit Widerspruch rechnen, wer verkündete, im Gegensatz zu den Schwarzafrikanern, denen – vermeintlich unwissend, aber gelehrig – „der Weg des Anschlusses an die Kultur der Weißen offenstehe“, lebten die ausgewanderten Chinesen in einer Art Klein-China „ohne auch nur im geringsten mit dem Land verhaftet zu sein – ganz und gar Heiden, treulos, wollüstig, feige und grausam.“

Die Folge waren antichinesische Tumulte und Aufstände, ausgelöst von den „Anti-Coolie-Clubs“ und untermauert von der Workingmen’s Party of California, deren Präsident Denis Kearny seine Reden gewöhnlich mit dem Satz beendete „Und was auch immer passiert, die Chinesen müssen gehen.“ So lynchte im Oktober 1871 ein Mob in Los Angeles mehr als 20 Chinesen. 1877 wiederholte sich das in San Francisco.

Illustration depicting a violent attack against Chinese laborers, Denver, Colorado, 1880. (Kean Collection/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

1880 stürmte der Mob das Chinesenviertel von Denver

Quelle: Getty Images

In Truckee, einer Goldgräberstadt, wurde 1878, in Denver 1880 die Chinesenstadt niedergebrannt. Und 1885 starben in Rock Springs bei solchen Krawallen 28 Chinesen. Das geschah drei Jahre, nachdem der US-Kongress bereits mit der Chinese Exclusion Act (die bis 1943 in Kraft blieb) die Einwanderung von Chinesen unterbunden hatte. Mit dem Beschwören der „Yellow Peril“ konnte weiterhin Politik gemacht werden.

Im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts war die „Gelbe Gefahr“ nicht weniger gegenwärtig, wenngleich als eine Chinesenfurcht ohne Chinesen im Land. In Frankreich warnte Èlisée Reclus 1882 davor, dass „das Interesse der Kapitalisten an billiger Arbeit über das Wohl des weißen Proletariats siegen und die Industrialisierung des Fernen Ostens zu verheerenden Ergebnissen für die Arbeiterschaft führen müsse“. August Bebel bezeichnete 1898 in einer Reichstagsrede, „deutsches Kapital in China“ als bedrohliche Konkurrenz für deutsche Arbeiter. Und die „Nationalzeitung“ schrieb, der chinesische Kuli sei der schärfste Konkurrent des deutschen Arbeiters.

Trotzdem war die „Gelbe Gefahr“ in deutschen Blättern bis zum chinesisch-japanischen Krieg 1894/95 nur ein Randthema. Zwar galt Japan seit der erzwungenen Öffnung des Inselreiches 1853 und den Meiji-Reformen anderthalb Jahrzehnte später als eine neue, aber doch mindere Macht, die zwar alles Westliche kopiere, jedoch weltpolitisch keine Rolle spiele.

Selbst nach Japans Sieg über China, der 1895 mit dem Friedensvertrag von Plymouth den westlichen Nationen mit den Pachtgebieten in China koloniale Stützpunkte öffnete – für Deutschland war das Kiautschou – , änderte sich wenig an dieser Anschauung. Zwar wurde die Zeichnung Kaiser Wilhelm II., auf der der Erzengel Gabriel mit dem Schwert in der Hand Germania, Britannia und die anderen Verkörperungen der europäischen Staaten angesichts einer Buddha-Gestalt über dräuenden Flammen am Horizont mahnt „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“, vielfach abgedruckt, aber zugleich in Karikaturen verspottet.

1900: Execution of three anti foreign officials in Paoting-fu, during the Boxer Rebellion. Original Publication: The Graphic - Boxer Rising - pub. 1901 Original Artwork: Painting - Haenem (Photo by London Stereoscopic Company/Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Vor den Augen europäischer Truppen wurden zahlreiche Boxer nach dem Aufstand exekutiert

Quelle: Getty Images

Erst mit dem sogenannten Boxeraufstand im Frühjahr 1900, der die Vertreibung aller „Fremden“ aus China erreichen wollte, schien die „Gelbe Gefahr“ tatsächlich bedrohlich zu werden. Denn nachdem der deutsche Gesandte auf dem Weg ins chinesische Außenministerium erschossen worden war, belagerten die „Boxer“ zwei Monate lang das Gesandtschaftsviertel in Peking. „Nun kamen täglich neue Nachrichten von den Gräueltaten der Boxer“, notierte Paula von Rosthorn, die Frau des österreichischen Geschäftsträgers. „Flüchtlinge erzählten, dass die Boxer furchtbar gewütet und ein schauderhaftes Blutbad angerichtet hatten. In der Yung-Tang-Mission haben sie allein 600 Frauen und Kinder abgeschlachtet. Und so ging es weiter.“

Doch nach der Intervention der westlichen Mächte – Wilhelm II. verabschiedete das deutsche Expeditionskorps mit seiner berüchtigten „Hunnen-Rede“ – brach der Aufstand zusammen. Japan, in dieser Koalition noch ein Verbündeter, stellte sich dann allerdings wenig später als eine Macht mit eigenen imperialen Ambitionen heraus. Das unterstrich der Sieg im Russisch-Japanischen Krieg 1904/05. Fortan richteten sich die Augen, wenn von einer „Gelben Gefahr“ die Rede war, eher auf das Inselreich als auf das Festland.

Wilhelm II., deutscher Kaiser (1888?1918); 1859?1941. ?Völker Europas wahret Eure heiligsten Güter?. (Allegorie; ? Erzengel Michael ruft das christliche Europa zur Einigkeit gegen die ?Gelbe Gefahr? auf). Zeichnung, 1895, von Hermann Knackfuß (1848?1915) nach Skizze, Sommer 1895, von Kaiser Wilhelm II. |

"Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter": Mit diesem Gemälde rief Kaiser Wilhelm II. 1895 zum Kampf gegen die "Gelbe Gefahr" auf

Quelle: picture alliance / akg-images

Dabei ergaben sich seltsame Konstellationen. In Frankreich meinte man, die „Gelbe Gefahr“ sei eine Phantasmagorie, sei Propaganda, an der Russland ein realpolitisches Interesse habe, um von seinen eigenen machtpolitischen Ambitionen abzulenken. Und wenn der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenberg im Dezember 1904 auch erklärte „Wir sind Weiße, dort sind Gelbe, und alle europäischen Nationen müssen gegen die ,Gelbe Gefahr’ zusammenstehen“, widersprachen ihm hohe Offiziere, die an den Militär-Expeditionen nach China beteiligt waren.

Fritz Freiherr von der Goltz meinte in seiner Untersuchung über „Die gelbe Gefahr im Lichte der Geschichte“: „Jedenfalls sind wir Deutschen diejenigen, für die eine gelbe Gefahr am wenigsten besteht.“ Und Wichard Graf von Wilamowitz-Moellendorf nannte sie in seinem Buch „Besteht eine gelbe Gefahr?“ ein Phantom. Vielmehr seien es „zwei Erscheinungen unseres öffentlichen und politischen Lebens, welche auf einen Verfall der weißen Rasse hindeuten: 1. Die Sozialdemokratie und der Anarchismus, 2. Die Friedensbewegung. “ Dagegen sei „die gelbe Rasse der natürliche Bundesgenosse des Germanentums gegen das Slawentum“.

Nach dem Ersten Weltkrieg schien die „Gelbe Gefahr“ kein Thema mehr zu sein. Außer für Hollywood, wo Dr. Fu Manchu und ähnlich finstere schlitzäugige Gestalten als zwielichtige Bösewichte agieren. Doch nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor im Dezember 1941 änderte sich das schlagartig. Nun war Japan höchst real „The Yellow Peril“. Und weil die USA eine Invasion der Japaner nicht ausschlossen, wurden die meisten Japaner, die in den Staaten lebten, interniert, selbst wenn sie die amerikanische Staatsbürgerschaft besaßen.

China aber betrachtete man, trotz des verheerenden Bürgerkriegs zwischen Kuomintang und Kommunisten, als Opfer. Wobei die amerikanischen Sympathien vielfach mehr den Kommunisten, die man als Bauernrebellen idealisierte, als der Kuomintang galten. Das änderte sich wiederum mit der Kapitulation Japans im Pazifischen Krieg und dem Sieg Maos. Vor allem drei Jahre später mit dem Koreakrieg. Nun tauchte das alte Schlagwort auch allenthalben in hiesigen Breiten wieder auf.

Die „Blauen Ameisen“ und die „Gelbe Gefahr“ dienten nicht nur Kabarettisten für Wortspiele. „Die Gelbe Gefahr“, auch „Die gelben Spione“ finden sich auf den Titelseiten von Magazinen und Büchern. Denn angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung im Nachkriegsjapan und inzwischen auch in China scheint manchem „Der Untergang des Abendlandes“ gewiss.

Da ist von großen Ohren und weit geöffneten Augen die Rede, wenn es um Firmen wie Huawei geht, die die digitalen Datenströme in unerwünschte Pekinger Kanäle umleiten könnten. Oder dass durch den Kauf von erheblichen Anteilen von Firmen wie Daimler, Heideldruck oder Bosch Geschäftsgeheimnisse nicht geheim zu bleiben drohen. Mag die „Gelbe Gefahr“ im diplomatischen Verkehr auch ein Unwort sein, als Befürchtung reüssiert sie heimlich unheimlich.

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