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„Die ganze Welt schaut auf dieses Konzert“

Here comes the sun: Als das Konzert eigentlich längst angefangen haben sollte, aber draußen immer noch Menschenschlangen anstehen, läuft in der Halle der Beatles-Klassiker. Die Leute jubeln, ballen die Fäuste, werfen die Hände in die Luft, tanzen dicht an dicht. Fallen sich in die Arme. Oder strahlen sich einfach nur an.

Ja, hier kommt die Sonne. Für rund 5000 Musikfans an diesem Samstagabend im Palau Sant Jordi auf Barcelonas Hausberg Montjuïc – und wenn es gut läuft, weltweit für eine Branche, die wie kaum eine andere unter dem Spreader-Makel leidet. Mindestens aber gilt es als Signal der Hoffnung: das erste größere Konzert ohne soziale Distanz in der westlichen Welt seit Ausbruch der Corona-Pandemie.

„Ich bin kurz davor zu weinen“, ruft Sänger Santi Balmes

„Ich bin kurz davor zu weinen“, ruft Sänger Santi Balmes

Quelle: AP

„Willkommen zu einem der emotionalsten Konzerte unseres Lebens, ich bin kurz davor zu weinen“: So begrüßt Santi Balmes, Sänger der Band „Love of Lesbians“, schließlich die Masse. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift: „Putas Ganas“, verdammten Bock. Wie alle Künstler war er seit einem guten Jahr kaltgestellt.

Doch wer hier spielt, er wird es am Ende des Abends selbst sagen, ist eigentlich egal. Was zählt, ist, dass es diesen Abend gibt. Die Tickets waren in wenigen Stunden ausverkauft, und die historische Dimension liegt in der extra frisch zirkulierenden Hallenluft. Zum Abschluss wird Balmes rufen: „Jetzt könnt ihr für alle Zeiten mit einem großen Lächeln sagen: ‚Ich war dabei.‘“

Verbesserte Antigen-Tests brachten den „Sprung“

Um Geschichte zu schreiben, braucht es Mut, Kreativität, Ausdauer und – in Pandemie-Zeiten – einen über alle Bedenken erhabenen Plan. In diesem Fall bestand er darin, eine „Ein-Tages-Stadt“ zu konstruieren, wie es Mitveranstalter Jordi Herreruela WELT gegenüber ausdrückt. Schon seit April 2020 hätten die Musik- und Festivalpromoter der Stadt an einem entsprechenden Konzept gearbeitet und die Behörden damit bearbeitet. Aber zur Durchsetzung habe es einen „technologischen Sprung“ benötigt.

Der kam im Herbst mit verbesserten Antigen-Tests. Diese können zwar weiterhin falsche Negativergebnisse nicht ganz ausschließen; wohl aber, dass jemand mit ansteckender Virenmenge negativ testet. Das jedenfalls ergab ein aufwändiges Experiment im Dezember von Experten des Krankenhauses Germans Trias i Pujol mit Gegenchecks durch PCR-Tests.

Ein Event von 500 Menschen in der Diskothek Apolo wurde so bereits ohne soziale Distanz, aber trotzdem ohne Ansteckungen über die Bühne gebracht. Das Konzert von „Love of Lesbians“ ist nun die kalkulierte Ausweitung dieser Partyzone. Dieselben Wissenschaftler betreuten das Konzert der Veranstaltung, auch die Politik stimmte zu. „Hinter dieser Initiative steht nichts Verrücktes oder Waghalsiges“, sagt Herreruela, „sondern Stringenz und Knowhow.“

Samstagmorgen, kindliche Vorfreunde und Pionierstimmung am Club Razzmatazz im ehemaligen Industrieviertel Poblenou in Barcelona. Vor den Turntables stehen freiwillige Helfer, unter der Diskokugel dutzende Testkabinen. Wer ein Ticket für das Konzert am Abend hat, muss es im Lauf des Tages durch einen negativen Antigen-Test freischalten, er hat dafür einen Termin in einer von drei Tanzhallen bekommen und über eine Handy-App einen personalisierten, an das Ticket gebundenen Testcode.

Warten auf das Ergebnis des Schnelltests

Warten auf das Ergebnis des Schnelltests

Quelle: AP

Nach dem Parcours durch die Disco warten die Probanden am Ausgang auf ihr Ergebnis. Kollektives Starren auf das Handy, dann kurzes Grinsen oder ein Schrei der Erleichterung, wenn exakt eine Viertelstunde später das Resultat auf dem Display erscheint. Grün für negativ – nur vier der rund 5000 Test waren positiv, auch das wird Sänger Balmes am Abend von der Bühne herab verkünden.

Kaum ein Liedwechsel vergeht ohne Bezug auf das Thema: Corona. Durch die weißen FFP2-Masken, auf denen als doppelte Absicherung dann doch beharrt wird, ist es sowieso stets präsent. Von oben lassen sie die Menge aussehen wie eine tanzende Mondlandschaft. Wer die Maske kurz hochschiebt, wird sofort von Kontrolleuren in zivil ermahnt. Womöglich ist das die Konzertästhetik der Zukunft, so wie einst die Lichter der Smartphones neu dazukamen.

Hände fliegen von links nach rechts und wieder zurück

Hände fliegen von links nach rechts und wieder zurück

Quelle: Getty Images

Keine alte Normalität außerdem: Drinks dürfen nur an Bars neben dem Saal genommen werden, und zu schwitzen schafft angesichts der heruntergekühlten Umluft keiner so wirklich. Die Halle ist so clean, wie es nur irgend geht. Sogar ein Roboter wurde vorher durchgejagt, der sie mit ultraviolettem Licht desinfiziert hat.

Auf der anderen Seite wabert die Masse, wie sie es immer getan hat. Mädchen sitzen auf den Schultern ihrer Jungs, die Hände fliegen von links nach rechts und wieder zurück. Die Lichtshow taucht das Publikum in blau, rot, rosa, lila, und von der ursprünglich geplanten Trennung in Sektoren der normalerweise fast 20.000 Zuschauer fassenden Halle ist bald nicht mehr viel zu sehen: alle zieht es vor die Bühne.

„Wir haben nicht auf die Behörden gewartet, sondern ihnen immer wieder Vorschläge unterbreitet“

„Wir haben nicht auf die Behörden gewartet, sondern ihnen immer wieder Vorschläge unterbreitet“

Quelle: Getty Images

Zur Zugabe lässt sich die Band wie gewohnt bitten, und am Ende heißt es nach altem Ritual: „Danke, Barcelona!“ Wenn alles gutgeht, also ansteckungsfrei, dann wird dieser Satz womöglich noch oft und vielerorts gesagt werden.

„Die ganze Welt schaut auf dieses Konzert“, glaubt Herreruela, er spricht vom „olympischen Geist“. Der ist in Barcelona immer noch positiver konnotiert als anderswo: die Sommerspiele von 1992 verwandelten die Hafenstadt in eine moderne Metropole und gelten mit ihren ikonischen Austragungsstätten auf dem Montjuïc, der heiteren Stimmung und einer perfekten Organisation bis heute weithin als die besten der Geschichte.

„Kreativität, Bürgersinn und Schaffenskraft, die Zusammenarbeit von allen – diesen Geist haben wir jetzt wiedergewonnen“, sagt Herreruela, als Chef des Musikfestivals Cruïlla eine der Hauptfiguren von „Cultura Segura“, wie sich die Initiative nennt: Sichere Kultur.

200.000 Euro Kosten

Tatsächlich ist es kaum Zufall, dass just Barcelona den Schritt nach vorn gewagt hat. Katalonien versteht sich in besonderem Maße als Kulturregion. Die Museen waren neben den Schulen das einzige, was in zweiter und dritter Welle nie geschlossen wurde, und noch vor den Restaurants durften Theater und Kinos wieder öffnen. Hinzu kommt technologische Aufgeschlossenheit, ein Selbstverständnis als „Smart City“: Mit Testdatenmanagement via Handyapp etwa haben hier die wenigsten ein Problem.

Aber vor allem war da die Musikszene selbst. „Wir haben nicht auf die Behörden gewartet, sondern ihnen immer wieder Vorschläge unterbreitet“, sagt Herreruela. Den enormen logistischen Aufwand nahmen die Veranstalter dafür ebenso in Kauf wie einen Verlust: Nur knapp die Hälfte der rund 200.000 Euro Kosten konnten durch die Ticketverkäufe refinanziert werden.

Feiern, singen, tanzen – ganz ohne Abstand

Feiern, singen, tanzen – und das ohne Abstand. Möglich war das bei einem Rockkonzert in Barcelona, natürlich mit Corona-Konzept. Für die Kulturszene ein Zeichen: Veranstaltungen sind auch in der Pandemie möglich.

Quelle: WELT/Angela Knäble

Wann und ob sich die Investition auszahlt? Primavera Sound und Sonar, die großen Sommerfestivals, haben trotz Beteiligung am Pilotprojekt schon für 2021 abgesagt. Sie sind bei Line-up und Besuchern stark international ausgerichtet. Herreruela will es mit seinem Cruïlla hingegen probieren; das Independent-Festival zieht traditionell eher ein lokales Publikum an. Dabei soll es im Juli mit einem gemischten Konzept aus bereits geimpften Besuchern und Antigen-Tests um 25.000 Menschen und eine Drei-Tages-Stadt gehen.

„Diese Blase macht jetzt zu“, verabschiedet sich derweil Love-of-Lesbian-Sänger Balmes im Palau Sant Jordi. Auf dem Balkon der Halle stehen die Leute auf eine letzte Zigarette, die Stadt zu Füßen. Wie damals bei Olympia, wie früher nach Konzerten. Oder auch nicht. Die Zigaretten werden schnell ausgedrückt, die Bar schließt, alle müssen nach Hause, ab zehn Uhr gilt wieder die seit vielen Monaten verhängte Ausgangssperre. Über Ostern können zwar die Deutschen nach Mallorca, die Spanier aber haben in ihren Regionen zu bleiben.

In zwei Wochen wird es wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über den Erfolg des Projekts geben. Vorerst bleibt die Erinnerung, an die Lichter und den Lärm, das Staunen und das Lachen. Ein paar Stunden der Magie, ein Hauch von Rock’n’Roll.

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