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Germany

Die zwei Körper der Kanzlerin

Dreimaliges Zittern innerhalb von drei Wochen. Abnahme der Nationalhymnen Deutschlands und Dänemarks im Sitzen: Beim gegenwärtigen Schwächezustand der Bundeskanzlerin denkt so mancher an das legendäre Buch des berühmten Historikers Ernst Kantorowicz, das 1957 erschien und den ein wenig erratischen Titel „Die zwei Körper des Königs“ trägt.

Nun ist selbst Angela Merkel, die vielleicht manchmal das Gefühl beschleicht, sie sei doch etwas mehr als nur eine Regierungschefin, bei allem Respekt keine Königin. Sie lebt auch nicht in jenem Mittelalter, auf das sich Kantorowicz bezog mit seiner Lehre, die er übrigens als treuer Adept des Dichters Stefan George vor allem am Beispiel Friedrich II. von Hohenstaufen entwickelte.

Aber seine Vorstellung, dass der König einer großen Nation nicht nur über einen realen und den Gesetzen der irdischen Hinfälligkeit unterworfenen Leib besitze, sondern eben auch einen symbolischen, übernatürlichen: Diese Vorstellung hat ja das Mittelalter überdauert. Noch Ludwig XVI. von Frankreich bezog sich bei seiner Inthronisierung 1775 auf diese alte Tradition und ließ als „roi thaumaturge“, als wundertätiger Herrscher, die von Skrofeln befallenen Kranken zu sich kommen, die er durch eine segnende Berührung heilte.

Auch Angela Merkel hat einst ein weinendes Migrantenkind durch Handauflegen zu beruhigen versucht, eine spontane Geste menschlicher Anteilnahme, ja Zärtlichkeit, die man ihr sofort als herrscherliche Geste ausgelegt hat. Und die wiederholte Versicherung, sie sei trotz körperlicher Schwäche in der Ausübung ihres Berufes nicht beeinträchtigt, nimmt vielleicht – ob bewusst oder unbewusst – den Mythos einer gewissen Unversehrtheit für sich in Anspruch, der aus ihrem hohen Amt abgeleitet wird.

Gemäß der Analogie, dass eben auch ein Mensch mit Regierungsfunktion zwei Körper, die zwei Körper des Kanzlers/der Kanzlerin, zur Verfügung habe. Eine Vorstellung, die ein anderer Oberer, das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II., mit bürgerlichem Namen Wojtyła, in seinen späten Jahren, wie erinnerlich, ebenfalls mit gelassener Selbstverständlichkeit für sich als Leitlinie reklamierte.

Und es ist ja auch etwas daran. Wer jemals in einer hohen Mission, bei einer wichtigen Aufgabe, ja selbst unter dem Eindruck eines unaufschiebbaren Termins körperliche Malaisen einfach mal ignoriert hat, besitzt eine Ahnung davon, wie sehr das Bewusstsein das Sein bestimmen kann. Und Ernst Kantorowicz war natürlich viel zu sehr an allgemeinen Lehren interessiert, als dass er mit seinem Buch von 1957 nur eine historische Spezialstudie über Herrscherrituale des Mittelalters hätte vorlegen wollen.

Ihn interessierte – wie den gesamten George-Kreis – die Dialektik von „Herrschaft und Dienst“. Und derzufolge wächst dem dienenden Herrscher die Macht der Selbstbeherrschung zu. Über die gebrechliche Einrichtung der Welt und des eigenen Körpers hinaus.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG

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