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Diesen Sneaker hätte man von Roger Federer nicht erwartet

Alle Komponenten stimmen: Roger Federer mit seinem neuen Schuh, fotografiert von Juergen Teller in einem Haus von Le Corbusier

Alle Komponenten stimmen: Roger Federer mit seinem neuen Schuh, fotografiert von Juergen Teller in einem Haus von Le Corbusier

Quelle: Juergen Teller für ON

Ein bösartiger Aufschlag, wuchtig und angeschnitten zugleich: Man kriegt den Ball gerade so eben, aber keinesfalls übers Netz. Mark Philippoussis ist in diesem Augenblick vergessen, Roger Federer sinkt in die Knie: Der 6. Juli 2003 ist der Beginn einer einzigartigen Karriere. „Darüber habe ich als Junge immer Witze gemacht“, sagt er im Interview auf dem Centre Court von Wimbledon, und seine Stimme überschlägt sich.

Genau 17 Jahre später steht Roger Federer in einem Studio in Zürich. Seine Haare trägt er nicht mehr zum Pferdeschwanz gebunden, er hat jetzt vier Kinder. Und ein brandneues Baby. Mit der Schweizer Laufschuhmarke On hat er einen Schuh entworfen, den er heute der Weltöffentlichkeit in einem Videointerview vorstellt. Für On ist es ein folgerichtiger Schritt: Die 2010 gegründete Marke hat sich sehr schnell etabliert in einem hochlukrativen, aber eben auch heiß umkämpften Markt. Vor zwei Jahren waren die Gründer mit Federer Mittagessen, nun hält einer der bekanntesten Sportler der Welt – und der erfolgreichste Tennisspieler aller Zeiten – den „The Roger Centre Court 0-Series“-Sneaker in die Kamera.

„Schon seit einiger Zeit hatte ich keine Lust mehr auf unbequeme Sneakers. Und ich wollte eine neue Silhouette“, sagt er. In Bezug auf die innovative Federungstechnik von On meint er: „Ich liebe das CloudTec-Patent, aber sagte zum Designchef Thilo: Warum verstecken wir es nicht ein bisschen?“ Auch das Logo sei beim neuen Schuh ja kaum zu sehen. Federer würde in diesen Tagen eigentlich in Wimbledon spielen, wenn der Lockdown und seine gesundheitlichen Probleme nicht wären.

Warum kein Tennis-Schuh?

Seinen Tatendrang bremst das nicht: „Ich bewundere den ‚Stan Smith‘ oder den ‚Air Jordan‘“, sagt er über zwei legendär erfolgreiche und stilprägende Sportschuhe: „Doch als man die gelauncht hat, ahnte man auch nicht, dass es so langlebige und einflussreiche Produkte sein würden. Natürlich hoffen wir, dass es uns ähnlich ergeht.“

Warum er denn keinen richtigen Tennis-Schuh entworfen habe? „Das ist wesentlich komplexer und hätte viel länger gedauert“, sagt er. Und als spiele Alter für einen 38-jährigen Athleten keine Rolle: „Ich hoffe natürlich, irgendwann mit einem On-Schuh zu spielen“. Sein Agent habe den Schuh schon Anna Wintour gezeigt: „Ich habe nichts Negatives gehört. Das ist wohl ein gutes Zeichen.“

Glamour durch ostentative Nüchternheit: Der „The Roger Centre Court 0-Series“-Sneaker der Marke On

Glamour durch ostentative Nüchternheit: Der „The Roger Centre Court 0-Series“-Sneaker der Marke On

Quelle: Diane Deschenaux/ON

Für derartiges Selbstbewusstsein gibt es gute Gründe. Der Mann hat in seiner Karriere kaum Fehler gemacht. Und seine Partner von On haben traumhafte Wachstumszahlen vorzuweisen. Ihr Erfolg beruht nicht auf Design und Marketing, sondern auf technischer Innovation.

Der ehemalige Triathlet Olivier Bernhard hatte an einem neuartigen Schuh getüftelt. Irgendwann kam er mit einer Tasche voller Prototypen zu seinen Freunden Caspar Coppetti und David Allemann und sagte: „Das ist die Revolution.“ Er hatte Stücke alten Gartenschlauches unter einen Laufschuh montiert. Die Idee: Statt den Schuh einfach zu dämpfen, wollte er eine responsive Sohle, die einen weichen Aufprall und einen dynamischen Abstoß ermöglicht.

„Triathleten sind sehr technikaffin. Und sie haben genug Zeit zum Nachdenken“, sagt Allemann, ein Hobbyläufer, der vorher eine Digitalagentur betrieben und sich danach im Vorstand der Designmöbelfirma Vitra ums Marketing gekümmert hatte: „Über Jahrzehnte hatten die Laufschuhfirmen nach dem Prinzip gearbeitet, unterschiedliche Matratzen unter den Schuh zu packen. Wir arbeiten mit den Scherkräften, die beim Laufen entstehen. Das ist ein Ingenieursansatz.“

Der Schuh funktioniert anders und sieht anders aus

Bei der Sportmesse Ispo gewannen sie damit einen Innovations-Award und fällten eine richtig kluge Entscheidung: On sollte sich als Performance-Schuh einen Namen machen. „Das härteste Segment“, sagt Allemann, „dann würde unsere Technik überzeugen.“

Ein Laufschuh und ein Lifestyle-Sneaker sind zwei unterschiedliche Produkte: Der eine muss funktionieren, der andere muss gut aussehen. Trotzdem sind beide miteinander verzahnt. „Man riet uns, möglichst nah am running shoe bling zu bleiben. Viele Farben und Streifen, Verstärkungen, die sagen sollen: ‚Ich bin eine Performancemaschine‘“, schildert Allemann den Weg zum minimalistischen Fast-No-Design: „Wir haben lange überlegt und dann entschieden: Wenn etwas anders funktioniert, muss es auch anders aussehen.“

Eines der frühen Modelle: der Cloudsurfer mit der patentierten CloudTec-Sohle

Eines der frühen Modelle: der Cloudsurfer mit der patentierten CloudTec-Sohle

Quelle: on-running.com

Heute ist der Anteil der Performance-Schuhe bei circa 60 Prozent, der Rest sind Sneakers für den Alltag, zu denen auch der „Roger Centre Court“ zählt. Denn der Verzicht auf exzentrisches, lautstarkes Design wirkt erfrischend in einem Umfeld, das in den letzten Jahren geprägt war von immer neuen Kooperationen und, man kann es nicht anders nennen, Auswüchsen. Am einflussreichsten war vielleicht der Sneaker von Balenciaga, der aussah, als hätte man drei Schuhe über- und ineinander geschichtet, Gucci schmückte ein Modell mit riesigen, bunten Glassteinen, John Galliano entwarf einen Monsterschuh, über den er weißes Gummi träufelte. Alles sehr amüsant, aber wie eine Dinnerparty, auf der jeder Gast die anderen zu überschreien versucht.

On geht genau den anderen Weg: Glamour durch ostentative Nüchternheit. Das scheint zu funktionieren. Der Modedesigner Jonathan Anderson trägt die Marke. Die Art Basel, wichtigste Kunstmesse der Welt, möchte in Zukunft mit On Gemeinschaftsläufe während der Messen in Miami oder Hongkong veranstalten, in Deutschland und der Schweiz gehört die Marke zu den Top 5 in ihrem Segment.

Demnächst soll ein Flagship-Store in New York eröffnet werden (zwei Läden in Shanghai gibt es bereits). Wie andere Marken im goldenen Dreieck aus Fitness, Lifestyle und Novität, etwa die Yoga-Brand Lululemon, litt auch On unter der Corona-Krise, weil die 6000 Vertragshändler zum Großteil geschlossen waren, aber profitierte auch von der Situation. „Laufen war die perfekte Social-Distancing-Maßnahme, bei der man aktiv bleiben konnte“, sagt Allemann. „Wir wachsen deutlich über Vorjahr.“

Für seinen neuen Partner war es keine ganz leichte Zeit: „Mein letztes Match war in Südafrika mit Rafa (Anm. Rafael Nadal), Bill Gates und Trevor Noah für meine Stiftung“, sagt Federer, der Bildungsprojekte in Afrika und der Schweiz fördert: „Das war ein heftiges Jahr. Zwei Operationen, Krücken, Reha, Lockdown. Ich habe meine Eltern drei Monate nicht gesehen. Viele Menschen werden mit psychischen Narben aus der Situation rauskommen. Wir müssen in Zukunft besser aufeinander aufpassen. Und für mich war die große Frage: ‚Will ich noch weitermachen?‘“

Seine Antwort, typisch Federer: ein 20-Wochen-Fitness-Block. Und die Parallelaktivitäten mit On, die ihm als Schweizer am Herzen liegen. Alles noch geheim, aber es werde bald neue Modelle und Farben geben: „Dann geht der Spaß los.“

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

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