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Ein Erfahrungsbericht: Elternzeit im Camper?

Nicht erst seit der Reisebeschränkungen durch Corona boomt die Caravaning-Branche. Seit Jahren erhält sie Zulauf aus allen Ecken. Auch Paare nutzen immer häufiger die Elternzeit zu einer ersten Schnuppertour im Wohnmobil. Eine Erfahrung, die auch Nele und Alex machten.

Es sollte alles ganz anders werden. Schweden hieß das Ziel für Nele und Alex. Einen gemeinsamen Monat ihrer Elternzeit für das zweite Kind wollten sie im Frühsommer für einen mehrwöchigen Urlaub in Skandinavien nutzen. Erstmals in einem Wohnmobil. Für ein intensives Familienerlebnis zusammen mit ihren beiden Kindern, der fast dreijährigen Lea und dem kleinen Paul, der auf dieser Tour sogar seinen ersten Geburtstag feiern würde.

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Mehr Luxus als in einem VW California gibt es im Hymer 600 Free allemal.

(Foto: Michael Lennartz)

Corona machte der jungen Familie einen Strich durch die Rechnung - allerdings nur, was das Reiseziel angeht. Statt Bullerbü, Smaland, Vänernsee und Stockholm blieb man eben innerhalb deutscher Grenzen: Bodensee, Pfälzer Wald und Taunus. Bisher diente den jungen Eltern, lediglich mit Klein-Lea im Schlepptau, ihr Hochdachkombi mit Dachzelt als Basis für naturnahe Urlaube. Mit zwei Kleinkindern unterwegs sollte es etwas komfortabler werden, sollte auf jeden Fall eine Nasszelle mit Toilette, Waschbecken und Dusche an Bord sein.

Kein VW-California

Kein Campingbus im VW-California-Format also, sondern ein Hymer 600 Free mit Aufstelldach - ein ausgebauter Kastenwagen auf Basis eines Fiat Ducato, sechs Meter lang. Massenware, wie sie fast jeder Camper-Van-Hersteller im Programm hat. Allerdings mit zwei Doppelbetten im Heck und im Dachstübchen. Das Obergeschoss ist in dieser Klasse kein Standard.

Eine gute Wahl, wie sich noch herausstellen sollte, obwohl die Auswahlkriterien anfänglich zu etwas Verdruss führten. Denn lediglich für einen Kindersitz ist auf der Zweierbank im Wohnraum ein Isofix-Befestigungssystem nutzbar, wie es für nahezu alle Sicherheitssysteme, in denen Kinder rückwärts zur Fahrtrichtung transportiert werden, Voraussetzung ist. Zwei ausladende Kindersitze würden auf der Sitzbank ohnehin nicht nebeneinander passen. Die dreijährige Lea wurde also auf dem Beifahrersessel mitsamt ihrem Kindersitz festgeschnallt. Mama Nele oder Papa Alex, je nachdem wer gerade am Lenkrad saß, musste mit dem schmalen Platz neben Paulchens mächtigem Gestühl Vorlieb nehmen.

Kindersitze nerven im Reisemobil

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Die Kindersitzlösungen in den Wohnmobilen sind nicht optimal.

(Foto: Michael Lennartz)

Die Reisemobilbauer haben ja längst die Elternzeit-Camper und generell junge Eltern mit Kindern als neue Zielgruppe entdeckt und ins Visier genommen, was durch den starken Trend zu immer mehr kompakten Camper-Vans ja auch zahlenmäßig gestützt wird. "Wenn die Hersteller ihre Sache ernst nehmen, sollten sie aber an einer besseren Kindersitz-Lösung arbeiten", meint die junge Mutter, "schließlich lautet eine Empfehlung sogar, Kinder bis zu vier Jahren generell rückwärtsfahrend zu transportieren."

Ein weiterer Nachteil beim Kapitel Kindersitze: Am Urlaubsort angelangt okkupieren sie mangels geeigneterer Verstaumöglichkeiten den Beifahrersitz. Dennoch betonen die Wohnmobil-Novizen, dass sie den „netten Luxus“ gegenüber dem Dachzelt-Kombi sehr wohl zu schätzen wussten. So leistete die Truma-Heizung an einem frischen, regnerischen Wochenende im Pfälzer Wald auch im Sommer gute Dienste, war andererseits die schattenspendende Markise an heißen Tagen sehr hilfreich und ließ sich im Kühlschrank an der Stirnseite des Küchenblocks erstaunlich viel unterbringen. "Wenn man sich das Gefrierfach sparen würde, sogar noch viel mehr", meint Mama Nele.

Überlegungen, ein kleines Kinder-Reisebett auf der umgebauten vorderen Sitzgruppe aufzustellen, wie sie andere Elternzeit-Camper mit Babys auf Tour oft anstellen, waren für Nele und Alex kein Thema. Jeweils ein Elternteil teilte sich mit einem Kind oben wie unten das Doppelbett, auch wenn es für das Heckbett keinen Rausfallschutz gab. Zudem war das hintere Querbett ein perfekter Platz zum Wickeln.

Betten sind schnell gemacht

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Das obere Bett im Aufstelldach bietet viel Platz.

(Foto: Michael Lennartz)

Ebenfalls bestens: der schnelle und unkomplizierte Auf- und Abbau der Betten, sowohl für das manuelle Aufstelldach als auch für die hochklappbare Heckkoje, unter der sich ein üppiger Stauraum befindet. Da der an der rechten Hecktür angebrachte Fahrradträger nur 19 Kilogramm Tragkraft pro Schiene zuließ, musste das E-Bike als Zugfahrrad für den Kinder-Anhänger im hinteren Mittelgang untergebracht werden. Und dennoch war dort genug Platz für eben diesen zusammenklappbaren Anhänger, der auch als Kinderwagen diente, ein weiteres Laufrad sowie diverse Plastikboxen für allerlei Utensilien. Campingstühle sind platzsparend in einer Nische zwischen Unterschrank und Hecktüre deponiert, der dazugehörige Tisch in einer großen Türtasche.

Eine ausreichende Ladung Windeln wurde im Kleiderschrank untergebracht. Und selbst der Stauraum im Küchenblock war - zumindest für die Ansprüche von Nele und Alex - so groß, dass anfangs die gepackten Teller, Becher, Gläser und Geschirr hin und her rutschten.

Bad und Toilette entpuppten sich gerade in Corona-Zeiten als Segen. Man konnte den Kindern zwischendurch schnell mal die Hände waschen oder sie kurz abduschen. Da sich der Duschkopf durch das Badfenster auch nach außen hängen lässt, funktioniert das auch im Freien.

Keine Probleme mit der Größe im Verkehr

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An die Dimensionen einen Hymer Free 600 gewöhnt man sich recht schnell.

(Foto: Michael Lennartz)

Wer nicht die Dimensionen eines Camper-Vans wie den Hymer 600 Free gewohnt ist, dürfte sich schnell daran gewöhnen. Der Fiat Ducato, resümieren sowohl Nele als auch Alex, ließ sich angenehm und problemlos fahren. Die Rückwärtskamera erleichtert das Rangieren maßgeblich. Und über einen Durchschnittsverbrauch von knapp über 10 Litern Dieseln auf 100 Kilometern im voll bepackten Fahrzeug konnten die beiden sich auch nicht beschweren.

Einige Tipps der jungen Eltern aus der Erfahrung einer ersten Wohnmobil-Tour: Keine zu langen Tagestouren planen. Zweieinhalb bis drei Stunden maximal, damit die Kleinen nicht zu lang in ihren engen Kindersitzen festgeschnallt sind. Wenn sich längere Fahrten nicht vermeiden lassen, lieber bis in die späten Abendstunden fahren, wenn die Kinder sowieso schlafen würden.

Jede Nacht das gleiche Bett in vertrauter Räumlichkeit halten die Eltern für einen wichtigen Fixpunkt bei häufiger wechselnden Campingplätzen. Trotzdem empfehle es sich, wenigstens drei bis vier Tage an einem Ort zu bleiben, um den Kleinen einen halbwegs geregelten Rhythmus zu gönnen. Dass beim Packen an genügend Spielsachen, Lieblingskuscheltiere und Kinderbücher ebenso wie an eine kindgerechte Reiseapotheke inklusive Sonnen- und Insektenschutz zu denken ist, versteht sich von selbst.

Zuladung und Preis können zum Problem werden

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Stauraum gibt es reichlich, der ist aber auch sehr schnell gefüllt, wenn die Familie auf Reisen geht.

(Foto: Michael Lennartz)

Die Wahl des Wohnmobils ist eine Frage der Dimensionen. Für Nele und Alex war es bereits vom Dachzelt bis zum Sechs-Meter-Camper ein großer Schritt. Ein teil- oder gar vollintegriertes Fahrzeug ist in der Regel größer und komfortabler, allerdings auch unhandlicher und schwerer. Da kann es in der 3,5-Tonnen-Klasse, die für alle Führerscheininhaber seit 1999 maßgeblich ist, bei der Zuladung Gewichtsprobleme geben.

Und natürlich könnte allein schon das eigene Budget ein limitierender Faktor sein. Denn um einen absoluten Billigurlaub handelt es sich bei einem Reisemobil-Trip nicht gerade. Für Kandidaten, die gleich an einen Kauf denken – ja, die sind gar nicht so selten, wie der Caravaning-Verband CIVD bestätigt -, sowieso nicht, denn da reden wir beim Hymer Free 600 etwa von 45.000 bis 50.000 Euro.

Auch beim Mieten kann schnell ein ordentliches Sümmchen zusammenkommen. Je nachdem, ob man bei den großen Vermietern wie beim ADAC, Hymer-Gruppen-Ableger McRent oder Knaus-Tabbert-Tochter Rent-and-Travel bucht, die stets neuwertige Fahrzeuge im Programm haben und entsprechend teurer sind (Tagesmiete für einen Sechs-Meter-Kastenwagen in der Hochsaison 100 bis 120 Euro). Oder ob man sich für ein Sharing-Portal wie Paul-Camper oder Europas größte Platzform Yescapa entscheidet, wo der Tagestarif - je nach Alter des Fahrzeugs - 10 bis 25 Euro günstiger sein kann. Zulauf verspüren aktuell ausnahmslos alle.

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Das hintere Querbett eignet sich hervorragend zum Wickeln.

(Foto: Michael Lennartz)

Und Elternzeit-Camper ebenso wie junge Familien mit größeren Kindern spielen dabei eine Hauptrolle. So sagt der für Rent-and-Travel zuständige Knaus-Geschäftsführer Gerd Adamietzi: "Wir haben 1900 Mietfahrzeuge im Einsatz, registrieren gegenüber 2019 ein Plus von 120 Prozent bei den Buchungen und 70 Prozent der Mieter sind zwischen 18 und 44 Jahre alt." Levin Klocker, Deutschland-Manager von Yescapa, macht ähnliche Erfahrungen: "Elternzeit-Camper werden statistisch zwar nicht gesondert erfasst. Aus den Rückmeldungen sehen wir aber, dass es ein eindeutiger Trend ist. Rund die Hälfte unserer rasant steigenden Mieterschar reist auf jeden Fall mit der Familie. Dabei handelt es sich größtenteils um ein Elternpaar mit zwei Kindern."

Wie Lena und Andy. Die können sich das Reisen im Wohnmobil nach den ersten Erfahrungen durchaus in Zukunft vorstellen.

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