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Ein Gemisch aus Potenz und Aggression: Carel van Schaiks und Kai Michels „Die Wahrheit über Eva“

Gesundes Selbstbewusstsein tut diesem Thema gewiss keinen Abbruch: „wir, ein Evolutionsbiologe und ein Kulturwissenschaftler, glauben rekonstruieren zu können, was tatsächlich schiefgelaufen ist zwischen Frauen und Männern.“ Dann also mal los. Die Kernaussagen, die das niederländisch-deutsche Autorenteam Carel van Schaik und Kai Michel in ihrer makrohistorischen Gendergeschichte darlegen, sind rasch skizziert: Die Evolution kennt keine Intention. Nicht biologische Dispositionen laufen auf Sexismen hinaus, sondern kulturelle Rahmungen, allen voran als Herrschaftsinstrument institutionalisierte Religion.

Viele unserer Vorfahren, so die Autoren, von einigen Primaten über die Hominiden zu den Jägern und Sammlern, kannten Unterschiede („Sexualdimorphismus“), aber wenig Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern. Körperliche Unterlegenheit glich frau demnach durch exklusives Wissen oder Allianzen aus. Das änderte sich mit der neolithischen Revolution. Aufgrund der Landwirtschaft, des Anbaus von Pflanzen und des nun zu schützenden Privatbesitzes, mussten Männer häufiger anwesend sein als zuvor.

Frauen als Kriegsbeute

Die in die „patrilokalen“ Familien einheiratenden Ehefrauen verloren ihr Netzwerk. Getreide verdrängte eisenreiches Fleisch und kalziumhaltige Nüsse vom Speiseplan, was Frauen, die stärker zu Mangelerscheinungen neigen, besonders traf. Da Kinder früher abgestillt wurden, nahmen die Geburten zu. Die Nachwuchspflege, zuvor ein Gemeinschaftsunterfangen, wurde exklusiv der Mutter zugeordnet. Diese „akkumulative kulturelle Evolution“, eine langsame Verdichtung verschiedener Entwicklungen, ziehe sich über Tausende Jahre hin und biege mit dem Aufkommen immer größerer Gemeinwesen endgültig falsch ab.

Carel van Schaik und Kai Michel: „Die Wahrheit über Eva“. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern.

Carel van Schaik und Kai Michel: „Die Wahrheit über Eva“. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern. : Bild: Rowohlt Verlag

Die prähistorische Siedlung Göbekli Tepe in der Türkei, deren älteste Teile aus dem zehnten Jahrtausend v. Chr. stammen und die heute Weltkulturerbe ist, soll illustrieren, was geschah: In den Ruinen eines „Prototempels“, ausgestattet mit Bildern wilder Tiere, entsteht ein „düster-bedrohliches Gemisch aus Potenz, Aggression und Tod“. Die Jagd wird überhöht, der Kontakt zu außerweltlichen Mächten zum Privileg des männlichen „inner circle“. Die weiblich geprägte Alltagsfrömmigkeit wird erst eingehegt, dann diffamiert. Als sich im Vorderen Orient Staaten bilden, setzt sich die Entwicklung fort. Erlegt werden keine Auerochsen mehr, sondern Feinde. Frauen sind Kriegsbeute. Mit der Einführung von Gesetzestexten wird der gelebte „male bias“ festgeschrieben.

Das berüchtigtste Pubertätssignal der Religionsgeschichte

Die Schlussfolgerungen sind bekannt: Wir haben eine Welt übernommen, in der Männlichkeit die unhinterfragte Norm bildet. Vordenkerinnen der „patriarchalen Matrix“, wie Simone de Beauvoir, werden dementsprechend ausgiebig gewürdigt. Gerda Lerners Geschichte von der „Entstehung des Patriarchats“ in Mesopotamien zwischen etwa 3100 und 600 v. Chr. stand Patin, wird jedoch deutlich erweitert. Pierre Bourdieu ist Gewährsmann für die These, dass Herrschaft nicht ohne das „Monopol der legitimen symbolischen Gewalt“ funktioniere.

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