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Englands Siegtorschütze: Raheem Sterling erfüllt sich den Traum in seinem Garten

Auf dem linken Unterarm trägt Raheem Sterling ein Tattoo. Zu sehen ist ein Junge mit einem Ball, auf dem Rücken die Nummer zehn, im Hintergrund der berühmte Bogen aus Stahl, der das Wembley-Stadion überspannt. Der Junge auf Sterlings Arm ist Sterling selbst. Er ist keinen halben Kilometer von der heiligen Stätte des englischen Fußballs entfernt aufgewachsen. Als Kind träumte er davon, irgendwann einmal in Wembley zu spielen, mit den „Three Lions“ der englischen Nationalmannschaft auf der Brust und der Nummer zehn auf dem Rücken. Er träumte davon, wichtige Tore für England zu schießen.

Beim EM-Auftakt gegen Kroatien hat sich Sterling, mittlerweile 26, den Traum erfüllt, der auf seinem Arm verewigt ist. Bei seiner vierten Turnier-Teilnahme ist ihm endlich der erste Turnier-Treffer gelungen, und das auch noch in Wembley, seinem „back garden“, dem Garten hinter dem Haus, wie er nach der Partie sagte: „Ich bin zwei Minuten die Straße runter aufgewachsen. Ich wusste, dass ich hier treffen musste.“ Nach einer knappen Stunde, als sich Unruhe unter den 22.500 Zuschauern auszubreiten begann, weil die Überlegenheit der Engländer keinen Ertrag brachte, traf Sterling nach einem hübschen Pass des starken Kalvin Phillips aus wenigen Metern zum 1:0-Endstand und verhalf England zum ersten Auftaktsieg bei einer EM überhaupt. Und, zur Vollständigkeit: er trug dabei die Nummer zehn.

Der unerwartete Matchwinner

Die Engländer brillierten nicht, sie wurden ihrem Status als einer der Turnierfavoriten nur teilweise gerecht, schafften aber eine komfortable Ausgangslage für die übrigen beiden Gruppenspiele gegen Schottland und Tschechien und verhinderten ganz nebenbei, dass die berüchtigte Insel-Presse schon früh im Turnier in Panik gerät. Dass ausgerechnet Sterling Mann des Tages war, war nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Der Flügelstürmer hat bei Manchester City eine durchwachsene Saison gespielt und sieht sich viel Kritik in der Öffentlichkeit ausgesetzt. Viele Fans und Experten hätten an seiner Stelle lieber Jack Grealish von Aston Villa oder Jadon Sancho von Borussia Dortmund in der Startelf gesehen.

Gareth Southgate allerdings ist ein Trainer, der seinen Spielern die Treue hält, auch bei Schwächephasen. Also stellte er Sterling auf, ließ Grealish auf der Bank – und strich Sancho sogar aus dem Kader für den Spieltag. Es war ein riskantes Manöver von Southgate, der in England viel Ansehen als Person und für seine Menschenführung genießt, Fußball-fachlich allerdings angezweifelt wird. Den Einzug ins WM-Halbfinale vor drei Jahren in Russland deutete die Öffentlichkeit eher als Ergebnis einer guten Team-Chemie und glücklicher Umstände, weniger als taktische Meisterleistung des Trainers. Bei der EM muss sich Southgate beweisen – und verbuchte gegen Kroatien einen persönlichen Erfolg. Er lag richtig mit seiner Startelf. Sein Vertrauen in Sterling hatte sich ausgezahlt.

Repräsentant eines Teams mit starkem politischen Bewusstsein

Der Außenstürmer von Manchester City erlebt bewegte Tage im Moment. Erst am Freitag war er von der Queen zum „Member of the Most Excellent Order of the British Empire“ (MBE) gekürt worden, als Anerkennung für seinen Einsatz gegen Rassismus. Der in Kingston auf Jamaika geborene Sterling ist in den vergangenen Jahren zu einem der engagiertesten Sportler überhaupt auf diesem Feld geworden und repräsentiert damit perfekt die multikulturelle englische Nationalmannschaft mit starkem politischen Bewusstsein.

Gegen Kroatien gingen die Engländer vor Anpfiff als Zeichen gegen Rassismus auf die Knie und wurden dafür von einigen Zuschauern ausgebuht. Das war zuvor schon bei den EM-Tests gegen Österreich und Rumänien passiert. Die Mannschaft spielt bei der EM auch gegen Sektionen des eigenen Publikums – und Sterling nach seiner schwachen Saison gegen viele Zweifler. Mit seinem Tor gegen Kroatien hat er sie verstummen lassen, zumindest für den Moment.

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