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Germany

Europas neue Nummer eins

Unser Nachbar kommt einfach nicht zur Ruhe. Da versucht die französische Regierung den großen Rentenkompromiss, und wie reagiert das Land? Mit Streik. Bei der Bahn und im Pariser Nahverkehr beispielsweise kam es am Montag den 40. Tag in Folge zu Ausfällen.

Frankreich versinkt also im Chaos? Keineswegs. Denn es gibt noch eine andere Wahrheit: Wirtschaftlich ist das Land auf der Überholspur. Es ist dabei, Deutschland als Europas führender Volkswirtschaft den Rang abzulaufen.

Die Prognosen sind eindeutig: Um gut 1,3 Prozent dürfte Frankreichs Wirtschaft 2019 gewachsen sein. Das liegt unter den Werten der Vorjahre, dem weltweiten Konjunktureinbruch kann sich das Land nicht entziehen. Deutschland allerdings schafft mit erwarteten 0,6 Prozent gerade mal knapp die Hälfte. Für dieses Jahr sieht es nicht anders aus. 1,2 Prozent Wachstum erwartet die OECD für Frankreich. Deutschland trauen die Ökonomen lediglich 0,4 Prozent zu. Ein Wert, bei dem das Risiko mitschwingt, in die Rezession abzurutschen.

Quelle: Infografik WELT

Die „goldene Dekade“, die Deutschland den größten Jobboom seit Jahrzehnten beschert hatte, ist zu Ende. Den Spitzenplatz nimmt nun ausgerechnet Frankreich ein: eine Nation, die noch vor wenigen Jahren zu den Sorgenkindern der Euro-Zone zählte, reformunfähig und wie gelähmt angesichts gewaltiger Staatsschulden und hoher Arbeitslosigkeit.

Lagarde statt Weidmann

Die Wende verdankt Frankreich im Wesentlichen seinem seit zweieinhalb Jahren amtierenden Präsidenten. Macron schob nach seiner Wahl im Mai 2017 sofort und trotz Widerstands der Gelbwesten die versprochenen Reformen an. Gleichzeitig etablierte er sich als gewiefter Strippenzieher, der sogar die französische Ex-Ministerin Christine Lagarde statt des eigentlich vorgesehenen Bundesbank-Chefs Jens Weidmann in den Präsidentenjob bei der Europäischen Zentralbank (EZB) brachte.

„Ich bin wirklich stolz darauf, wie sich Frankreich entwickelt hat“, bekennt Ludovic Subran. Der Franzose ist Chefökonom des Versicherungskonzerns Allianz. Er nennt drei Gründe, warum Frankreich plötzlich vorn liegt: Da ist zum einen das rund 17 Milliarden Euro schwere Konjunkturpaket, das im Wesentlichen Steuererleichterungen für Rentner und Arbeitnehmer enthält, und das Macron im vergangenen Jahr auf den Weg gebracht hat, um die Bürger wieder von der Straße zu holen. „Ein solcher Stimulus bei extrem niedriger Inflation wirkt sich förderlich auf den privaten Konsum aus“, sagt Subran.

Da ist, zum Zweiten, die geringere Exportabhängigkeit der französischen Wirtschaft. Die Außenhandelsquote, also die Summe der Exporte und Importe in Relation zur Wirtschaftsleistung, beträgt in Deutschland etwa 87 Prozent. Das Land ist unter den sieben wichtigsten Industrienationen die offenste Volkswirtschaft – und besonders anfällig, wenn es im Welthandel hakt. In Frankreich beträgt diese Quote rund 62 Prozent, entsprechend geringer sind die wirtschaftlichen Auswirkungen des Brexits und des Handelskonflikts zwischen den USA und China.

Der dritte Grund ist Subran jedoch besonders wichtig: „Das Land hat wichtige ökonomische Entscheidungen getroffen“, lobt der Ökonom. „Das zahlt sich jetzt aus.“

Holger Schmieding blickt ähnlich optimistisch auf Frankreich. Der Chefökonom der Berenberg Bank rief bereits 2016, als sich der Wahlsieg Macrons abzeichnete, eine bevorstehende „goldene Dekade“ für Frankreich aus.

„In Deutschland haben wir lange geglaubt, dass Frankreich nicht reformierbar ist. Und jetzt können wir nur staunen darüber, dass unser Nachbar dank seiner weniger zyklisch aufgestellten Industrie nicht nur konjunkturell besser aussieht, sondern dank entschiedener Arbeitsmarktreformen auch strukturell besser dasteht“, sagt er. Dazu kommen andere Reformen, etwa im Bildungssystem und bei der Rente. Und Deutschland? „Da war es nicht ganz so viel.“

Dass Macrons Strategie Früchte trägt, zeigt sich auch im Standortvergleich. 2018 sanken die Investitionsprojekte ausländischer Unternehmen in Deutschland laut einer EY-Studie auf 973, der erste Rückgang seit 2005 – und ein Rückfall hinter Frankreich, das 1027 Neuprojekte verbuchen konnte.

Auch bei Start-ups, die für die Innovationskraft und den Gründergeist einer Volkswirtschaft stehen, hat Frankreich Deutschland längst überholt. Im ersten Halbjahr 2019 sammelten französische Neugründungen rund 2,8 Milliarden Euro von Investoren ein, ein Plus von über 40 Prozent. Deutschlands Start-ups lagen mit 2,4 Milliarden Euro deutlich dahinter.

„Frankreich befindet sich dank Macrons Reformpolitik in Aufbruchstimmung. Deutschland hingegen wirkt zunehmend wie eine gestrandete Volkswirtschaft. Das Ende der Diesel-Ära verlangt dringend danach, dass die Auto-Nation sich neu positioniert und in die eigene Zukunft investiert. Aber aus der Politik kommt dazu nicht viel – und wenn, dann sind es Vorschläge aus der Opposition“, konstatiert Subran. „Das lässt die Unternehmen zögern, Geld in die Hand zu nehmen, obwohl genug Mittel da wären.“

Das Land sei in akuter Gefahr, sich zu lange dem süßen Gift des Nichtstuns hinzugeben, warnt er: „Deutschland setzt nicht genug Reformen um, obwohl es den Spielraum dafür hätte. Aber weil es allen so gut geht, fehlt der Druck, etwas zu tun. In der nächsten Krise ist es zu spät.“

Deutschland fällt zurück

Doch auch Frankreich ist noch nicht da, wo es sein sollte. Die strukturelle Arbeitslosigkeit bleibt erheblich, die Staatsverschuldung ist mit knapp 100 Prozent des BIP viel zu hoch. Doch für die Ökonomen stimmt die Richtung. „Die neue relative Stärke Frankreichs ist keineswegs schuldenfinanziert, auch wenn das viele meinen“, sagt Schmieding. „Wir haben es dank Agenda 2010 auch erlebt, dass, wenn die Beschäftigungsquote steigt, man auch den Haushalt in den Griff bekommt, weil die Zahl der Beitragszahler wächst.“ Frankreich sei auf bestem Weg, die Neuverschuldung 2020 wieder unter die Maastricht-Grenze von drei Prozent zu senken.

Deutschland hingegen gehe es einfach zu gut. Zwar rechnet Schmieding nicht damit, dass der goldenen Dekade ein „verlorenes Jahrzehnt“ folgen wird. Dennoch ist seine Prognose eindeutig: „Deutschland fällt gerade von einer Spitzenposition ins obere Mittelfeld zurück – und Frankreich wird sich vom Mittelfeld an die Spitze vorschieben.“

Im Grunde habe sein Heimatland keine andere Wahl, sagt Subran. „Macron drückt aufs Gaspedal, um so viele Reformen wie möglich vor den nächsten Wahlen durchzusetzen. Die Wirtschaft unterstützt ihn dabei. Denn allen ist klar: Wenn er scheitert, könnte bei der nächsten Präsidentschaftswahl der Front National den Sieg davontragen.“ Das Land und sein Präsident – sie sind zum Erfolg verdammt.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

Quelle: WELT AM SONNTAG

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