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Fake-Farsi mit Larsi: Eidinger brilliert in "Persischstunden"

1942. Gilles, ein junger Belgier, wird zusammen mit anderen Juden von der SS verhaftet und in ein Lager nach Deutschland gebracht. Er entgeht der Exekution, indem er schwört, kein Jude, sondern Perser zu sein -eine Lüge, die ihn zunächst rettet. Doch dann wird es schwierig für Gilles: Er soll Farsi unterrichten, denn Offizier Koch (Lars Eidinger), Leiter der Lagerküche, träumt davon, nach Kriegsende ein Restaurant im Iran zu eröffnen. Wort für Wort muss Gilles eine Sprache erfinden, die er nicht beherrscht. Die Beziehung der beiden Männer bewegt sich bald zwischen Gehorsam und Hass, Anerkennung, Eifersucht und Misstrauen - sie ist wie ein Tanz, bei dem jeder Schritt in den Abgrund führen kann. "Die Erinnerung ist eine der wichtigsten Themen im Film. Wie menschliche Erfindungsgabe und menschlicher Geist beim Überleben helfen, das ist wirklich unglaublich", so Regisseur Vadim Perelman. Die literarische Vorlage - auf Basis wahrer Begebenheiten - lieferte die Erzählung "Erfindung einer Sprache" von Wolfgang Kohlhaase. "Persischstunden" feierte bei der 70. Berlinale Weltpremiere.

ntv.de: Trotz allem, was gerade so los ist oder auch nicht los ist - Herr Eidinger, Sie sind und bleiben präsent für die Zuschauer.

Lars Eidinger: Ich freu mich wenn die Leute ins Kino gehen und ehrlich gesagt auch darüber, wenn sie den Mut haben, sich dem, mit anderen zusammen, auszusetzen. Aber ich selbst bin ein bisschen gedämpft momentan. Ich bin zwar sehr glücklich mit meinen aktuellen Filmen, "Schwesterlein" und "Persischstunden", aber ich merke schon auch, dass alles anders ist als sonst.

Was fehlt Ihnen in der jetzigen Situation?

Kino-Premieren zum Beispiel, die sind etwas völlig anderes in der momentanen Zeit. Es können nicht viele Leute kommen. Und ich bemerke auch noch etwas an mir: Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich so ein körperlicher Typ bin, ich muss nicht ständig andere Leute umarmen, aber jetzt fehlt es mir. Wenn ich meine Kollegen oder Regisseure wiedersehe und nicht einmal in den Arm nehmen kann, das ist schon bedrückend!

Was macht das mit einem?

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Und wenn wir das Virus doch in den Griff bekämen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Das ist wie bei Kindern, die nie gestreichelt werden: Im Moment vermissen sie es nicht, weil sie es nicht anders kennen, aber langfristig macht es etwas mit ihnen. Diese Zeit wird uns prägen. Medizinerfreunde von mir haben gesagt, dass wir uns vielleicht daran gewöhnen müssen, uns zu schützen, bei jedem Theaterbesuch, im Supermarkt, in öffentlichen Einrichtungen. Ich kann mir vorstellen, dass es ähnlich ist, wie damals, als Aids aufkam. Da hieß es wahrscheinlich auch, man sollte sich jetzt erstmal schützen, irgendwann würde es sicher einen Impfstoff geben. Aber bis heute kann man nichts gegen die Infektion tun. Man kann zwar mit der Krankheit umgehen, aber man kann die Leute nicht davor schützen, sich zu infizieren. Man kriegt dieses Virus nicht wirklich in den Griff.

Was halten Sie für das Schlimmste an der Situation?

Diese Viren greifen einen da an, wo man verletzlich ist. Im Fall von HIV bei der Sexualität. Das ist der Moment, wo der Mensch zum Menschen wird, allein deswegen, weil er sich ja fortpflanzt. Und wenn das Virus eben dort angreift, dann greift es den Menschen in seiner Existenz an. Und bei Covid-19 ist es das Atmen, die Lunge. Atmen ist die Lebensgrundlage für Menschen.

Kommen wir zum Film - Liebe auf den ersten Blick?

(lacht) Das Drehbuch zu "Persischstunden" habe ich bekommen, ohne zu wissen, wer den Film inszenieren wird, oder wer noch mitspielt. Und war beim Lesen schon völlig überzeugt davon, die Rolle spielen zu wollen. Man sucht ja förmlich danach, eine Geschichte zu haben, in der man dem Thema Nationalsozialismus so, auf diese Art und Weise, begegnen kann. Es ist ein unglaublicher Kunstgriff, wenn jemand sich eine Sprache ausdenkt. Dass Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, nämlich ein SS-Offizier und ein jüdischer Häftling, der dem Tode geweiht ist, dass die sich über eine Sprache begegnen, und darüber eine Intimität zwischen ihnen entsteht - das war für mich eine adäquate Möglichkeit, sich dem Thema zu stellen. Ich bekomme oft Drehbücher, die im Zweiten Weltkrieg spielen oder sich mit dem Holocaust auseinandersetzen, bei denen ich befürchte, dass schon der Versuch der Darstellung eine Anmaßung ist. Denn man läuft immer Gefahr, Geschichte zu banalisieren, zu verharmlosen oder sogar zu verfälschen.

Wie meinen Sie das genau?

Ein Film verführt den Zuschauer ja immer zu glauben, das Dargestellte entspräche der Realität. Wenn man sich "Der Untergang" anschaut, dann glaubt man zu wissen, wie es im Führerbunker zugegangen ist. Ich schaffe es als Zuschauer nicht oder nur sehr schwer, das zu abstrahieren und zu sagen, das ist nur Fiktion.

Warum kriegt "Persischstunden" so genial die Kurve?

Unser Film jetzt funktioniert wie eine Fabel: Er greift einen Teil der Thematik auf, es ist wie ein Kammerspiel. Und es hilft sicher, dass unser Regisseur Vadim Perelman kein Deutscher ist, dass er ein Jude ist, dass er in Russland geboren ist, in Kanada lebt, dass er einen gewissen Abstand zu der Geschichte hat. Was meine Figur angeht: Die lädt ja dazu ein, auf Distanz gehalten zu werden. Aber auch, auf Klischees, was Nazi-Offiziere angeht, reinzufallen. Das klingt paradox, aber Vadim hat eine große Liebe zu der Figur entwickelt. Es ist sehr wichtig, dass man sich mit dieser Figur identifizieren kann. Auch wenn das schwer fällt und man vor dem eigenen Spiegelbild förmlich zurückschreckt.

Ihre Figur schafft es, trotz allem Sympathie für sich zu erzeugen - manchmal ...

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Klaus Koch hat eine Vision, ist aber auch sehr ängstlich.

Es klingt vielleicht etwas küchenpsychologisch, aber: Schauspielern wird ja oft eine Art von Arroganz unterstellt. Das Gegenteil ist der Fall. Schauspieler sind eher unsichere, komplexbeladene Menschen, und ich würde sagen, "Klaus Koch" ist ein sehr ängstlicher Mensch. Er kompensiert das über Dominanzgebaren und Aggressivität. Diese beiden Seiten zeigen, dass es sich letztendlich um einen sehr ambivalenten Charakter handelt. Ich fand es reizvoll zu ergründen, woher diese Ambivalenz rührt.

Wieviel "Geschichte" haben Sie in Ihrer DNA?

Als Deutscher arbeitet man sich an dem Trauma des 2. Weltkriegs bis heute ab. Das ist unsere jüngste Geschichte - mein Vater wurde im Krieg geboren, mein Großvater hat im Krieg gekämpft, natürlich bin ich davon beeinflusst. Ich bin von diesen Menschen erzogen und sozialisiert worden. Sie haben meinen Charakter geprägt. Das fließt in meine Interpretation der Rolle natürlich mit ein.

Auch ihr Filmpartner ist faszinierend ...

Einen Film über Sprache zu machen war vor dem Hintergrund interessant, dass Nahuel Pérez Biscayart ja ein argentinischer Schauspieler ist, den ich übrigens zum ersten Mal in einer französischen Produktion gesehen hatte. Ich dachte, er sei ein Franzose, so gut sprach er für meine Ohren Französisch. Jetzt hat er Deutsch gelernt, und hat auch mit mir das Fake-Farsi, das ja in sich durchaus eine Logik hat, einstudiert.

Was bedeutet Ihnen als Schauspieler Sprache?

Mir hat mal Herbert Grönemeyer erzählt, wie er komponiert. Und zwar macht er das auf so eine Art "Fantasie-Englisch" - die Vorstellung finde ich total liebenswert. Die Vorstellung, dass da ein Erwachsener im Studio steht und auf Fantasie-Englisch singt, so, wie wir das als Kinder gemacht haben, als wir noch kein Englisch konnten, aber trotzdem mitsingen wollten, die rührt mich. Ich hoffe, er veröffentlicht mal so eine Platte. Ich war auch schon immer ein wahnsinniger A-ha-Fan, aber erst vor kurzem ist mir so richtig bewusst geworden, dass ich die Texte immer nur lautmalerisch mitgesungen habe.

Und Sprache außerhalb der Musik?

Sprache ist oft verräterisch. Ich finde durchaus, dass man sich von manchen Wörtern und Begriffen verabschieden sollte. Manchmal interessiert mich die nonverbale Ebene viel mehr, wie eben in der Musik. Oder in der Malerei oder Fotografie - da kommt man ja teilweise auch ohne Worte aus. Worte werden schon oft überschätzt - und unser Fake-Farsi empfinde ich als Sprache, die mehr Emotionalität transportiert. Es ist daher hochinteressant, dass diese beiden Männer, die unterschiedlicher nicht sein können, sich auf dieser Ebene begegnen.

Apropos andere Ebene - Sie sind ganz schön aktiv auf Instagram ...

Instagram ist aufgrund seiner Reichweite für Kunstschaffende natürlich attraktiv. Meine Stories sehen am Tag 20.000 Leute. Das ist eine beeindruckende Zahl, finde ich. Stellen Sie sich vor man könnte im Vergleich täglich 20.000 Menschen durch eine Galerie schleusen ...

Lernen wir Menschen eigentlich jemals?

Was mich frustriert ist, dass sich die Geschichte immer wiederholt: Wenn wir uns angucken, wen wir wählen, wen wir zu unseren Mächtigsten machen, dann wird klar, dass wir aus der Geschichte nichts gelernt haben.

Mit Lars Eidinger sprach Sabine Oelmann

"Persischstunden" startet am 24. September im Kino

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