Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Formel 1 in Saudi-Arabien: Ein Rätsel sorgt für Alarm bei Red Bull

Wie war das noch vor dem viertletzten Formel-1-Rennen der Saison? Max Verstappen lag mit 19 Punkten in Führung. Und dann musste Lewis Hamilton, sein Rivale um den WM-Titel, vor dem Grand Prix in Brasilien den Motor wechseln lassen und eine Startplatzstrafe hinnehmen. Als schließlich der Heckflügel des Mercedes bei der Überprüfung aus der Norm fiel und Hamilton letztlich nur vom zehnten Startplatz losfahren durfte, bot sich dem Niederländer ein Matchball an.

Vergeben. Zweiter im Red Bull nur gegen jede Wette hinter Hamilton in São Paulo, Zweiter vor zwei Wochen in Qatar, wieder hinter dem siebenmaligen Weltmeister. Verstappens Vorsprung ist auf acht Punkte geschrumpft. Und weil die Formel 1 an diesem Sonntag (18.30 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1 und bei Sky) erstmals in Saudi-Arabien kreist, herrscht Alarmstimmung im Team des Spitzenreiters: Der nagelneue Dschidda-Straßenkurs gilt wegen seiner vielen Vollgaspassagen als Silberpfeil-Piste.

Red Bull wirkt seit Wochen wie gelähmt. Die Ingenieure rätseln seit Beginn der zweiten Saisonhälfte. Warum sind die Mercedes so schnell auf den Geraden? Es gab allerlei Theorien, von denen bis jetzt keine sehr schlüssig erschien. Weder der geheimnisvolle Power-Zuwachs durch Abkühlen der Ladeluft noch das absenkbare Heck, noch ein angeblich biegsamer Heckflügel lieferten Belege für die gewaltige Beschleunigung Hamiltons.

Einen Teil schrieb Red Bulls Sportchef Helmut Marko der neuen Antriebseinheit zu, die Hamiltons Boliden einen gewaltigen Schub verlieh: „So einen Motor haben wir von Mercedes noch nie gesehen. Da ist ihnen ein Meisterwerk gelungen, so eine Rakete herbeizuzaubern.“ Doch Hamilton gewinnt auch ohne das Wunder-Triebwerk. Es wurde in Qatar geschont.

Die Überlegenheit von Mercedes im Emirat hatte einen ganz anderen Grund. Selbst Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin wunderte sich: „In den Rennen davor waren wir in den Kurven mit Red Bull ebenbürtig und haben von unserem Topspeed profitiert. In Qatar war es umgekehrt. Wir waren gleich schnell auf den Geraden und haben unsere gesamte Zeit in den Kurven gewonnen.“ Red Bull begründete den Widerspruch damit, dass Mercedes vermutlich seine biegsamen Heckflügel eingepackt hatte, nachdem sich herumgesprochen hatte, das strengere Testmethoden angewendet werden. Mercedes bestreitet das: „Die Flügel waren von Freitag bis Sonntag die gleichen.“

„Blackouts“ bei Red Bull

Das Weltmeister-Team glaubt inzwischen nicht mehr daran, dass es ein Muster gibt, welcher Typ Rennstrecke dem eigenen Rennwagen oder dem von Red Bull entgegenkommt: „Unsere Autos sind ziemlich gleichwertig. Alles hängt davon ab, wie gut es uns oder Red Bull gelingt, das Auto abzustimmen. Das kann Ausschläge von bis zu drei Zehntelsekunden pro Runde geben.“

Red Bulls jüngster „Blackout“ kann auch daran liegen, dass die Ingenieure zu sehr darauf fixiert waren, was in der Garage nebenan passiert. Dabei stolpern Fahrer und Team über die eigenen Füße. In Qatar machte zum vierten Mal an den vergangenen vier Rennwochenenden ein bestimmter Heckflügel-Typ Probleme. Sobald in den vorgegebenen Überhol-Zonen ein Teil bewegt werden darf, um den Windwiderstand zu reduzieren, beginnt das obere Element zu flattern.

Das ist zwar ein Nachteil, aber dennoch illegal. Drei Mal wurde in letzter Minute repariert. In Qatar wechselte Red Bull aus Sorge vor einem Protest auf einen Monaco-Flügel, der für die Strecke nicht geeignet war und das Auto aus der Balance brachte. Verstappen übersah zudem eine doppelt geschwenkte Gelbe Flagge, was ihn in der Startaufstellung um fünf Plätze zurückwarf. Mehr als Rang zwei war nicht drin.

Mercedes geht seit der Niederlage in Mexiko mit einer „Wir haben nichts mehr zu verlieren“-Einstellung an das Unternehmen WM-Titel heran. Und machte dabei bislang alles richtig. So kurz vor Toresschluss hat sich der Titelkampf deshalb zu einer Kopfsache entwickelt. Red Bulls Teamchef Christian Horner weint immer noch den zwei Rennen in England und Ungarn nach. „Da haben wir durch unverschuldete Unfälle 40 Punkte verloren. Und Mercedes hat 25 Punkte geschenkt bekommen.“

Der Druck ist enorm, die Sehnsucht von Red Bull, Honda und Verstappen, Weltmeister zu werden, mit Händen zu greifen. Das Team siegte zuletzt 2013, mit Sebastian Vettel am Steuer. Hondas Triumph liegt 30 Jahre zurück. Verstappen ist zwar noch jung mit 24 Jahren, aber schon lange wird er als erster Kandidat gesehen. Er will nicht als schnellster Fahrer seiner Zeit ohne Titel in die Geschichte eingehen. Die Herausforderer haben für diesen so wichtigen Erfolg alles in die Waagschale geworfen, was gut und teuer war.

Red Bull entwickelte das aktuelle Auto länger als jedes andere Team und nimmt damit in Kauf, vielleicht mit einem kleinen Handicap in die kommende Saison zu starten. Honda hat in einem Dreivierteljahr einen völlig neuen Motor gebaut. Verstappen hat sich zu einem kompletten Rennfahrer entwickelt. Nur im Zweikampf bleibt er ein Hitzkopf.

In einem Punkt sind sich die Teamchefs Toto Wolff und Horner trotz aller Differenzen einig: „Wer auch immer Weltmeister wird, hat es verdient.“ Verstappen ließ am Donnerstag nicht erkennen, dass ihn inzwischen Zweifel plagen, im Gegenteil. Vor dem vorletzten Grand Prix wähnt er einen kleinen psychologischen Vorteil auf seiner Seite. In Saudi-Arabien kann nur er Weltmeister werden.