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Germany

Handball-EM: Die komplizierte Lage des deutschen Teams

Am Tag danach schien sogar für ein paar Stunden die Sonne über Trondheim. Die Stadt am Fluss mit ihren 200.000 Einwohnern gilt als das Tor nach Nordnorwegen. Doch selbst hier oben werden die Tage gerade länger. Besonders winterlich ist es nicht, und die Hoffnung einiger deutscher Spieler, Nordlichter zu sehen, konnte sich bei bewölktem Himmel bislang nicht erfüllen. In der engen Abfolge von Training und Spiel ist bei einer Europameisterschaft ohnehin wenig Zeit für ein touristisches Rahmenprogramm. Die Taktung allerdings empfanden die Deutschen an diesem Sonntag als Vorteil: Schon an diesem Montag (18.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Handball-EM und im ZDF) gegen Lettland können sie vieles besser machen als am Samstagabend beim . Für großes Nachdenken und Analyse bleibt kaum Zeit.

Nachts hatte sich Bundestrainer Christian Prokop das Spiel wieder angeschaut. Spaß hatte das sicher nicht gemacht: „Wir gehen nicht in die Zweikämpfe, wir werfen Bälle weg.“ Ein Einstellungsproblem? Am Sonntagnachmittag im Mannschaftshotel ließ Prokop keine Zweifel am Willen seines Teams: „Wir haben eine tolle Teamstimmung. Es hatte gegen Spanien nichts mit zu wenig Motivation oder Einsatz zu tun. Es war einfach so, dass es für uns gegen ein erfahrenes Spitzenteam in der Qualität Spaniens derzeit nicht reicht. Aber trotz der Defizite hatten wir in einer Phase die Möglichkeit, das Spiel anders zu gestalten.“ Aus einem 2:8 machten die Deutschen ein 9:10 – auf dem Weg zum Ausgleich ließ sich dann Paul Drux den Ball klauen. Eine Schlüsselszene.

Keine großen Worte mehr über die Vergangenheit, verordnete Prokop: „Die ganze Energie muss jetzt in das Spiel gegen Lettland fließen.“ Bei allem Respekt vor den Gegnern bei dieser auf 24 Teilnehmer vergrößerten EM muss man festhalten, dass weder die Niederlande noch Lettland Stolpersteine für die Deutschen sein dürften. Die Balten haben den 215 Zentimeter langen Linkshänder Dainis Kristopans als Torschützen und Zielspieler. Die Mannschaft an sich erreicht mittleres Zweitliga-Niveau.

Auch das vieldiskutierte Thema „Torhüter“ streifte der Bundestrainer noch einmal. Am Donnerstag beim EM-Auftakt gegen Holland hatte Andreas Wolff seine Mannschaft auf die Gleise gesetzt. Der deutsche Zug rollte los, die erste DHB-Auswahl gewann mit elf Toren Vorsprung. Am Samstag konnten weder Wolff noch Johannes Bitter helfen. Als Wolff in der Halbzeit nicht in die Kabine ging, sondern unruhig allein über das Spielfeld stapfte, ahnte man, dass er sich sammeln wollte, bereit, alles in die zweite Halbzeit zu legen. In der ersten hatte ihn Prokop nach zwölf Minuten ausgetauscht. Es ist die Fähigkeit großer Keeper, innerhalb eines Spiels zurückzukommen. Wolff ist das auch schon gelungen. Gegen Spanien fasste er weiterhin nichts an.

Es sei sein Bauchgefühl gewesen, Wolff wieder ins Tor zu stellen, obwohl Bitter es in der ersten Halbzeit etwas besser gemacht hatte als der Stammtorhüter, sagte Prokop. Das Gefühl trog. Bald versuchte wieder Bitter, spanische Würfe zu parieren. Auch er schaffte es selten. Sechs Prozent Quote abgewehrter Bälle, in Zahlen: eine Parade, das war Wolffs Leistungsbilanz. Der 28 Jahre alte Profi setzt sich selbst enorm unter Druck, und es ist klar, wie sehr es ihn wurmt, kein Faktor gewesen zu sein. Der neun Jahre ältere Bitter war es auch nicht, und so lahmte das bitter benötigte Tempospiel der Deutschen. „Die beiden werden gegen Lettland ein anderes Bild abgeben“, versprach Prokop.

Starke Torhüter plus Weltklasse-Abwehr gleich Entlastung für den Positionsangriff, das ist Prokops Gleichung für das Turnier. Gegenstoßtore, um möglichst wenig über den ungewohnten Rückraum lösen zu müssen. Bei der Fülle an Ausfällen in der Spielsteuerung bleibt Prokop gar nichts anderes übrig, als auf Konter zu setzen. Allerdings sind die Gegner ja nicht dumm. Schon die Niederlande versetzten Deutschland mit einer offensiven Abwehr in Stress. Spanien drängte Spielmacher Weber bis zur Mittellinie zurück. Zunehmend zittrig wurden die Deutschen.

„Ich habe die führende Hand samt Begleitpersonen vermisst“, sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning, und da setzte auch Prokop am Sonntag an: „Wir brauchen Führung im Rückraum, wir brauchen Spieler, die Zweikämpfe gewinnen.“ Einige Spieler wie Fabian Böhm hatten nach dem Abpfiff hervorgehoben, dass Prokops Plan für das Spiel hervorragend gewesen sei, sie bei der Umsetzung aber versagt hätten. Vielleicht wollten es Prokops Männer zu sehr, verkrampften dabei. Leichtigkeit suchte man jedenfalls vergebens. Andere wurden in der Kritik deutlicher: „Ich habe bei uns die Galligkeit vermisst“, sagte Hendrik Pekeler. Der Kieler war am Samstag der Einzige in dem Ereignis angemessener Form.

Während die Spanier unverhohlen triumphierten, dass sie den Deutschen an Erfahrung und Cleverness meilenweit überlegen den Zahn gezogen hatten, fragten sich die DHB-Profis, ob das ein Ausrutscher gewesen war oder die Gründe tiefer liegen. „Eine Niederlage gegen einen sehr starken Gegner in der Vorrunde ist kein Beinbruch“, sagte Kapitän Uwe Gensheimer. „Aber wir brauchen mehr Emotionalität.“

Wie auch immer, jetzt ist der scheinbar leichte deutsche Turnierweg entscheidend verkompliziert. Sollte die Hauptrunde in Wien durch einen Sieg über die Letten erreicht werden, müsste Prokops Sieben dort die wahrscheinlichen Gegner Kroatien, Weißrussland, Österreich und Nordmazedonien schlagen, um ins Halbfinale nach Stockholm zu gelangen. Zusätzlich aber dürfte Kroatien nicht gegen Spanien gewinnen. Deutschland hat es also nicht mehr in der eigenen Hand.

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