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Harlekin der Bundesrepublik

Das ist so ein Satz, der hängen bleibt: „Widerspruchsfreie Weltbilder brauche ich nicht.“ Und er hat es wahrlich in sich: Einerseits erfreut er durch seine forsche Zurückweisung von jeglichem ideologischem Dogmatismus und bekennt sich sozusagen habituell zur Fehlbarkeit menschlicher Erkenntnis. Andererseits räumt er seinem Sprecher jede Lizenz ein, auf kohärente Argumentation generös verzichten zu können. Der Gegner wird solchermaßen leicht zum Hasen zwischen den beiden Igeln. Mit so einem ist schwer umgehen – und noch schwerer ein dauerhaftes Bündnis zu schließen.

Hans Magnus Enzensberger, der an diesem Montag 90 Jahre alt wird, gehört zu diesen habituell unsicheren Kantonisten, auf die der berühmte Brecht-Satz anwendbar ist: „In mir habt ihr einen, auf den ihr nicht bauen könnt.“ Und von den berühmten Genossen seines Geburtsjahres 1929 hat er den weitesten Weg zurückgelegt: Etablierte sich Ralf Dahrendorf schon früh als führender Liberaler, blieb Jürgen Habermas stets dem Projekt einer der Moderne verpflichteten Aufklärung treu, so entwickelte sich Enzensberger vom der Studentenrevolte nahen Scharfrichter bundesdeutscher Nachkriegsbefindlichkeiten (von Habermas stammt seine wunderbare Charakterisierung als „Harlekin am Hof der Scheinrevolutionäre“) zum ebenso harten Kritiker linker Realitätsverfehlung und totalitärer Entgleisung. Und gegen die westdeutsche Untergangslarmoyanz der 80er Jahre setzte er einen heiteren Entwarnungston.

Enzensberger im Jahr 2017

Enzensberger im Jahr 2017

Als er schließlich – anlässlich des ersten Golfkrieges – Saddam Hussein mit Hitler verglich, sahen ihn manche auf dem Weg ins CSU-Lager. Weit gefehlt – Enzensberger ist kein Lager-Mann, sondern ein Provokateur mit starker Neigung zu fröhlichem Anarchismus. Sogar dem von der großen Nase beherrschten Gesicht hat sich das irgendwie eingeschrieben: Ironische Verschmitztheit krönt sich dort mit einer nicht geringen Portion intellektueller Arroganz. Tatsächlich: Das Clowneske, die spielerische Heiterkeit, das ästhetizistische Weltverhältnis, das sich in die Devise „Ja nicht zu ernst nehmen!“ fassen lässt – es ist Enzensberger, in dem sich polyglotte Weltbürgerlichkeit, weitläufige Gelehrtheit und oberbayerische Bonhomie vereinen, in hohem Maße eigen.

Hier gilt es auch noch einmal mit einem Mythos aufzuräumen, der ihm bis heute hartnäckig anklebt, tatsächlich aber fortgezeugte Fehlrezeption ist: Enzensberger hat auch in seiner heißesten Phase nie den „Tod der Literatur“ ausgerufen, an deren Stelle die Revolution zu treten habe. Im legendären und in diesem Kontext immer wieder zitierten „Kursbuch 15“ findet sich keine Stelle, auf die man sich einschlägig berufen könnte.

Der Autor mokiert sich dort – in den „Gemeinplätzen, die Neueste Literatur betreffend“ – gewohnt ironisch-übertreibend eben über jene Literaten , die das Ende der Literatur feiern. Das Totenglöcklein läutet Enzensberger allenfalls der „bürgerlichen“ Literatur; was fehle, sei eine neue „revolutionäre“ Literatur, die sich den Marktzwängen entziehe.

Wie auch immer: Gesinnungsfeste aller Richtungen hat Enzensberger stets aufs Neue genervt. Gegen den Mainstream zu sein – das war und ist freilich eine Konstante von „hme“, die sogar so unterschiedliche Helden wie den spanischen Anarchisten Buenaventura Durruti (über ihn schrieb er einen Doku-Roman) und den preußischen General und Hitler-Gegner Kurt von Hammerstein-Equord verbindet, dem er 2007 ein von tiefer Sympathie erfülltes Buch widmete.

Und durch die Jahrzehnte hält sich der unverwechselbare Enzensberger-Ton. Der Schreiber dieser Zeilen weiß noch, wie ihn zu Gymnasialzeiten – es wird um 1970 gewesen sein – Enzensbergers frühe Essays über die „Bewusstseinsindustrie“ wie Trompetenstöße aus dem Alltagstrott des Deutschunterrichts weckten. Damals schon war er der Mann der geschliffenen dialektischen Volte, des sicher das Angriffsziel treffenden Witzes.

Das verstärkte sich dann womöglich noch. Der Analphabet eine armselige Figur? Ach was, im „Lob des Analphabetismus“ beschreibt Enzensberger ihn als jemanden, der über Konzentrationsfähigkeit, Eigensinn und ein gutes Gedächtnis verfügen muss. Der Kleinbürger – ein verachtenswerter Sozialtyp? Wieso, er ist überaus schätzenswert ob seines unerschöpflichen kreativen Selbsthasses. So geht es dann weiter – wobei die Neigung, die Welt als Paradox zu beschreiben, auch zur Marotte werden kann. Enzensberger ist dieser Gefahr nicht immer entgangen.

Die Bücher der zurückliegenden Jahre – Der Jubilar ist bis zur Stunde äußerst produktiv – zeigen zuweilen auch ein (angesichts des Alters nicht weiter verwunderliches) Nachlassen der Lebendigkeit und Originalität, auch eine Erstarrung in liebgewordenen und immer wieder repetierten Denkfiguren. Das gilt weniger für die aufschlussreichen, wenn auch zuweilen arg selbstgefälligen autobiografischen Veröffentlichungen – „Tumult“ und „Eine Handvoll Anekdoten: auch Opus incertum“ –, wohl aber für „Überlebenskünstler“, einer Porträtsammlung mit 99 „literarischen Vignetten“, indem Lebensläufe des 20. Jahrhunderts nach Schema F abgefeiert werden.

Den größten Einfluss auf die Gegenwartsliteratur aber hat der mirakulös Vielseitige als Herausgeber der „Anderen Bibliothek“, vor allem aber als Lyriker ausgeübt. Seit dem ersten Gedichte-Band, der „Verteidigung der Wölfe“ von 1957, ist er auch hier zu finden, der unverwechselbare Ton, in dem so gegensätzliche Anreger wie Benn und Brecht einander produktiv kreuzen. Mitteilungscharakter des Gedichts – ja. Aber Überwältigung des Kunstcharakters durch eine doktrinäre „Aussage“ oder gar „Botschaft“ – nein.

Die Fähigkeit, Lyrik als politische zu schreiben, ohne dass man es ihr gleich ansieht, machte Enzensberger zu Recht berühmt – Poeme wie „An alle Fernsprechteilnehmer“ oder „Middle Class Blues“ wanderten schon früh in die Schulbücher. Mit ihnen nicht weniger als mit seinen weitstrahligen Essays ist er zum kompetenten Chronisten und Diagnostiker deutscher Befindlichkeiten vor und nach 1989 geworden.

PERSON UND WERK

Hans Magnus Enzensberger wurde am 11. November 1929 in Kaufbeuren/Allgäu geboren und verbrachte seine Kindheit in Nürnberg. Nach dem Abitur studierte er Literaturwissenschaften in Freiburg, Hamburg und Paris und promovierte 1958 mit einer Arbeit über Clemens Brentano. Seit Mitte der 1950er Jahre führt er ein beruflich-geografisches Wanderleben mit Tätigkeiten als Rundfunkredakteur, Dozent, Verlagslektor – und immer wieder als freier Autor. Er lebte in den USA, Mexiko, Norwegen und Italien, seit 1979 wohnt er in München. Seit über 50 Jahren ist das frühere Mitglied der „Gruppe 47“ als Lyriker, Theater- und Hörspielautor, Erzähler, Essayist und Übersetzer auf der intellektuellen Bühne präsent. Er war (Mit-)Herausgeber der Zeitschriften „Kursbuch“ und „TransAtlantic“ sowie der „Anderen Bibliothek“. Er wurde vielfach geehrt, 1985 mit dem Kölner Heinrich-Böll-Preis. (MaS)

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