Germany

Haus essen Deutsche auf

Worum geht’s? Um ein Haus. Schwarz, von Neonröhren fahl beleuchtet. Ragt wie eine Startbahn hoch ins finstere Nichts eines vernebelten Himmels. Eine Wohnmaschine. Eine feste Burg der verwesenden Träume.

Kleiner Hinweis schon jetzt an mich selbst: Man muss angesichts von „Hausen“ auf seine Fantasie aufpassen – wie sich nämlich das Haus in „Hausen“ selbständig macht, macht sich beim Nachdenken über den achtteiligen schwarzen Monolithen, den Till Kleinert (Headautor) und Thomas Stuber (Regisseur) da ziemlich einsam in die Serienlandschaft gestellt haben, auch die eigene Metaphernmaschine selbständig.

Jaschek und sein Sohn Juri wollen nach dem Feuertod der Mutter ausgerechnet in diesem trostlosen Turm und unter den verwahrlosten Wesen, die darin hausen, ein neues Leben anfangen. Jaschek soll das Haus in Schuss bringen. Das will das aber eigentlich nicht.

Man muss sich das Wesen, das dieser verfluchte Bau eigentlich ist, wie einen betongewordenen Dementor vorstellen. Dementoren waren jene finsteren Flatterwesen, die bei „Harry Potter“ den Menschen die Seele aus dem Leib saugten.

Stubers Plattenbau-Dementor, der alles hört, alles sieht und sich wie ein Pilz ausbreitet, schwarze Löcher in Wände frisst, saugt das Verdrängte, die Schuld, die Einsamkeit, die Wärme aus den Menschen, die dort teils seit Jahrzehnten existieren, sich der Diktatur des Hauses unter- und jeden Gedanken an Flucht verworfen haben.

Hausen

Charly Hübner ist Jaschek, der neue Hausmeister in "Hausen"

Quelle: Sky Deutschland AG und Sky Deutschland GmbH & Co. KG räumlich und zeitlich uneingeschränkte Exklusivnutzungsrechte.

Verwandelt es in Pech, einen dickflüssigen schwarzen Brei. Der fließt überall durch die Adern des Hauses. Aus ihm wird im Keller eine Droge gekocht und über die Abfallschluckanlage an die Bewohner vertickt.

Als die Müllklappe für den Säugling der verzweifelt vom Wegziehen träumenden einzigen Kleinfamilie zur vielleicht tödlichen Babyklappe wird und der namenlose Sohn in der Tiefe verschwindet, geht so etwas wie eine Handlung los. Jetzt den Plot zu erzählen, bringt nichts. Weil sich „Hausen“, der wahrscheinlich textärmste aller Fernsehachtteiler, dafür eigentlich gar nicht interessiert.

Wer ist denn dieser Thomas Stuber? Filmregisseur, Leipziger, 1981 geboren, ausgebildet an der Filmakademie in Baden-Württemberg, Studentenoscargewinner. Experte für Transiträume, für deutsche Dunkelkammern, Rückzugsorte, Reservate, in denen sich Gestrandete treffen, Vertriebene, Schiffbrüchige, die am Rand ihrer Gegenwart, ihrer Welt von Freiheit träumen, von Menschlichkeit und dem Überleben.

Häuser sind bei Stuber eigentlich nie bloße Gebäude. Sie sind Labore, sie leben.

Der „Klaußner“ zum Beispiel. Ein Restaurant auf Hiddensee. In dem trafen sich in Stubers Verfilmung von Lutz Seilers „Kruso“ die Aussteiger der DDR, angehende Republikflüchtlinge, Leute, die von einem anderen Sozialismus träumten und ihn im „Klaußner“ zu leben versuchten. Im letzten Sommer der DDR, als sie schon unterging, das aber nicht wissen wollte.

Oder der Supermarkt von „In den Gängen“, der auf der Berlinale gefeiert wurde. Im Nirgendwo des Postwende-Ostens, wo sich angehende Wendeverlierer trafen und Gabelstabler fuhren und sich verliebten und Abschied vom Leben nahmen.

Oder das Polizeimuseum auf dem dürren Land vor Offenbach im Tukur-„Tatort“, den Stuber mit seinem Lieblingsdrehbuchkumpel Clemens Meyer ausbaldowert hat. „Angriff auf Wache 08“ hieß das Ding, war eine wahnsinnige, mit Zombie-Filmzitaten gespickte Variation von John Carpenters „Assault on Precinct 13“.

Hansen

Tristan Göbel (M.) ist Juri, die Hoffnung für "Hausen"

Quelle: Sky Deutschland AG und Sky Deutschland GmbH & Co. KG räumlich und zeitlich uneingeschränkte Exklusivnutzungsrechte.

Tukur und Stubers bester Schauspielkumpel Peter Kurth wurden darin in die auch schon ziemlich wesenhafte, von vergessenen Gängen untergrabene ehemalige Wache gespült. Rechte und linke Zombies rückten an. Eine Sonnenfinsternis kam über Hessen und die deutsche Demokratie.

Stuber macht tatsächlich Rätselkammern aus den Häusern, aus den Räumen. Und in den Rätseln geht es immer auch um Deutschland im Allgemeinen und um die Postwendegeschichte der nun nicht mehr neuen Bundesländer. Um das Verdrängte, die Angst, die Schuld, darum, wie wir weiterleben wollen miteinander.

Wie deutsch ist das denn? „Hausen“? Na extrem. In den 17 Wohnungen, die für „Hausen“ in das ehemalige Stasi- und Regierungskrankenhaus von Berlin-Buch gebaut wurden, treffen sich die Siechen und das Siechtum dieser Republik.

Garstige Alte – ein Opa, der nicht loskommt von der Glotze aus der Harry Wijnvoords „Glücksrad“ in Endlos-Schleife läuft und der hässlich ist zu seiner Gattin, die sich die Lunge aus dem Leib hustet. Eine ultraordentliche Nazifamilie, die auf Etage 88 wohnt und auch stolz ist darauf. Eine Frau liegt ausgesaugt und seit längerem tot im Bett.

Loan, deren Vater den vietnamesischen Discounter leitet, der alle ernährt, und die sich für Nacktbilder verkauft in der Wohnung ihres Schach- und Musiklehrers, der ihr von der Schönheit der Bachschen Fugen erzählt, während sie ein Bachsches Präludium hört.

Zu den auf ihren schwarzen Rest zusammengebrannten Loriot-Figuren kommen Gespenster ein verschollenes Kind, eine Art mystischer Rübezahl, der alles in der Hand hält, durch Wände gehen kann und alle versucht. Ein jugendlicher Held, Mischung aus Parsifal und Siegfried, der sich dem Drachenauge stellt.

Wie die „Tatort“-Wache vollgestellt war mit Filmzitaten, hängt in „Hausen“ beinahe an jeder der fiesen Wände ein Märchenrest, irgendwas aus der deutschen Mythologie, Geschichte und Gegenwart. Wer will, er muss sich nicht anstrengen, kann dieses ohnehin schon als Deutschland-Parabel angelegte Seelensilo auch als geradezu visionäre Parabel auf die Corona-Republik lesen, in der wir gerade leben.

Wie soll man das sehen? Den Bildschirm auf die hellste Stufe stellen, wäre schon mal ein Anfang. Und dann sollte man ihn an einem schönen Morgen ans Fenster stellen, damit man hin und wieder ins Freie schauen kann. Für acht Stunden in Medienquarantäne gehen, wäre auch hilfreich. Man braucht nicht noch mehr schlechte Nachrichten aus der finsteren Welt, während man sich durch diesen genialen Abgrund träumt.

Außerdem ist „Hausen“ gar keine Serie. Sondern ein achtstündiger Monumentalfilm. Man sollte also alles vermeiden, was einen aus dem Mahlstrom reißen könnte. Und danach braucht man einen Spaziergang in den goldenen Herbstwäldern. Und eine Hand, die einen hält. Gegen Dementoren half ja eigentlich auch nur das Heraufbeschwören des Schönsten, was man je erlebt hat.

Muss man da durch? Aber unbedingt. Wenn man später mal auf „Hausen“ schaut, wird Stubers Achtteiler – mehr noch als „Babylon Berlin“, mehr als „Dark“ – der Urknall des wirklich deutschen Serienerzählens gewesen sein. Eines, das sich einen Dreck um amerikanische Vorbilder kümmert. Das auf seiner Eigenart, seiner Bilder- und Metaphern- und Geschichtentradition besteht. Und sie anwendet auf Dramen, die sind wie ein finsterer Spiegel unserer Gegenwart. So radikal es eben geht. Bei „Hausen“ ging das erstaunlich radikal.

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