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Helmut Böttiger schreibt ein Porträt der deutschen Literatur der Siebzigerjahre

Am Schluss seines Buches über die deutsche Literatur der Siebzigerjahre bedankt sich Helmut Böttiger bei den „Protagonisten und Kennern“ jener Zeit, mit denen er Gespräche geführt hat. Er nennt unter anderen Klaus Wagenbach, Wilhelm Genazino, Peter Handke und Günter Grass. Böttigers Beschreibung der Siebzigerjahre ist inspiriert von seiner persönlichen Nähe zu den Autoren und Mitgestaltern der Literatur in diesem Jahrzehnt. Das Buch ist episodenhaft in Kapitel gegliedert. Der Autor informiert den Leser über Christoph Meckels Verhältnis zu seinem Vater, über die Be­ziehung zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, die Freundschaft zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf, aber auch über Bücher wie Arno Schmidts „Zettel’s Traum“, Uwe Johnsons „Jahrestage“ oder Peter Weiss’ „Die Ästhetik des Widerstands“.

Böttigers Stärke ist das Autorenpor­trät, die Charakterisierung des Schriftstellers vor dem Hintergrund der Zeit­geschichte, die Differenz zwischen Erfahrung und Ausdruck. Er beschreibt, wie Uwe Johnson das „Puddingattentat“ der Kommune 1 literarisch in seinem Werk „Jahrestage“ verarbeitet. Böttiger zeigt den Unterschied zwischen dem Bild, das die Literatur von dem Autor vermittelt, und der realen Person. Er schildert eine Lesung von Jörg Fauser 1977 in Weikersheim. Fauser „wirkte wie ein x-beliebiger Sparkassenangestellter oder Versicherungsvertreter“, seine Zuhörer waren „diverse langhaarige Männer und Frauen in Batikkleidern“. Helmut Böttiger, 1956 geboren, be­schreibt eine Zeit, die er bewusst wahr­genommen, in der sich seine literarische Sozialisation vollzogen hat.

Eher ein Panorama

Wenn er sein Buch „Die Jahre der wahren Empfindung“ nennt, könnte man annehmen, dass im Zentrum seiner Arbeit eine ästhetische Kategorie steht, nämlich die „Neue Subjektivität“. Einerseits ist der Titel angelehnt an Hubert Fichtes Projekt einer „Geschichte der Empfindlichkeit“, andererseits macht Böttiger den Zusammenhang von privater und kollektiver Vergangenheit deutlich. Die Siebzigerjahre sind für ihn ein öffentliches Jahrzehnt, die „wahre Empfindung“ ist ein politisches Gefühl. Die Spaltung des Wagenbach Verlags und die damit verbundene Entstehung des Rotbuch Verlags haben für ihn große Bedeutung. Am Ende seines Buchs schreibt er: „Die siebziger Jahre begannen 1968, und sie endeten vermutlich im Jahr 1981. Zu diesem Zeitpunkt erschien ‚Paare, Passanten‘ von Botho Strauß.“ Böttiger sieht in den Siebzigerjahren eher die Kontinuitäten zum vorhergehenden Jahrzehnt. Wenn er also über Heiner Müller, Peter Weiss oder Fritz Rudolf Fries schreibt, geht es auch um Leben und Werk dieser Autoren vor den Siebzigerjahren.

Helmut Böttiger: „Die ­Jahre der wahren ­Empfindung“. Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur. Wallstein Verlag, ­Göttingen 2021. 437 S., 37 Abb., geb., 32,– €.

Helmut Böttiger: „Die ­Jahre der wahren ­Empfindung“. Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur. Wallstein Verlag, ­Göttingen 2021. 437 S., 37 Abb., geb., 32,– €. : Bild: Wallstein

Der Untertitel des Buches lautet: „Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur“. Böttigers Zugriff auf das Thema ist intuitiv, die Ansammlung der Themen wirkt selbst wild. Vergessene Autoren wie Manfred Esser oder Jürgen Theobaldy stehen neben Thomas Bernhard oder Peter Handke, Buchhandlungen und Veranstaltungsorte werden erwähnt, die nur noch Zeitgenossen bekannt sein dürften. Das Buch ist keine Literaturgeschichte, eher ein Panorama, ein Katalog, eine lineare Lektüre ist nicht notwendig, man kann sich am Inhaltsverzeichnis orientieren, jene Kapitel lesen, die von Interesse sind. Der Band ist eine Ansammlung von Essays, von denen jeder einzelne lesenswert ist.

Die Summe der einzelnen Texte ermöglicht jedoch nur schwer einen Überblick über die deutsche Literatur der Siebzigerjahre. Häufig stellt sich bei den Fundstücken die Frage, ob sie repräsentativ sind für die Zeit. Wie Marcel Reich-Ranicki sich um Peter Rühmkorf bemüht, um ihn als Autor für die F.A.Z. zu gewinnen, wie Rühmkorf Forderungen stellt, sich verweigert, sich aber der Öffentlichkeit doch nicht entziehen kann, ist eine Episode, die man sich auch zu anderen Zeiten vorstellen kann. Das Verhältnis zwischen Thomas Bernhard und Siegfried Unseld wird von Helmut Böttiger anschaulich beschrieben, ist aber kein Phänomen, das den Charakter der ­Siebzigerjahre aufschlüsselt. Bei Peter Weiss kann man sich fragen, ob sein Buch „Abschied von den Eltern“ von 1961 durch die Thematisierung seiner privaten Problematik mehr in die Siebzigerjahre passt als „Die Ästhetik des Widerstands“.

Gesellschaftliche Stimmung

Nachzutragen wären Autoren, die für das subjektive Schreiben in dem von Helmut Böttiger gewählten Zeitraum von Bedeutung sind, zum Beispiel Paul Nizon mit seinem Buch „Das Jahr der Liebe“ von 1981, in dem er seinen Umzug nach Paris beschreibt. Hartmut Geerkens „Obduktionsprotokoll“ von 1975 stellt eine Mischung aus vorgefundenen Materialien und direkten Selbstaussagen dar, eine Kombination aus Autobiographie und Zitat, wobei die Zitate relevant sind für die Situation des schreibenden Subjekts. Jürgen Becker, Helmut Heißenbüttel, Friederike Mayröcker oder auch Ernst Jandl verlagern ihre literarische Tätigkeit von der methodischen Arbeit mit dem Material der Sprache hin zur direkten Artikulation von Erfahrungen und Emotionen.

Alexander Kluge veröffentlicht 1977 den Band „Neue Geschichten – Hefte 1–18“, in dem vermehrt Texte über seine Familie zu finden sind. Der Untertitel, „Unheimlichkeit der Zeit“, bezieht sich auf die gesellschaftliche Stimmung der Siebzigerjahre. Herbert Achternbusch hat mit „Die Alexanderschlacht“ von 1971 und „Die Stunde des Todes“ von 1975 Bücher geschrieben, in denen seine privaten Erfahrungen im Zentrum stehen. Ernst Jünger veröffentlicht die ersten beiden Bände seines Tagebuchprojekts „Siebzig verweht“ 1980 und 1981.

Auch Böttiger beschäftigt sich mit dem Thema der Innerlichkeit wie im Text über den Schweizer Fritz Zorn, der eigentlich Fritz Angst hieß und in seinem Buch „Mars“, das 1977 postum erschien, die eigene Krebserkrankung auf seinen familiären und kulturellen Hintergrund zu­rückführte. Handke ist ein langes Kapitel gewidmet; sein Buch „Wunschloses Un­glück“ über den Suizid seiner Mutter, so Böttiger, sei exemplarisch für die „Neue Subjektivität“.