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Idee „Bürgerrat“: Ein Korrektiv der Demokratie

Auch der schlaueste Experte konzentriert sich nur auf einen Teil der Problemlage. Warum eine per Zufall gewählte Bürgerversammlung die politischen Streitfragen besser bewerten kann.

Die Verhandlungen zwischen den Parteien über Kernfragen der künftigen Politik werfen die Frage auf, wie man politische Problem demokratisch lösen kann – aber zugleich so, dass die beste Lösung herauskommt. Oder jedenfalls eine Lösung, die für die meisten Bürger als die vernünftigste erkennbar ist. Beides gelingt in unserer Parteiendemokratie nicht optimal. Viele Menschen fühlen sich von Parteipolitikern ohne andere Berufserfahrung nicht wirklich repräsentiert. Da sie Grund zur Annahme haben, dass Politiker vor allem auf mächtige Gruppen in ihrer Partei Rücksicht nehmen, halten sie die Kompromisse auch nicht für die sachlich beste Lösung.

In Irland hat man auf dieses Problem 2016 mit der Einführung der Bürgerversammlung reagiert. Die 99 Mitglieder werden zufällig ausgewählt und diskutieren konfliktträchtige Kernthemen wie Abtreibung, die Finanzierung der Rente oder den Klimawandel. Dann empfehlen Sie der Regierung eine Lösung. Der irische Bürgerrat hat so eine grundlegende Änderung der Abtreibungspolitik herbeigeführt, die von in dieser Frage zerstrittenen Gesellschaft akzeptiert wurde. Aber klingt das nicht verrückt? Wie sollen Laien zu einer sachgemäßeren Lösung von Problemen gelangen können als Experten? Das fand schon Platon widersinnig.

Er hätte eine Herrschaft der Philosophen und Philosophinnen der Demokratie vorgezogen. Aristoteles hingegen hatte durchschaut, wie es funktioniert: Auch wenn jeder einzelne Laie die Dinge schlechter beurteilt als ein Experte, so wird aus der Gesamtheit der Laien im Rat doch ein besserer Richter. Auch der schlaueste Experte konzentriert sich nur auf einen Teil der Problemlage und ist voreingenommen. In einer Gruppe, in der man sich von Experten beraten lässt und sachorientiert argumentiert, werden die vielen blinden Flecke der individuellen Sichtweisen ausgeglichen. Die kollektive Intelligenz ist hier der Intelligenz des schlauen Individuums überlegen. Einen nationalen Bürgerrat könnten wir auch in Deutschland gebrauchen.

Unsere Autorin ist Philosophie-Professorin an der Ruhr-Universität Bochum. Sie wechselt sich hier mit der Infektionsbiologin Gabriele Pradel ab.