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In der SS herrschten „Säufertum, Größenwahn“ und „Weiber“

Ein ganz normaler Tag. Vielleicht etwas mehr Termine als üblich, aber doch nicht außergewöhnlich viele. Der 15. Mai 1944 war für Heinrich Himmler, als „Reichsführer SS“ einer vier mächtigsten Männer des Dritten Reiches nach Hitler, ein Arbeitstag wie viele andere auch.

Ein Arbeitstag allerdings, der Tausenden einen grausamen Tod brachte. Denn an diesem Montag begann die Massendeportation ungarischer Juden nach Auschwitz-Birkenau. Rund 439.000 Menschen wurden binnen der folgenden acht Wochen in die Todesfabrik gebracht, drei Viertel von ihnen sofort ermordet. Eigens dafür war die Stärke des Häftlings-„Sonderkommandos“ in den Krematorien um 100 Mann erhöht worden

Über den Beginn dieser Großaktion findet sich im jetzt kommentiert erschienenen Dienstkalender Himmlers aus den Jahren 1943 bis 1945 jedoch kein Wort. Ein Historikerteam um Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau und Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt hat die 1011 verschollen geglaubten Blätter aus dem persönlichen Büro Himmlers in Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk gefunden. Sie waren zusammen mit rund 2600 Kisten deutscher Beuteakten 1945 von Sondereinheiten der Roten Armee in Niederschlesien sichergestellt worden.

Die insgesamt etwa anderthalb Millionen Aktenblätter wurden 1954 vom KGB übernommen und blieben der Forschung verschlossen. Erst seit 2013 wird dieser Bestand sukzessive in deutsch-russischer Kooperation digitalisiert und damit zugänglich. In zwei dicken Ordnern mit den Signaturen 500/12.493/1 und 500/12.493/5 fanden sich die vermissten Dienstkalenderblätter.

Kurze Rast am Straßenrand während einer Fahrt mit dem Autokorso

Kurze Rast am Straßenrand während einer Fahrt mit dem Autokorso

Quelle: realworks ltd.

Zusammen mit vielem weiteren Material, unter anderem aus dem in Berlin aufbewahrten Bundesarchiv-Bestand NS 19, haben Uhl und seine Kollegen den Archivfund zu einer dichten, präzisen Edition verarbeitet. Sie ergänzt die bereits vorliegenden, leicht abweichend konzipierten wissenschaftlichen Ausgaben von Himmlers Kalendern 1940 und 1941/1942. Damit ist jetzt der Tagesablauf eines der zentralen Täter des NS-Regimes weitgehend dokumentiert.

Aufschlussreich ist daran neben vielem anderen, dass eben am 15. Mai 1944 kein Wort über den Beginn des Massenmordes an Ungarns Juden zu finden ist. Denn der Apparat der SS war so organisiert, dass es gar keiner direkten Anweisung oder Aufsicht des Chefs bedurfte – nicht einmal bei so einem ungeheuren Verbrechen.

Stattdessen widmete sich Heinrich Himmler anderen Themen. Da er in der vorangegangenen Nacht noch um 0.15 Uhr seine beiden Polizeiadjutanten Willy Suchanek und Martin Fälschlein empfangen hatte, stand er am Montagmorgen erst um 10.30 Uhr auf.

Seine Interessen vertritt der SS-Chef vehement und schonungslos

Seine Interessen vertritt der SS-Chef vehement und schonungslos

Quelle: realworks ltd.

Es folgte von halb zwölf bis halb eins eine Stunde Arbeit am Schreibtisch – die Zeit des Tages, in der gewöhnlich sein persönlicher Referent Rudolf Brandt ihm über anliegende Probleme vortrug und ausgewählte Post vorlegte. Himmler entschied, und Brandt setzte anschließend entsprechende Briefe im Namen seines Chefs auf; weniger bedeutende Fragen bearbeitete der Referent allein oder wehrte sie ab.

Auf diese Weise gewann Himmler die Zeit, beinahe jeden Tag oft ein halbes Dutzend oder mehr Besucher zu empfangen. Am 15. Mai 1944 kam als Erstes sein Chefadjutant Werner Grothmann, dann der Schriftsteller Hanns Johst, der als Himmlers Chronist wirkte, nebst zwei Begleitern zum Mittagessen.

Anschließend musste Himmler einen auswärtigen Termin wahrnehmen, für den er seine „Feldkommandostelle Bergwald“ verließ. Hier, in der vormaligen Villa Trapp in Aigen bei Salzburg, hielt sich der SS-Chef meist auf, wenn Hitler das Führerhauptquartier im nahe gelegenen „Berghof“ oberhalb von Berchtesgaden aufgeschlagen hatte.

Entspannung beim Tennis

Entspannung beim Tennis

Quelle: realworks ltd.

An diesem Montagnachmittag hielt Himmler eine Rede vor Offizieren des militärischen Nachrichtendienstes, der Abwehr. Sie war nach der Absetzung ihres Chefs Wilhelm Canaris drei Monate zuvor schrittweise in die Zuständigkeit der SS übergegangen. Also legte Himmler dar, wie er sich die Arbeitsweise eines Geheimdienstes vorstellte.

Er holte weit aus, begann mit dem Nachrichtendienst bei Caesar, ging sogar weiter zurück zu Alexander dem Großen, den Persern, den Ägyptern. Typisch für die SS-Ideologie war dann die folgende Bemerkung, die „Voraussetzungen für Nachrichtendienst“ seien „Volk und Rasse“. Es komme auf das „Blut“ an, nicht auf Dienstvorschriften. Entsprechend sei die zentrale Aufgabe der SS die „Auslese des Deutschland tragenden Blutes“.

Nach Hitlers Befehl, den militärischen Nachrichtendienst mit dem SS-Apparat zusammenzufassen (erteilt am 12. Februar 1944), komme es nun auf ein „sinnvolles Ineinanderübergehen“ an. Himmler umriss die (offiziellen) Prinzipien der SS: „Treue. Gehorsam. Kameradschaft“. Und es gehe um „Härte gegen uns selbst, Alkohol – Weiber, das Korps sauber halten, strenge Gerichtsbarkeit“, heißt es in seinen Redenotizen.

Ganz privat – mit Hut und in Zivil auf einer Bank

Ganz privat – mit Hut und in Zivil auf einer Bank

Quelle: Realworks Ltd.

Nach der Rückkehr von dieser Rede um 19 Uhr traf sich Himmler noch mit insgesamt 16 weiteren Besuchern oder Mitarbeitern. Der letzte Termin begann laut Dienstkalender um 23 Uhr.

Besonders interessant sind Himmlers Ausführungen zu den SS-Prinzipien. Denn sie könnte man, wenn es nicht so verlogen wäre, geradezu unfreiwillig komisch nennen. Dokumentiert doch eben der Dienstkalender, wie oft sich Himmler mit SS-Führern befassen musste, die über die Stränge schlugen. Am 11. Mai 1944 erst hatte er den SS-Brigadeführer Kurt Hintze wegen „Unbeherrschtheit, Säufertum und Größenwahn“ mit einem strikten Alkoholverbot bis Jahresende belegt.

Drei Tage später enthob Himmler den SS-Oberführer Richard Kaaserer als SS- und Polizeiführer in Kroatien seines Amtes, weil er „in Bezug auf Alkohol und Weiber gerade auf dem Balkan nicht die Selbstbeherrschung an den Tag legt, die erwartet werden muss“. Am 18. Mai 1944 folgte die nächste Beschwerde über den Alkoholmissbrauch von SS-Obersturmbannführer Franz Kleffner von der Waffen-SS-Division „Totenkopf“; er wurde fünf Tage später degradiert, im August 1944 allerdings rehabilitiert.

Himmler und sein "bester Mann" Reinhard Heydrich mit Marineangehörigen

Himmler und sein "bester Mann" Reinhard Heydrich mit Marineangehörigen

Quelle: realworks ltd.

Alkoholexzesse waren nicht die einzigen Verstöße gegen die SS-„Prinzipien“, mit denen sich Himmler regelmäßig auseinandersetzen musste. Noch am Abend seiner Rede vor den Abwehroffizieren bestimmte er, dass die Angehörigen straffällig gewordener SS-Männer direkt nach deren Einweisung in den Strafvollzug „Familienunterstützung“ bekommen sollten. Im Sinne des „Sippengedankens“ wünschte Himmler ferner, dass Familien verurteilter SS- und Polizeiangehöriger „auch außerhalb der gesetzlichen Möglichkeiten unterstützt“ würden.

Gleichzeitig sanktionierte er Fehlverhalten. So rügte der „Reichsführer“ am 16. Mai 1944 den SS-Obergruppenführer Günther Pancke, SS- und Polizeichef im besetzten Dänemark. Denn seine Frau beschäftigte offenbar eine „unnötig große Zahl von Hausgehilfinnen“; der Gatte solle zudem dafür sorgen, dass sie sich „in der Öffentlichkeit nicht zu politischen Vorgängen äußere“.

Himmler hält eine Rede

Himmler hält eine Rede

Quelle: realworks ltd.

Ausdrücklich störte Himmler, dass Pancke „nach jedem Angriff, der auf Braunschweig erfolgt ist, als gehorsamer Ehemann mit dem Auto von Dänemark angebraust“ komme und „sich dort zur Stelle“ melde. So etwas sorge nur für Gerede unter der Bevölkerung.

Strikt geheim hielt Himmler dagegen seine eigene Untreue. Denn er hatte im Zweiten Weltkrieg zwei Familien – die eine mit seiner Ehefrau Marga und der gemeinsamen Tochter Gudrun, die beide in Gmund am Tegernsee lebten; die andere mit Hedwig Potthast, seiner ehemaligen Privatsekretärin, die 1942 den gemeinsamen Sohn Helge geboren hatte und im Mai 1944 erneut schwanger war. Himmler verbrachte den 20. Mai 1944 bei ihr in Brückentin (im heutigen Müritz-Nationalpark).

Mit seiner Tochter Gudrun, dem "Püppi"

Mit seiner Tochter Gudrun, dem "Püppi"

Quelle: Realworks Ltd.

Wie fast immer war auch dieser Besuch im Dienstkalender nur verschlüsselt eingetragen, mit dem Vermerk: „unterwegs“. Manchmal hieß es auch „Inspektionsreise“, im März 1944 „Mark Brandenburg“. Dass Himmler dann in Wirklichkeit bei seiner Zweitfrau war, lässt sich meist aus der vermerkten Landung seiner Maschine auf dem Flugplatz Rechlin erschließen. 1943 besuchte der SS-Chef Hedwig Potthast mindestens 15-mal, 1944 sogar 18-mal. Das war etwa doppelt so oft, wie er Marga und Gudrun sah.

Die exzellente Edition des Dienstkalenders 1943 bis 1945 erschließt ungeahnt umfangreiches Material für weitere Forschungen. Doch schon ein schneller Blick offenbart die ungeheure Verlogenheit des NS-Regimes und der SS, des „schwarzen Ordens“, der alles Mögliche war, nur ganz sicher keine Elite.

Matthias Uhl / Thomas Pruschwitz / Martin Holler / Jean-Luc Leleu / Dieter Pohl (Hrsg.): „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943–1945“ (Piper Verlag, München. 1148 Seiten, 48 Euro)

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