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„Istanbul hat es verdient, dass wir uns gegenseitig umarmen“

„Welch historischer Abend“ kündigt der Moderator Ismail Küçükkaya das Duell an. Zum ersten Mal seit 17 Jahren treten erstmals wieder ein Kandidat der Partei von Recep Tayyip Erdoğan, der Regierungspartei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP), und der oppositionellen Republikanischen Volkspartei (CHP) zusammen vor laufender Fernsehkamera gegeneinander an.

Das private und oppositionelle Fox TV sowie über 20 andere Fernsehkanäle, auch regierungsnahe, übertragen das Ereignis, etliche Online-Plattformen streamen das auf zwei Stunden angekündigte Fernsehduell. Minutiös wird jede Regung, jeder Satz der Kandidaten auf Twitter kommentiert.

TURKEY-POLITICS-VOTE-DEBATE

Das TV-Duell, das die Türkei elektrisierte

Quelle: AFP/OZAN KOSE

Es scheint wirklich historisch, was aus einem Istanbuler Kongresszentrum, eine Woche vor der Wiederholung der Oberbürgermeisterwahl in der 15-Millionen-Metropole, in jede Ecke der Türkei und darüber hinaus, gesendet wird. Dass ein hochrangiger AKP-Politiker sich live einem angesehenen, jedoch oppositionellen Journalisten und seinen Fragen stellt, ist schon als kleine Sensation zu betiteln.

Imamoğlu ist ein Glücksfall für die CHP

Die Wahlkampagne des oppositionellen Kandidaten, Ekrem Imamoğlu, scheint zu fruchten. Maximale Transparenz kündigte er bereits vor dem eigentlichen Wahltermin am 31. März an und fing mit einer Mischung aus viel Optimismus („Alles wird total schön“, so sein Wahlwerbeslogan) und einem Verständnis für die Belange der Menschen, auch der religiösen, an, reihenweise die Istanbuler Herzen zu erobern.

Der vor sechs Monaten kaum bekannte Imamoğlu ist ein Glücksfall für die CHP und ein Schock für die AKP, dem die Regierungspartei im Vorfeld keinerlei Chancen einräumte. Die Wahl zum Istanbuler Oberbürgermeister gewann Imamoğlu zwar, später wurde sie von der AKP angefochten und wird nun am 23. Juni wiederholt. Warum eigentlich, fragt der Moderator auch als erstes, nachdem er die Regeln für den Abend - wir lassen uns gegenseitig ausreden, jeder hat drei Minuten Redezeit - verkündet. Eine gute Vorlage für den CHP-Kandidaten, der minutiös den Wahlabend des 31. März referiert und Binali Yıldırım fragt, warum er sich noch vor der Verkündung der offiziellen Ergebnissen als Wahlsieger kürte und in der Nacht bereits meterhohe Dankesplakate in Istanbul hingen.

Ruhige und höfliche Stimmung

Auf all das mag der AKP-Kandidat Yıldırım nicht recht eingehen, die Rede von den geklauten Stimmen, die nach der Wahl die Runde machten, mag er auch nicht wirklich wiederholen. Und so drehen sich die beiden fast eine halbe Stunde lang im Kreis und kämpfen um Zahlen und Deutungen des Wahlabends. Es wirkt zäh. Wer jedoch türkische politische Talkshows sowie die Unart, den anderen Redner möglichst effektiv niederzubrüllen, kennt, ist angenehm überrascht.

Wie ruhig und höflich die Stimmung zwischen den beiden politischen Gegnern im Studio ist, ist schon bemerkenswert, auch wenn die Stimmung im Laufe der nächsten Stunden manchmal zu kippen droht: sich wirklich bekriegen wollen die beiden Männer sich per Splitscreen nicht. „Wir beide sind Väter von zwei Töchtern und einem Sohn“, sagte Imamoğlu noch, bevor er ganz am Anfang seinem Konkurrenten einen roten Füller als Präsent überreichte, der AKP-Kandidat war ebenfalls nicht ohne leere Hände erschienen, und so gratulierten sie sich zum Vatertag, der in der Türkei auch auf diesen historischen Sonntag fällt.

Der Moderator Ismail Küçükkaya ist eines der bekanntesten Fernsehgesichter der wenigen oppositionellen Fernsehsender. Im Vorfeld des Duells hätten sich die Funktionäre beider Parteien auf ihn geeinigt - wie gesagt ein Novum für die AKP, sich von einem oppositionellen, einheimischen Journalisten interviewen zu lassen.

„Haben Sie den Bericht denn gelesen?“

Gut ausgerüstet erlebt der Fernsehzuschauer die beiden Politiker: Imamoğlu kann mit riesigen Plakaten die Zahlen der geöffneten und erneut gezählten Wahlurnen belegen, später kann er in Sekunden einen Korruptionsbericht hervorzaubern, auch Yıldırım kann mit vielen Zahlen aufwarten und ebenfalls mit bunten Plakaten für die Erfolge der AKP-Bürgermeister in Istanbul werben.

Er wirkt trotzdem leicht nervös, fällt seinem Kontrahenten öfter ins Wort als umgekehrt und versucht den Moderator vorzuführen, als er ihn zum Korruptionsbericht befragt. „Haben Sie den Bericht denn gelesen?“ wird er den Moderator fragen und dafür sorgen, dass Küçükkaya kurz ins Stammeln gerät. „Die Zahlen stimmen nicht“, wirft Yıldırım noch ein, bis sein Kontrahent Imamoğlu den Bericht des Gerichtshofes in der Hand hält und daraus zitiert. „Haben Sie denn den  Bericht gelesen?“ fragt der Moderator Yıldırım unvermittelt, der überrumpelt antwortet, dass er ihn nicht gelesen habe.

Der AKP-Kandidat pokert hoch

Als die beiden Kontrahenten auf ihre Wahlversprechen zu sprechen kommen, fragt man sich kurz,wie sowohl der eine als auch der andere Politiker das Ganze finanzieren möchte. Unter anderem verspricht der Kandidat der Opposition auf einen Schlag 150 Kindergärten, schnelle finanzielle Hilfen für Familien unterhalb der Armutsgrenze sowie schnell greifende Regelungen, um gegen die Jugendarbeitslosigkeit – jeder Dritte Jugendliche finde in Istanbul keine Arbeit – vorzugehen.

Der AKP-Kandidat pokert höher: 500.000 neue Arbeitsplätze, unter anderem durch den Aufbau von Technologieparks in der Nähe Istanbuls. Die Sendung geht in die Verlängerung, wichtige Themen wie die strauchelnde Wirtschaft, die kurdische Minderheit sowie nicht zuletzt die Lage der über 500.000 syrischen Geflüchteten in Istanbul müssen noch auf den Tisch.

Wunsch nach einem gemeinsamen Foto

An diesem Punkt offenbart sich auch einer der größten Unterschiede zwischen den beiden Kandidaten: Während Imamoğlu argumentiert, dass die Syrer keinen international anerkannten Status hätten und die Türkei und Istanbul mit dem Problem allein gelassen würden, erläutert Yıldırım, wie gelungen die Rückführungspolitik der türkischen Regierung hinsichtlich von 500.000 zurückgekehrten Syrer sei und das bald weitere 500.000 Syrer nach Nordsyrien, in die Nähe des Euphrat, ziehen würden.

Binali Yildirim

AKP-Kandidat Binali Yildirim mit seiner Ehefrau Semiha Yildirim, dahinter Tochter Busra Koylubay

Quelle: AP/Emrah Gurel

Zum Schluss des Fernsehduells, nach fast drei Stunden, wünscht sich Imamoğlu ein gemeinsames Foto mit Binali Yıldırım sowie Frau und Kindern. „Istanbul hat es verdient, dass wir uns gegenseitig umarmen“, wirft der oppositionelle Kandidat ein und wird dafür vom Moderator mit einem „Bravo“ bedacht.

Yıldırım lädt Imamoğlu zum Tee ein, aber der Punkt „soft skills“ geht hier in der letzten Sendeminute an den CHP-Kandidaten. Die Ehefrauen allerdings wollen nun doch nicht fotografiert werden. Am kommenden Sonntag, an den Wahlurnen, wird es für solche Fotos noch reichlich Gelegenheiten geben.

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