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Kölner Theater der Keller: Toxische Männlichkeit im „Fight Club“

20 Jahre ist es her, dass David Fincher mit „Fight Club“, seiner Verfilmung des Romans von Chuck Palahniuk, eine ikonische Zeitgeiststudie über Männlichkeit und Manipulation schuf, die bis heute Einfluss auf das Männerbild in Kino und Popkultur nimmt. Regisseur Heinz Simon Keller bricht in seiner Inszenierung diese archaisch apokalyptische Orgie der Gewalt gleich mehrfach auf und verknüpft die Chronik toxischer Männlichkeit mit einem Liebes-Psychodrama und dem Doppelgänger-Motiv aus Robert Louis Stevensons „Der seltsame Fall von Dr. Jekyll & Mr. Hyde“.

Zu Beginn beherrscht Marla Singer (Karen Dahmen) die Bühne, während die männlichen Beteiligten bereits besiegt auf dem Boden liegen. Sie ist die einzige Zeugin eines Dramas, das der Held ohne Namen (Adrían Castelló) in den folgenden 80 Minuten auf der Bühne rekapituliert. Als Angestellter eines Autokonzerns ist er ein bedeutungsloses, austauschbares Rädchen im Getriebe einer zynischen Geschäfts- und Konsumwelt.

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Ein einsamer Single, den seine Männlichkeitsdepression zunächst in die Schlaflosigkeit und dann, mit der Hoffnung auf Linderung, in diverse Selbsthilfegruppen treibt. Hier trifft der Simulant in einer Gruppe von Hodenkrebspatienten auf besagte Marla Singer, die dem Betrüger als Betrügerin den Spiegel vorhält.

Die Kämpfe werden getanzt

Gleichermaßen angezogen wie abgeschreckt von der Begegnung mit einer – seelenverwandten? – Frau, stürzt er in eine erneute Krise bis Tyler Durden (Jean-Luc Bubert) in seinem Leben auftaucht. Der zieht den Durchschnittsmann mit seinem selbstbewusst ausgelebten Freigeist in seinen Bann. Obdachlos geworden, nachdem eine Explosion sein Appartement und alles Hab und Gut zerstört hat, findet er bei Tyler Unterschlupf. Die beiden gründen mit dem „Fight Club“ einen geheimen Bund, in dem sich Männer unter Befolgung eines Regel-Kodexes im Faustkampf messen. Kenner des Films wissen um die gespaltene Persönlichkeit des Protagonisten. 

Im Stück verdoppelt die Regie diese noch, indem mit Emmanuel Edoror und Tim-Fabian Hoffmann zwei Tänzer als Stellvertreter die Kämpfe für die Darsteller austragen. Statt Zeuge ungezügelter männlicher Gewaltausbrüche zu werden, kanalisiert die Inszenierung diese Initial- und Ritualkämpfe als dynamische Tanzeinlagen. Als Zuschauer hält man, gezügelt durch die Ästhetik des Tanzes, Distanz zum Bühnengeschehen und lenkt so den Blick darauf, wie diese multiple Persönlichkeit eines Mannes daran scheitert, eine Beziehung mit einer Frau wie Marla aufzubauen.

Während der private Fight Club von Tyler zum Terrornetzwerk ausgebaut wird, kämpft Marla um die gespaltene Männer-Seele. Karen Dahmen, die mit elektrisierender Extrovertiertheit dem Männer-Quartett Paroli bietet, weiß schauspielerisch ebenso zu überzeugen wie Jean-Luc Bubert, der Tyler mit der Aura eines entfesselten Freigeistes über die Bühne fegen lässt. Naturgemäß hat Adrían Castelló als „Mann ohne Eigenschaften“ den schwierigsten Part, den er aber mit subtiler Grandezza zu meistern versteht.

So fällt dieser Ausflug in den „Fight Club“ des Theaters der Keller vielleicht weniger brachial aus als erwartet, dafür sorgt aber eine starke weibliche Note für einen frischen Blick auf identitätsgestörte Männerwelten.

Termine: 14., 15.2., 20 Uhr, Theater der Keller, Tanzfaktur, Siegburger Str. 233 W