Kommt der traditionelle Gruß aus der Mode? : Anschlag auf den Handschlag

Küsschen rechts, Bussi links, Faust auf Faust oder bloß eine kurze Umarmung – Händeschütteln hat Konkurrenz bekommen. Andere verweigern diese Grußform komplett oder benutzen sie zur Machtdemonstration.

Du gibst einem Erwachsenen zur Begrüßung die Hand, machst einen Diener und schaust ihm in die Augen“, lautet ein elterlicher Rat. Früher, als gutes Benehmen noch im Befehlston vermittelt wurde, hatten solche Botschaften den Vorteil: Sie saßen fürs Leben. Heute herrscht bei jenen, die das noch so gelernt haben, Irritation: Der ernsthafte Vorgang des Händeschüttelns wird zunehmend durch lockere Umgangsformen ersetzt. „Die Regeln sind nicht mehr so starr“, bestätigt Agnes Anna Jarosch, Vorsitzende des Deutschen Knigge-Rats.

Unter Jüngeren ist Abklatschen verbreitet, auch die prollige Ghettofaust hält sich hartnäckig. Aber selbst Mitmenschen gesetzteren Alters winken jetzt öfter lieber mal kurz, als die Hand auszustrecken. Andere, von denen man das nun nicht so erwartet hätte, berühren stattdessen ihr Gegenüber leicht an der Schulter oder, noch überraschender, gehen zu einer angedeuteten Umarmung über, die dann häufig verunglückt.

Abgesehen von einer steigenden Zahl von Leuten, die überhaupt keine Begrüßungsrituale mehr zu kennen scheinen, gibt es Zeitgenossen, die einen glatt am ausgestreckten Arm verhungern lassen. Die Gründe dafür sind unterschiedlich und keineswegs für jeden akzeptabel. Der Arzt, der der Hygiene wegen auf den hergebrachten Gruß verzichtet, wird noch am ehesten auf Verständnis treffen, zumal wenn er seine Verhalten durch Schilder wie dieses erläutert: „Wir sind nicht unhöflich, wir sind umsichtig. Wir verzichten auf das Händeschütteln und schenken Ihnen ein Lächeln.“

Studien belegen, dass 20 bis 30 Prozent der Erkältungs- und Durchfallerkrankungen auf diese Weise vermieden werden könnten. Greifen Hände ineinander, werden mehr Keime übertragen als beim Küssen, weil Hände wie kein zweites Körperteil direkt mit der Umwelt in Kontakt kommen. Papst Franziskus lässt Gläubige aus diesem Grund nur noch ungern den Ring an seiner Hand mit den Lippen berühren. In freier Viren-Wildbahn die angebotene Rechte auszuschlagen, weil angesichts der herannahenden Erkältungszeit eine Infektion befürchtet wird, bleibt dennoch problematisch. Viel einfacher ist es, wenn Erkrankte ihren Verzicht auf eine förmliche Begrüßung mit dem Hinweis auf ihren Zustand begründeten.

Wenn allerdings strenggläubige Muslime sich hierzulande weigern, einer Frau die Hand zu geben, wird es politisch. Religionsgelehrte finden das bisweilen nachvollziehbar, während nicht nur Sozialwissenschaftler darin mangelnde Bereitschaft zur Integration erkennen. Die einen verweisen auf den Koran, der so ausgelegt werden könnte, dass nicht miteinander verheiratete Männer und Frauen sich nicht berühren dürfen. Die anderen kritisieren ein solches Verhalten als respektlos und appellieren, es allenfalls unter Gleichgesinnten zu praktizieren.

So ließ die CDU-Politikerin Julia Klöckner das Treffen mit einem Imam platzen, weil dieser ihr nicht die Hand geben wollte. Indes: Für vorschnelle Empörung in den sozialen Netzwerken sorgte kürzlich ein Foto, das muslimische Frauen zeigt, die dem Kronprinzen von Norwegen angeblich den Handschlag verweigern. Ein weiteres Foto, das anschließend von Mimikama, dem Wiener Verein zur Aufklärung über Internetmissbrauch, verbreitet wurde, gibt dieselbe Situation ganz anders wider: Bei einem Moscheebesuch (und nicht, wie behauptet, in einem Flüchtlingsheim) legen die Damen als Zeichen des Respekts ihre rechte Hand aufs Herz. Der Kronprinz erkennt die Geste und ahmt sie lächelnd nach.

In der Politik spielte der Handschlag schon immer eine zentrale Rolle. Er prangt auf römischen Münzen und prägte das Emblem der SED. Donald Trump zelebriert ihn als Zeichen der Macht, und mancher ist hernach eher geschüttelt als gerührt. Mal lässt er einfach nicht los. Mal zieht er sein Gegenüber mit einem Ruck zu sich. Mal tätschelt er die ergriffene Rechte zusätzlich mit seiner Linken. Einzig Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron ließ sich auf ein Duell ein: In Washington quetschte er die Pranke des US-Präsidenten derart, dass deren Knöchel deutlich hervortraten.

Wenn das alles so kompliziert ist, warum schütteln wir uns dann überhaupt die Hände? Lange wurde vermutet, das Ritual unterstreiche, dass jemand unbewaffnet und somit in friedlicher Mission komme. Heute wissen wir: Zwischenmenschliche Kommunikation ist komplex, und speziell Hände sprechen Bände. Jeweils 33 Muskeln treten beim Händeschütteln in Aktion, um 27 Knochen in Bewegung zu versetzen. In der Handinnenfläche nehmen 17.000 Fühlkörperchen Druck-, Bewegungs- und Vibrationsreize auf. Sie signalisieren Selbstbewusstsein, Empathie, Dynamik. Das Gegenteil kennt jeder: Die ergriffene Hand fühlt sich an wie ein toter Fisch. Ein Handschlag sollte „weder zu sanft noch schraubstockartig ausfallen und kaum länger dauern als unbedingt erforderlich“, empfiehlt der Knigge.

Beim Händeschütteln werden aber offenbar auch Geruchsstoffe übertragen, wie israelische Forscher vor nicht allzu langer Zeit herausgefunden haben: Sie stellten fest, dass Menschen, die per Handschlag begrüßt worden waren, sich anschließend mehr als doppelt so häufig im Gesicht berührten wie andere, die nicht auf diese Weise Kontakt aufgenommen hatten. Händeschütteln erscheint demnach als die distanzierteste Art zu prüfen, ob man jemand anderen „riechen“ kann.

Zieht man die Fakten in Betracht, so erscheint der klassische Handschlag als Vorgang, der nicht nur Respekt ausdrückt, sondern Mut und Entschlossenheit voraussetzt. Wer beherzt Hände schüttelt, bietet Bakterien die Stirn und ist bereit, sein Inneres preiszugeben. Insofern sind formvollendete Händeschüttler gewissermaßen Helden des Alltags. Etwas würde fehlen, wenn es sie irgendwann nicht mehr gäbe.