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Labore und Ämter überlastet: Corona-Welle überfordert Fall-Erfassung

Den offiziellen Statistiken zufolge lässt die Dynamik des Infektionsgeschehens in Deutschland zuletzt nach. Das dürfte auch daran liegen, dass Labore und Gesundheitsämter mit den hohen Fallzahlen nicht mehr Schritt halten können. Die tatsächliche Inzidenz könnte viel höher liegen als vom RKI ausgewiesen.

Als die Sieben-Tage-Inzidenz für die Corona-Neuinfektionen zuletzt drei Tage in Folge sank, hofften viele auf eine Trendwende. Selbst Experten verwiesen Anfang der Woche auf den sogenannten R-Wert, mit dem das Robert-Koch-Institut (RKI) berechnet, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Er war unter die magische Grenze von eins gesunken. Doch RKI-Präsident Lothar Wieler zerstörte am Freitag diese Illusion. Die Zahlen seien derzeit nicht so verlässlich wie sonst. Er rechne in einigen Regionen mit einer "Untererfassung" der Fälle mit dem Faktor zwei oder drei. Im Klartest: Die Zahl der am Samstag gemeldeten 64.510 Neuinfektionen könnte tatsächlich viel höher liegen. Das RKI korrigierte nach Nachmeldungen den Anfang der Woche gemeldeten R-Wert später nach oben - über den Wert von eins.

Seit Beginn der Pandemie hat das RKI darauf verwiesen, dass man nur die von den Gesundheitsämtern registrierten Positiv-Tests erfassen könne. Es habe also schon immer eine gewisse Dunkelziffer gegeben, betonte auch der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn. Aber die Lage hat sich im Dezember 2021 dramatisch geändert - paradoxerweise im Positiven wie im Negativen. Zum einen gibt es viel mehr Geimpfte: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion zu Symptomen oder einem schweren Krankheitsverlauf führt, ist deutlich gesunken. Die Crux dabei: Meist lassen sich Menschen nur testen, wenn sie sich krank fühlen. Die Dunkelziffer steigt also in dem Maße, in dem Menschen halbwegs geschützt sind. Nur können auch Personen mit sogenannten Impfdurchbrüchen andere anstecken.

Dazu kommt, dass anders als in früheren Pandemiewellen diesmal Kindertagesstätten und Schulen offen bleiben - mit Kindern, die teilweise nicht geimpft werden können. Deshalb finden sich derzeit die höchsten Inzidenzwerte bei den Altersgruppen bis 18 Jahren. Bei diesen sind die Krankheitsverläufe ebenfalls nicht so gravierend wie bei älteren Ungeimpften. Aber auch Kinder können Erzieher, Lehrerinnen und Eltern anstecken und damit den Virus verbreiten.

Positiv-Quote so hoch wie nie

Auch der vom Labor-Verband ALM mitgeteilte Wert von mehr als 21,1 Prozent positiver Testergebnisse deutet darauf hin, dass die Pandemie sich sehr umfassend ausbreitet. Zum Vergleich: Der bisherige Höchstwert lag auf dem Höhepunkt der zweiten Welle Ende vergangenen Jahres bei 16,45.

Dazu kommt die aktuelle Überforderung vieler Gesundheitsämter. In etlichen Bundesländern hätten Ämter nicht nur die Kontaktnachverfolgung von Infizierten eingestellt, sondern kämen auch mit der tagesaktuellen Erfassung der Fallzahlen nicht hinterher, warnte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert. Auf diese Zahlen ist aber das Robert-Koch-Institut für seine täglich veröffentlichten Zahlen angewiesen.

Das Problem betrifft vor allem die am stärksten von Corona betroffenen Gebiete, die wie in Sachsen teilweise Sieben-Tage-Inzidenzen von 2000 aufweisen. Etliche Gesundheitsämter hätten die Bundeswehr um personelle Hilfe gebeten, bestätigte eine Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums. Angesichts der personellen Hilfe sei "der überwiegende Anteil der sächsischen Gesundheitsämter" mittlerweile in der Lage, die aktuelle Dateneingabe der neu hinzugekommenen Fälle zu bewältigen. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber: Etliche Ämter schaffen dies immer noch nicht.

Zeitverzögerungen bei PCR-Tests

"Es gibt noch einen weiteren Faktor - die Testlabore", sagte die Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums. "Es kommt zu Zeitverzögerungen bei der Bearbeitung der PCR-Tests. Speziell der ostsächsische Bereich ist maximal belastet." Auch dies liegt eigentlich auf der Hand. In Landkreisen, in denen es sehr viele Fälle gibt wie in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Bayern, landen immer mehr PCR-Tests zur Auswertung in den Laboren.

Das Vorstandsmitglied des bundesweiten Labor-Verbands ALM, Jan Kramer, spricht von einer Auslastung von 85 Prozent. "Das ist nicht über längere Zeit so machbar", sagt er. In einigen Bundesländern seien die Labore "schon wesentlich höher als 100 Prozent ausgelastet". "Das begrenzende Momentum ist die Personalverfügbarkeit", sagt Gesundheitsminister Spahn. Denn die Flut der Tests etwa in einem stark von Corona betroffenen bayerischen Grenzlandkreis wird nicht in die weniger ausgelasteten Labore in Schleswig-Holstein geschickt.

Also blieben viele Tests erst einmal liegen. Ohne Testergebnis tauchen Infizierte aber gar nicht in den Statistiken der Gesundheitsämter und damit des RKI auf. Es könne sein, dass nicht alle Testergebnisse in allen Regionen innerhalb von 24 Stunden vorlägen, räumt ALM-Vorstand Kramer ein. "Diese werden aber in der Regel innerhalb von 48 Stunden abgearbeitet", betont er und bestreitet zumindest einen signifikanten Rückstau.