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„Mehr Kinder mit Brustschmerzen“

Kinderkardiologe Ronald Müller

Kinderkardiologe Ronald Müller (privat)

Die Einschränkungen im Sozialleben, Einschränkungen in Schule und Familie gibt es sowieso. Zählen Kinder auch aus medizinischer Sicht zu den Verlierern der Pandemie?

Ronald Müller: Ganz sicher gibt es diese Verlierer. Wie auch in anderen Altersgruppen hängt das bei Kindern oft davon ab, in welcher Sozialstruktur sie sich befinden. Manche haben vielleicht nicht so viel auszustehen, und das könnte auch an der Sportart hängen, die sie neben der Schule betreiben. Oder betreiben dürfen.

Vieles dürfen sie seit Monaten nicht.

Sie sind zumeist ja wesentlich begeisterter in Teamsportarten dabei. Ich kenne nur wenige Kinder, die Sportarten wie Triathlon machen  und die da wenig auszustehen haben, was die Bewegungseinschränkung betrifft. Das berühmte Spiel, der Spaß am Spiel: Er kommt ja aus der Gruppe. Die Einschränkungen betreffen das gesamte Altersspektrum.

Spielerisch werden da quasi Sozialkompetenzen trainiert. Beziehungsweise derzeit eben nicht. Entstehen auch Defizite mit Blick auf die körperliche Entwicklung?

Kinder kommen nicht mit einer Motorik auf die Welt, die für alles gut ist, was wir als Erwachsene können. Das heißt: Ein schmales Bewegungsangebot führt nicht nur zu schlechteren sozialen Kompetenzen.

Was macht es denn mit einem Kind, wenn es sich über Monate nicht ausreichend bewegt?

Einige Monate können vielleicht kompensiert werden. Wenn wir als Gesellschaft aufpassen, dass wir diese Angebote wieder aufnehmen. Oder sie gerne auch auf ein höheres Niveau haben. Grundsätzlich ist es allerdings eine Frage des Alters.

Inwiefern?

Je jünger die Kinder sind, umso größer sind die Defizite, die entstehen können. Wer zum Beispiel bereits Mitte oder Ende der Pubertät ist, der hat schon ein gewisses motorisches Erfahrungsspektrum. Der würde bestimmte Fähigkeiten vielleicht weiter ausbauen oder vertiefen. Im Kleinkindalter müssen diese Fähigkeiten aber erst noch komplett erlernt werden. Das legt eine ganz andere Basis für die Defizite, die entstehen können.

Jüngere Kinder sind da deutlich gefährdeter als ältere?

Wenn kein Angebot vorhanden ist: ja. Ich denke da zunächst an sozial benachteiligte Kindern in einer Wohnsituation, die überhaupt keine Bewegungsmöglichkeiten bietet und  auch in der Nähe wenig Angebote haben. Kleine Kinder suchen sich gerne Beschäftigung oder Bewegung. Sie sind ja selbst unheimlich aktiv. Aber wenn die Bewegungsräume nicht vorhanden sind, dann stößt das rasch an Grenzen. 

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Werden die Räume durch all die Lockdown-Maßnahmen aus Ihrer Sicht übertrieben stark eingeschränkt?

Man muss da jeweils das Infektionsrisiko abwägen. Kinder sind natürlich eng beieinander. Wir haben zuletzt gesehen, dass die Infektionswelle mehr in die jüngeren Altersgruppen rutscht. Für die wenige Erfahrung, die man mit solchen Situationen hat, ist da oft gut entschieden, teilweise aber auch übertrieben eingeschränkt  worden. Wichtig ist da, dass wir immer wieder einen gesellschaftlichen Diskurs führen und die Interessen abwägen. Leider sind dabei, wie so häufig, die Interessen der Kinder im Hintertreffen.

Deckt sich das mit Erfahrung aus Ihrer Praxis?

Definitiv habe ich mehr Kinder mit Brustschmerzen. Sie werden zunächst mal als Herzschmerzen wahrgenommen. Häufig haben sie aber orthopädischen Charakter. 

Wie lässt sich das erklären?

Durch ein zunehmendes Missverhältnis für eine balancierte Rumpfmuskulatur. Sie wird durch Spiel, Sport und Bewegung gekräftigt. Durch das viele Sitzen zuhause vor dem Rechner, durch viel Online-Unterricht und fehlende Bewegung, vielleicht auch noch gepaart mit unglaublich schweren Schultaschen, entstehen Schmerzen im Brustbereich, die als Herzschmerzen fehlinterpretiert werden.

Das tritt gehäuft auf?

Das ist ein zunehmendes Krankheitsbild. Am Ende ist es kein kardiologisches. Man kann da durch die Kräftigung von Rumpfmuskulatur gegenwirken. Aber erst mal entsteht dieser Leidensdruck. Bis da der Arzttermin gemacht ist, mit den Eltern gesprochen wurde, Krankengymnasten gefunden sind, dauert es oft.

Dass zu viele Kinder sich zu wenig bewegen und kaum noch eine Rolle rückwärts hinbekämen, wird seit Langem beklagt. Hat sich der Trend durch Corona verschärft?

Das hat er, definitiv. Es hat halt auch viel mit dem Medienverhalten der Kinder zu tun. Es wird eben weniger auf Bäume geklettert, um das mal ganz platt zu sagen. Die deutlich längere Bildschirmzeit ist da ein echtes Stichwort.

Spiel, Sport, Bewegung: Wichtig, damit Kinder eine gute Rumpfmuskulatur entwickeln. 

Spiel, Sport, Bewegung: Wichtig, damit Kinder eine gute Rumpfmuskulatur entwickeln.  (Karsten Klama)

Fallen Ihnen weitere gehäufte Befunde in Ihrer Praxis auf?

Na ja, ich sehe auch Konditionsprobleme bei etlichen Kindern. Viele waren schon beim Lungenarzt, wegen belastungsunangemessener Atemnot. Das ist zumeist auf Bewegungsmangel zurückzuführen.

Was können Sie als Arzt tun? Den Eltern sagen: Ihr Kind sollte mehr auf Bäume klettern?

Manchmal lasse ich während der Ultraschall-Untersuchungen ein paar Sätze fallen. Für mich ist das nicht nur als Kinderkardiologe, sondern auch als Kinderarzt im Rahmen der Vorsorge immer wieder Thema. Die Eltern müssen da ganz klare Grenzen setzen, was den Medienkonsum anbelangt.

Wie könnte übers Arztzimmer hinaus vermittelt werden, dass ausreichend Bewegung beziehungsweise eine gute Rumpfmuskulatur mehr ist als 'nice to have'?

Ich glaube fest an das, was wir mit dem Sprichwort 'Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr' meinen. Wenn wir im Kindes- und Jugendalter den Grundstein legen für ein gesundes Freizeitverhalten, gibt es später so eine Art motorische Erinnerung. Man würde einen schnelleren Wiedereinstieg in den Sport finden. Oder überhaupt einen Einstieg.

Haben Sie die Hoffnung, dass in dieser Hinsicht nach der Pandemie wenigstens wieder das Niveau vor der Pandemie erreicht wird?

Wenn wir nicht aufpassen, wird es Langzeit-Folgen geben. Ich würde mir wünschen, dass wir alle darauf achten, dass das Bewegungsangebot, das Sportangebot an Kinder und Jugendliche intensiviert wird.

Das Gespräch führte Olaf Dorow.

Zur Person

Ronald Müller (60)

ist Kinderkardiologe, er betreut Patienten mit angeborenen Herzfehlern. Zu den Schwerpunkten in seiner Praxis gehören zudem Sportmedizin und Leistungsdiagnostik. Der gebürtige Bremer ist verheiratet und hat fünf Kinder. 

Zur Sache

Videokonferenz zum Thema Bewegungsmangel

Bewegungsmangel dürfe nicht als Kollateralschaden der Pandemie akzeptiert werden. Sport und Bewegung dürfen nicht auf ihr Infektionsrisiko beschränkt werden, das Risiko und der Nutzen durch Sport müssen gegenübergestellt werden. Das waren ungefähr die Kernbotschaften, die auf Initiative des BIPS, des Leibniz-Instituts
für Präventionsforschung und Epidemiologie in einem Offenen Brief an die Bremer Politik formuliert worden waren. Zu den Unterzeichnern zählt auch Bernd Giesecke, der Vorsitzende der Bremer Sportjugend. Laut Giesecke hat das BIPS inzwischen eine Antwort von Sportsenatorin Anja Stahmann erhalten. Die Senatorin, die dem Thema sehr offen gegenüberstehe, hatte für Montag dieser Woche zu einem Videogespräch mit allen Unterzeichnern des Briefes eingeladen. 

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