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Melek Aslan. Eine von vielen und doch eine Einzelne

Es ist ein herzzerreißendes Foto: Auf einer steinernen Bank liegen übereinandergestapelt ein Notizheft, ein Lehrbuch zum Thema Aussprache und Redekunst sowie, mit einem Lesezeichen zwischen den Seiten, der Roman „Kinyas und Kayra“. Dahinter eine graubraune Lederhandtasche. Und davor eine gelb-schwarze Nummerntafel, wie man sie aus Krimis kennt – ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass es sich um einen Tatort handelt.

Hier, am helllichten Tag und mitten in der südostanatolischen Metropole Diyarbakir, wurde am Mittwoch die 24-jährige Melek Aslan ermordet. Der Mörder: Ihr vier Jahre jüngerer Bruder Mustafa, der aus dem weiter westlich gelegenen Adiyaman angereist war. Seine Schwester habe, so gab er Presseberichten zufolge im Polizeiverhör an, „die Ehre der Familie befleckt“. Mit vier Pistolenschüssen streckte er sie nieder, sie verstarb auf der Fahrt ins Krankenhaus.

Melek Aslan (in einigen Zeitungsartikeln und auf Social Media teils fälschlicherweise Merve Aslan genannt) hatte in Diyarbakir ein Mathematikstudium beendet und bereitete sich gerade auf die Aufnahmeprüfung für den öffentlichen Dienst vor. Das Verhältnis zu ihrer Familie war offenbar belastet, seit drei Jahren soll sie keinen Kontakt mehr gehabt haben. Und sie hatte ein weiteres Problem: ihren Ex-Freund.

Ein Anruf

Wie die prokurdische Nachrichtenagentur „Mezopotamya“ berichtet, hatte dieser Mann sie wiederholt geschlagen. Melek Aslan trennte sich von ihm, aber er bedrohte und belästigte sie weiter. Sie fuhr zu seinem Wohnort Sakarya, 1200 Kilometer westlich von Diyarbakir, erstattete Strafanzeige und erwirkte ein gerichtliches Kontaktverbot. Doch auch danach hörten die Belästigungen nicht auf. Zuletzt meldete sich der Ex-Freund bei ihrer Familie – und gab mit seinem Anruf den Anstoß zum Ehrenmord. Ob daran weitere Angehörige beteiligt waren, ist bislang nicht bekannt.

3185 Tötungsdelikte gegen Frauen und Mädchen hat die Organisation „Wir werden die Frauenmorde stoppen“ seit 2008 gezählt. Im ersten Jahr der Erfassung waren es 80 Morde, im Jahr 2019 bereits 474 – das Sechsfache. Dieser Anstieg erkläre sich zum Teil damit, dass die Erfassung verbessert worden sei, sagt Gülsüm Kav, Medizinprofessorin und Sprecherin der Organisation im Gespräch mit WELT.

Doch auch die tatsächliche Zahl der Morde – Kav benutzt den akademischen Begriff „Femizid“ – sei gestiegen. „Es ist kein Zufall, dass wir nur 2011 einen Rückgang verzeichnet haben – das Jahr, in dem die Istanbul-Konvention unterzeichnet wurde und Politiker aller Parteien öffentlich über das Problem Gewalt gegen Frauen öffentlich sprachen.“

Der Präsident bleibt vage

Das ist längst vorbei. Stattdessen fordern fundamentalistische Kreise im Umfeld der Regierungspartei AKP lautstark den Austritt aus dem „Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt“, wie die nach ihrem Unterzeichnungsort bezeichnete Istanbul-Konvention amtlich heißt.

Zu dieser Frage hat sich Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan bislang nur vage geäußert. Aber auch so propagieren er und seine Gefolgsleute ein patriarchales Frauen- und Familienbild. In weiten Teilen der öffentlichen Debatte und der Popkulturen herrschen zudem Männlichkeitskult, Militarismus und Gewaltverherrlichung. Und oft genug können sich die Täter auf glimpfliche Gerichtsurteile verlassen.

Zugleich ist die gestiegene Gewalt eine Reaktion auf das gewachsene Selbstbewusstsein vieler Frauen und ihre größere ökonomische Unabhängigkeit. Das zeigt auch ein Blick auf die Täter: Bei den 474 Tötungen des vergangenen Jahres konnte die Frauenrechtlerinnen in lediglich sieben Fällen das Motiv „Ehre“ feststellen. Selbst wenn dieses Motiv auch bei einigen weiteren Morden ausschlaggebend gewesen sein mag – die weitaus häufigsten Gründe sind andere: Eifersucht, Trennungsabsichten, Beziehungskonflikte. Oft steht der Mord am Ende einer langen Reihe von Gewaltanwendung.

Bei 47 Prozent der Fälle handelte es sich bei den Tatverdächtigen um Ehemänner, Lebensgefährten oder ehemalige Partner. Ein ebenfalls häufiges Motiv: die Abweisung durch die Frau. Regionale Auffälligkeiten zeigt die Statistik nicht; auch die Lebensstile – etwa ob religiös oder säkular – spielen, so berichtet Frauenrechtlerin Kav, keine Rolle. Und in ärmeren und bildungsfernen Milieus gebe es zwar häufiger Gewalttaten, doch gebildetere und reichere Milieus seien davon nicht ausgenommen.

Jede Zahl ein Menschenleben

So notwendig derlei soziologische Analysen sind, droht darüber zuweilen in Vergessenheit zu geraten, dass jede einzelne dieser Zahlen für ein ausgelöschtes Menschenleben steht. Genau daran erinnert dieses nach dem Mord an Melek Aslan entstandene Bild auf so stille wie eindrückliche Weise. Ein nüchtern-kriminalistisches Tatortfoto, das zugleich Einblick in das Leben dieser jungen Frau gewährt, ohne ihre Würde zu verletzen oder zum Voyeurismus einzuladen.

Die abgebildeten Artefakte, die sie vor dem Mord bei sich trug, erzählen auf traurige Weise vom Traum eines selbstbestimmten Lebens und dessen brutalem Scheitern: Die Nummerntafel, die jede explizite Darstellung ersetzt und so die Monstrosität der Tat erst zum Vorschein kommen lässt. Die Handtasche, die symbolisch dafür steht, dass eine Frau ermordet wurde, weil sie ihren eigenen Weg gehen wollte. Das Lehrbuch und das Notizheft, die bezeugen, dass Melek Aslan daran arbeitete, etwas zu erreichen.

Vielleicht keine überfliegenden Träume, sondern der eher bescheidene wie verständliche Wunsch nach einer soliden Beamtenlaufbahn, die ihr doch etwas Kostbares versprach, die individuelle Unabhängigkeit nämlich. Und schließlich: der Roman, der sie in der Fantasie in fremde Welten entführte und der so unvollendet blieb wie ihr ganzes Leben.

„Kinyas und Kayra“

Als dieses Buch, der zornig-düstere, größtenteils in Westafrika und Mexiko spielende Roman „Kinyas und Kayra“ im Jahr 2000 erschien, war der Verfasser Hakan Günday 24 Jahre alt – im selben Alter wie Melek Aslan. Etwa an der Stelle, an der sie ein Lesezeichen gelegt hatte, steht:

„Wenn man mich einmal fragt, was ich in dieser Welt erreicht habe, werde ich gelassen antworten: Ich bin allein geblieben. Ich habe es geschafft, allein zu bleiben. Ich wurde in eine Welt von sechs Milliarden Menschen hineingeboren und habe mich durch sie geschlängelt, ohne jemanden anzurempeln.“

Wir wissen nicht, ob Melek Aslan allein bleiben wollte. Vermutlich wollte sie niemanden anrempeln. Aber sie hat sich dagegen gewehrt, angerempelt zu werden – von ihrer Familie, von dem Mann, den sie einmal geliebt haben muss, von einer Gesellschaft, die sich daran gewöhnt hat, dass vielen Frauen selbstverständliche Rechte vorenthalten werden. Aber es hat nicht gereicht. Melek Aslan. Eine von vielen und doch eine Einzelne.

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