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Mit 170 km/h auf dem Ballindamm gerammt: So geht es Taxifahrer Mehmet Yilmaz heute

Den härtesten Kampf hat Mehmet Yilmaz gewonnen. Den Kampf um sein Leben. Das war im Mai 2017, nachdem ein Mann mit einem gestohlenen Taxi und 170 Stundenkilometern auf dem Ballindamm in sein Taxi gerast war. Yilmaz überlebte. Gerade so. „Ich weiß ja im Nachhinein, wie schlimm es um mich stand. Und dass ich um mein Leben kämpfen musste, dass ich ohne Puls weggefahren wurde und zwei Tage im Koma lag“, sagt er. Zu kämpfen hat der 60-Jährige immer noch. Mit seiner Gesundheit, einer Versicherung – und dem Schicksal. 

Mehmet Yilmaz erinnert sich gut an die Nacht vor fast dreieinhalb Jahren. Etwa 4.15 Uhr war es. Er wartete am Hauptbahnhof in seinem Mercedes auf einen Auftrag. Dann: „Ballindamm 15, die Ciu‘ Bar“. Zwei Personen sollte er abholen. „Wir haben uns begrüßt, die Freude bei den beiden war groß, dass ich in einem Großraumtaxi vorgefahren bin“, sagt er. Die beiden, das waren Philipp Zumhasch und John Braasch. Die Kumpels arbeiteten gemeinsam in der Bar. Und wollten nach Feierabend nach Hause in die gemeinsame Wohnung in der Dorotheenstraße. „‚Mensch, das ist ja toll, ‘ne Limo. Mit der kannst du uns gern öfter abholen‘, meinten sie noch“, sagt er. Sein Slang verrät, dass der Sohn türkischer Gastarbeiter Hamburger ist.

Unfall auf dem Ballindamm: Ein Fahrgast starb

Yilmaz sitzt mit gekrümmtem Rücken auf einem Rattan-Stuhl eines Döner-Imbisses am Winterhuder Markt. Mit der linken Hand stützt er sich aufs linke Bein, mit den Gesten der rechten untermalt er, was er sagt. Yilmaz spricht langsam. Wort für Wort. Nach jedem Satz pausiert er, hält inne. Einer der beiden Fahrgäste, Philipp, habe sich sofort angeschnallt, sagt er. John nicht. Philipp überlebte. Yilmaz auch. John nicht. „Ich glaube sehr wohl an Schicksal“, sagt Yilmaz. Schließlich saß er in diesem einen von seinerzeit 3065 Taxen.

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Es fährt ein Krankenwagen vorbei, die Sirene schneidet ihm das Wort ab. „Immer wenn ich so was höre, frage ich mich: Wer kämpft da wieder um sein Leben? Da kriegt man Gänsehaut“, sagt er, „da kommen meine Erinnerungen wieder hoch.“ An diesen einen Moment. „Wir sind gerade mal angerollt bis zur Kreuzung Glockengießerwall. Keine zwohundert Meter, die wir gefahren sind. Ich sehe immer noch das Standbild, bevor ich die Augen zugemacht habe - wie ein helles Auto halb links von mir auf mich zurast, als würde es in der Luft schweben.“ Yilmaz pausiert wieder. Im zertrümmerten Auto kam er kurz zu sich. Teilte den Rettungskräften, den Körper eingeklemmt im Wrack, die Telefonnummer seiner Familie mit. Hörte von der Rückbank das Wort „Exitus“. „Da habe ich meine Schlussgebete gemacht“, erinnert sich Yilmaz an die Minuten, bevor er ins Koma fiel. 

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Der Horror-Crash: Am 4. Mai 2017 raste ein Betrunkener mit Tempo 170 gegen Yilmaz’ Taxi (l.).

Verantwortlich für all das Leid ist Ricardas D. Der Mann war zur Zeit des Unfalls bereits wegen Diebstahls von Navigationsgeräten und Hehlerei verurteilt und nur auf Bewährung in Freiheit. In der Nacht, in der er, wie es Mehmet Yilmaz formuliert, „drei Familien ins Unglück stürzte“, war er betrunken. Das Hamburger Landgericht sprach ihn des Mordes schuldig. 

Hamburg: Mord-Urteil gegen Raser - Yilmaz spricht ohne Groll

„Ob das dann Mord ist, wurde ich immer wieder gefragt“, erzählt Yilmaz. „Ich sage: Ja. Wenn er den Wagen als Waffe benutzt, ist das Mord. Dem war das völlig egal – er hat natürlich nicht gezielt uns töten wollen, es war ihm völlig egal, wen er da tötet. Ob das nun gerade Mehmet, John, Philipp waren oder ob da Ahmet, Hans und Peter im Auto gesessen haben, war ihm völlig egal. Das hat er billigend in Kauf genommen und das ist das, was man ihm vorwerfen muss“, urteilt er. 

Yilmaz spricht ohne Groll. Seine Ausführungen klingen eher nach denen eines Studierenden im zweiten Semester Jura als nach den Worten eines Mannes über einen anderen, der ihn beinahe getötet hätte. „Er hatte seine Bewährungszeit und hat seine Taten fortgeführt. Das heißt mit anderen Worten: Er war unbelehrbar. Und dann kam noch die Steigerung dazu: vom Dieb zum Hehler und vom Hehler zum Mörder“, sagt Yilmaz. „15 Jahre sind für mich okay. Mehr geht eben nicht im deutschen Recht.“

Mehmet Yilmaz kämpft seit dem Unfall mit seiner Gesundheit

Verzeihen werde Yilmaz Ricardas D. aber nie. „Es ist ja nicht vergessen nach dem Urteil. Er hat seine 15 Jahre gekriegt. Aber das, was er uns angetan hat, das bleibt auch nach den 15 Jahren noch bestehen.“ 

Kämpfen musste der selbstständige Taxifahrer Mehmet Yilmaz, der seit 1986 Hamburgerinnen und Hamburger von A nach B fährt, nicht nur gesundheitlich, sondern auch ums Geld. „Zu dem Zeitpunkt war es finanziell auch sehr, sehr eng, sehr schlimm“, sagt er über die Monate nach dem Unfall. „Mein Unterarm war ja ein glatter Durchbruch, wie du noch siehst an den Wunden hier“, sagt er und zeigt die Narben: „Im Lendenbereich waren die Wirbelfortsätze abgebrochen, das Iliosakralgelenk war gesprengt.“ 

Titelseite 5 Mai 2017

So berichtete die MOPO am 5. Mai 2017, dem Tag nach dem Horror-Unfall am Ballindamm.

Und an Arbeit nicht zu denken. Bis September 2017 musste er auf Zahlungen der Versicherung warten. Musste mit Hartz IV versuchen, seine Familie zu versorgen. Musste die Stütze bald darauf zurückzahlen, weil er eine Spende vom Taxi-Verband erhalten hatte.

Seit Januar 2018, also neun Monate nach dem Unfall, fährt Yilmaz wieder. Allerdings nicht mehr so viel wie früher, das lässt der geschundene Körper nicht zu. „Ich habe jetzt ein deutlich geringeres Einkommen als vor dem Unfall, weil ich weniger fahren kann“, erklärt er. Yilmaz erhält eine Verletztenrente von der Berufsgenossenschaft, gut 400 Euro im Monat. Nicht annähernd genügend, um die Ausfälle zu kompensieren. 

Vorwürfe gegen die Allianz: „Die glaube, ich arbeite wieder voll“

Deswegen probiert Yilmaz mit Unterstützung seines Anwalts, die aus seiner Sicht gerechtfertigten Ansprüche gegenüber der Haftpflichtversicherung des Fahrers, dessen Taxi gestohlen wurde, geltend zu machen. Allerdings habe er seit mehr als einem Jahr keinen einzigen Cent mehr von der zuständigen Allianz erhalten. „Die glauben, dass ich seit Ende meiner Reha wieder voll arbeite“, meint Yilmaz. „Ich muss auf die Zähne beißen und versuche, das ohne Schmerzmittel durchzustehen. Ich fahre alle zwei, drei Stunden nach Hause, leg’ mich lang und starte danach neu.“ 

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Yilmaz und sein Anwalt fordern von der Allianz mehr als die bisher erhaltenen Vorschüsse zum Ausgleich des Dienstausfalls. Von der Allianz heißt es dazu, ein Sachverständiger prüfe die berechnete Höhe und berechne sie neu. Sobald das Ergebnis vorliege, werde sich die Versicherung mit dem Anwalt in Verbindung setzen. 

Mehmet Yilmaz sieht „jeden Tag als Nachschlag an“

Mehmet Yilmaz ist die Frustration darüber anzusehen, wie lange er schon kämpfen muss. „Ich versuche alles“, betont er, „habe aber wahrscheinlich kaum eine Chance, weil ich nicht so wehleidig bin, wie andere wehleidig sein würden, wenn sie so eine Verletzung hätten wie ich“, sagt er und zuckt mit den Schultern. So weit, wie es der Rücken gerade zulässt. Abhaken, meint er, das sei leichter gesagt als getan. Aber langsam müsse er zur Ruhe kommen. 

Aufgeben wird Yilmaz trotzdem nicht. Seit dem Unfall sei er demütiger geworden, sagt er. Denn seit dem 4. Mai 2017, seit diesem Unfall, ist für Mehmet Yilmaz nichts mehr selbstverständlich. „Ich sehe jeden Tag als Nachschlag an“, sagt er. „Es ist mir wichtig, dankbar zu sein für die Momente, die ich noch bekomme. Das sollten eigentlich alle Menschen wissen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man jeden Tag gesund aufsteht.“

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