Germany
This article was added by the user . TheWorldNews is not responsible for the content of the platform.

Nur einmal wird es fies im Triell

Die drei Kandidaten könnten sich jetzt gegenseitig in Verlegenheit bringen. Friedrich Merz, Norbert Röttgen und Helge Braun stehen hinter ihren Redepulten und sollen sich zur Abwechslung mal selbst befragen. Sie lachen auf, schauen verdutzt. Das war offenbar nicht abgesprochen. Es ist so etwas wie politisches Improvisationstheater. Die Bewerber für den CDU-Parteivorsitz können jetzt spontane Schlagfertigkeit beweisen. „Sie dürfen fragen, was Sie schon immer mal wissen wollten“, sagt die Moderatorin schelmisch.

Die Hälfte des Triells am frühen Mittwochabend ist bereits gelaufen, etwa 40 Minuten sind vorbei. 25 anwesende Mitglieder aus der ganzen Republik haben Fragen gestellt und von den drei Bewerbern für den CDU-Parteivorsitz mehr oder minder klare Antworten bekommen. Nach den einzelnen Befragungen im Livestream in der vergangenen Woche besiegelt dieser gemeinsame Townhall-Auftritt den Abschluss der Vorstellungsphase. Danach können die etwa 400.000 Mitglieder online oder per Brief abstimmen. Ein Online-Parteitag im Januar nächsten Jahres wird sich nach dem Votum richten und den Nachfolger des scheidenden Parteivorsitzenden Armin Laschet wählen.

Bei der überraschenden gegenseitigen Befragungsrunde am Mittwoch ist Noch-Kanzleramtsminister Braun ist als Erster an der Reihe. Er wendet sich an den früheren Unionsfraktionschef Merz und will etwas umständlich wissen, wie dieser in den nächsten zwei Jahren mehr Frauen in die Partei holen wolle. Diese Frage hat etwas Drive, aber tut auch nicht wirklich weh. Merz sagt, wenn der Partei nichts Besseres einfiele, dann sei er auch für die Frauenquote.

Merz fragt Außenpolitiker Röttgen, wie er die Haltung der künftigen Ampel-Bundesregierung zu China einschätze. Nichts Heikles, keine Falle, eine Steilvorlage. Er sehe grundlegende Meinungsunterschiede in der Koalition, sagt Röttgen und warnt einmal mehr vor der Dominanz Chinas.

Dann fragt Röttgen, an Braun gewandt, wie nach dessen Erfahrung im Kanzleramt Regierungspolitik neu organisiert werden müsse, „damit sie aus dem hinterherlaufenden Modus herauskommt“. Es seien Krisen passiert, auf die man nicht vorbereitet gewesen sei, „das kostet Vertrauen“. Zugegeben, das ist schon etwas fies von Röttgen, weil es auch Brauns Krisenmanagement betrifft. Braun lässt sich nichts anmerken und entgegnet: Politik sei immer mehr Reaktion als Gestaltung und Aktion. Es brauche strategische Prozesse, auch in der CDU, um Entwicklungen vorauszusehen.

Ansonsten aber dominieren Konsens und Fairness unter den Dreien. Vor allem Merz betont dies immer wieder: „Ich schließe mich dem ausdrücklich an“, sagt er, oder „Ich teile die Einschätzung“, oder „Ich kann allem zustimmen, was meine Vorredner gesagt haben.“ Merz, Röttgen und Braun unterscheiden sich in ihrem Erscheinungsbild, in ihrem Charakter. Sie werden durch ihre Art unterschiedliche Akzente setzen. Anders als der gemütlich wirkende Braun zeigen Röttgen und Merz ein deutlich forscheres Auftreten, was für die Oppositionszeit wiederum bedeutsam sein wird, um die CDU zu profilieren.

Keine Doppelspitze, keine Kooperation mit der AfD

Die Kandidaten machen an diesem Abend klar, dass sie keine drei unterschiedlichen CDU-Versionen repräsentieren, sondern die dieselbe politische Haltung teilen. Sie sind gegen eine Doppelspitze, wollen den Charakter einer Volkspartei bewahren und die Partei jünger und weiblicher machen, sie wollen die AfD im Osten „bekämpfen“ und lehnen jegliche Kooperationen ab. Selbst beim Thema Migration, wo sich Röttgen und Merz zuletzt scharf geäußert und die Ampel-Regierung vor falschen Anreizen für Armutsmigranten gewarnt haben, wird überraschend Einigkeit demonstriert. Auf die Frage eines türkischstämmigen Mitglieds, wie sie Menschen mit Migrationshintergrund besser ansprechen wollten, betonen die drei, dass man sich mehr bemühen müsse.

Braun betont, dass alle willkommen seien, die die gemeinsamen Werte teilten, auch wenn sie einer anderen Religion angehören: „Da müssen wir sehr aufpassen, dass wir bei manchen Debatten, die wir als CDU führen, nicht den Eindruck erwecken, dass wir da ausgrenzen, sondern das integrieren“, sagt er, und es lässt sich auch als Mahnung an die beiden anderen verstehen. Röttgen sagt, die CDU sei die „Partei der modernen Mitte“, in der es Vertreter aller gesellschaftlichen Gruppen geben müsse. Man müsse „etwas mehr über das Bereichernde von Migranten reden, dass sie unsere Gesellschaft stärker und vielfältiger machen“. Merz spricht in einen ähnlichen Tonfall: Das Land werde „vielfältiger und bunter“, sagt auch er. „Wir werden ein Einwanderungsland sein müssen, mit gezielter Einwanderung in den Arbeitsmarkt“, aber man müsse sie dort begrenzen, wo sie in die Sozialversicherungssysteme führe.

Helge Braun und Norbert Röttgen beim Triell um den CDU-Vorsitz

Helge Braun und Norbert Röttgen beim Triell um den CDU-Vorsitz

Quelle: Getty Images/Pool

Im eineinhalbstündigen CDU-Triell kommen sich die drei nicht ins Gehege. Sie sehen unisono den Klimaschutz als eines der vordringlichsten Themenfelder. Vor allem sind sie sich darin einig, dass die CDU jetzt viele Antworten finden müsse. Ein kleiner Dissens tut sich in der Bildungspolitik auf: Als Röttgen sich über das Versagen des Föderalismus und die „Kleinstaaterei“ der Bundesländer echauffiert und mehr Kompetenzen für den Bund fordert, entgegnet Merz gelassen, er glaube nicht, dass sie daran etwas ändern werde. Er will lieber die duale Ausbildung in den Mittelpunkt der Bildungspolitik rücken. Es werde in der Politik zu viel über das Gymnasium gesprochen.

Zum Abschluss sollen sie ein Foto zeigen und darauf ihre 90-sekündigen Statements beziehen. Merz zeigt ein Bild, auf dem er, der Nordrhein-Westfale, mit seinem Wunsch-Generalsekretär Mario Czaja aus Berlin und dessen Stellvertreterin Christina Stumpp aus Baden-Württemberg zu sehen sind. Das sei ein „gesamtstaatliches Integrationsangebot“, sagt der demonstrative Teamplayer Merz lächelnd in die Kamera. Braun hat ein Bild mit jubelnden CDU-Mitgliedern vom Wahlsieg 2013 mitgebracht. Es müsse eine schnelle Erneuerung geben, damit die CDU wieder „40 Prozent plus x“ erreiche, sagt er.

Friedrich Merz hat ein Foto seines Teams mit Mario Czaja und Christina Stumpp in der Hand

Friedrich Merz hat ein Foto seines Teams mit Mario Czaja und Christina Stumpp in der Hand

Quelle: dpa/Michael Kappeler

Am emotionalsten gerät Röttgens Schlusswort: Er hat ein privates Foto mitgebracht, auf dem er mit Ehefrau und Tochter im Garten zu sehen ist. Es ist der 18. Geburtstag der Tochter. Röttgen hält ein persönlich anrührendes Statement. „Das Bild zeigt für mich, dass es ein Leben außerhalb der Politik gibt“, sagt er. Familie sei eine „Kraftquelle“, da gebe es keinen Wettbewerb, da werde man so angenommen, so wie man sei. Dies ermögliche es ihm, „Politik leidenschaftlich zu machen, aber im Kern, im Innersten zu wissen, es gibt etwas anderes, etwas Wichtigeres.“

Der scheidende CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sagt zum Abschied diplomatisch, man habe „drei starke und überzeugende Kandidaten“ gesehen. Ab dem kommenden Samstag dürfen die Parteimitglieder entscheiden.