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Germany

Pianist Igor Levit über Zivilcourage: „Passivität ist keine Option mehr“

Pianist Igor Levit über Zivilcourage

Igor Levit gilt als einer der besten Pianisten der Welt. In gesellschaftlichen Fragen bezieht er klar Stellung – im Netzwerk Twitter.

Der berühmte Pianist Igor Levit

Macht eine Andeutung zur Gründung einer neuen linken Partei: Pianist Igor Levit Foto: André Wunstorf

Zu Hause bei Igor Levit in Berlin-Mitte, Hinterhaus, erster Stock. Im Wohnzimmer sein Steinway-Flügel, Lulu genannt, mit Hilfe eines Krans wurde er über einen Baum im Hof bis in die Wohnung gehievt. Dort sitzt Levit dann und übt. Manchmal stellt er sein Smartphone an den Rand der Klaviatur und verschickt einen kurzen Musikschnipsel auf Twitter.

taz am wochenende: Herr Levit, vor Kurzem haben Sie vor der Zugabe eines großen Konzertes mit zitternden Händen ein Statement gegen Ausgrenzung vorgelesen. Als das Publikum jubelte, unterbrachen Sie es mit den Obama-Worten: „Don ’t cheer. Vote!“ Was wollen Sie von den Leuten?

Igor Levit: Wenn sie in dem geschützten Raum des Konzertsaals etwas tun, reicht das nicht. Wenn jemand auf die Aussage hin, „Es gibt keine Form der Ausgrenzung, die ich toleriere“, klatscht, dann will ich, dass er auch im realen Leben keine Form der Ausgrenzung toleriert.

Was bedeutet das konkret?

Ich habe gestern vor einem Café gesessen, und dann kam eine Bettlerin. Sie hat nach Geld gefragt, und jemand hat gerade seine Geldbörse rausgeholt. Da kam eine Kellnerin und rief: „Mach, dass du hier rauskommst!“ Und sie ging nicht. Als sie das Geld bekommen hatte und loslief, rief ihr die Kellnerin hinterher: „Du Hexe!“ Da platzt einem eben der Kragen.

Was haben Sie gemacht?

Ich habe gesagt: „Das ist ein Mensch und keine Hexe.“ Es geht mir einfach um Achtsamkeit, um Wachsamkeit. Man kann mit Kleinigkeiten etwas ändern, aber mit dem Klatschen zur Neunten Sinfonie von Beethoven nicht.

Der Pianist

Die CD

Am 5. Oktober 2018 erscheint Igor Levits neue CD „Life“. Sie ist sein persönlichstes Album: eine Reflexion der vergangenen Jahre, ausgelöst durch den Unfalltod eines engen Freundes. Levit interpretiert darauf Schumanns „Geistervariationen“, Bill Evans’ „Peace Piece“, Werke von Busoni, Wagner, Bach und Liszt. Eingespielt wurde das Album in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem.

Im Konzert sitzen viele Menschen, die gar nicht erwarten, mit politischen Aussagen konfrontiert zu werden.

Das ist ja auch okay. Aber ich bin nur so lange fröhlich und gemütlich, wie es mir die Gesellschaft erlaubt. Ein Kabarettistenfreund hat mir geschrieben: Wir müssen uns jetzt so lange engagieren, bis wir wieder auf Twitter Witze machen und uns über Musik unterhalten können.

Chemnitz, Köthen, Seehofer, Maaßen. Es gäbe ja momentan genug Anlässe in jedem Ihrer Konzerte ein Statement zu verlesen.

Ja. Aber das werde ich nicht machen.

Warum nicht?

Ich mache meinen Mund auf der Bühne nur auf, wenn es nicht anders geht. Wenn ich eine absolute emotionale Dringlichkeit verspüre. Sonst gibt es die Gefahr, dass es am Ende um mich geht. Es gibt noch andere Formen, andere Orte.

Aber der Konzertsaal ist der Ort, an dem es sowieso um Sie geht, weil Sie ein gefeierter Pianist sind. Warum funktionieren politische Ansagen dort dennoch nur als Ausnahme?

Weil ich dann in eine komplette Depression verfallen würde.

Das müssen Sie erklären.

Vor zweitausend Leuten in der Kölner Philharmonie zu stehen und zu reden, da krieg ich einen Herzkasper und meine Hände zittern von hier bis zum Himmel. Das kann ich nicht jeden Tag machen.

Das ist schwer zu verstehen, weil Sie ja davor vor zweitausend Menschen ein wahnsinnig schwieriges Klavierstück gespielt haben, scheinbar ohne Aufregung.

Das Einzige, was ich habe, das mir niemand nehmen kann, ist meine Stimme. Lieber spiele ich kein Klavier mehr, als dass ich mein Engagement aufgebe. Etwas zu sagen, ist das Intimste von allem. Das mache ich, wenn ich das Gefühl habe, sonst zu platzen.

Auf Twitter schreiben Sie immer wieder von der Sehnsucht nach einer neuen linken Partei. Unter anderem gemeinsam mit dem ehemaligen Piraten- und SPD-Politiker Christopher Lauer. Zeit, ernst zu machen?

Warten Sie es mal ab. Ich sage so viel: Ja, es gibt den Plan, dass man anfangen muss, sich zu organisieren.

Gibt es schon ein Parteiprogramm auf dem Bierdeckel?

Nein, dafür ist es viel zu früh.

Warum rackern Sie sich nicht in den bestehenden Strukturen ab und verändern Sie zum Besseren?

Die Bestehenden müssten wollen. Christopher ist ein gutes Beispiel dafür, was passiert, wenn jemand eintritt und will, aber komplett nicht gelassen wird. Der Mann ist kompliziert, aber er ist brillant, und er kann mobilisieren. Und die SPD hat Vollignoranz gezeigt. Außerdem, wenn ich sehe, was diese Partei macht: Welche roten Linien müssen noch überschritten werden, damit der gesamte SPD-Bundesvorstand auftritt und sagt: Wir fordern den Rücktritt Horst Seehofers?

Ist das Ihr Antrieb?

Ich sage jetzt mal etwas sehr Hartes: Ich bin jetzt etwas über 24 Jahre hier in Deutschland. Davon habe ich circa 20 Jahre nie das Gefühl gehabt, dass mich irgendwer daran erinnert, ich sei Migrant. Das gab es für mich nicht. Das hier ist meine Heimat. Ich bin Mensch Igor, ich bin nicht Migrant Igor. Durch das, was gerade passiert, werde ich wieder dran erinnert: Ich bin eigentlich Migrant. Das ist ein Schmerz, den ich nicht in Worte fassen kann. Der für mich sehr neu ist und sehr hart.

Wann haben Sie diesen Schmerz das erste Mal gespürt?

Peu à peu in den letzten dreieinhalb, vier Jahren. Das Schlimme ist, dass Freunde versuchen, mir zu erklären: Du bist ja nicht gemeint.

Weil Sie ein erfolgreicher Musiker sind?

Ich bin gemeint! Jeder ist gemeint. Greifst du einen Menschen rassistisch an, greifst du alle rassistisch an. Ich bin nicht angesprochen, also interessiert mich das nicht? Es geht um die Idee von Menschen zweiter Klasse. Nenn es Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, was auch immer. Seehofers Satz, „Migration ist die Mutter aller Probleme“, ist für mich wie ein Stich ins Herz. Ich muss nicht drauf warten, bis er sagt: Ihr Juden seid doof.

Sie waren acht Jahre, als Sie mit Ihrer Familie aus Russland nach Deutschland kamen, als jüdische Kontingentflüchtlinge.

Ich kam in die Schule und wollte sofort besser Deutsch sprechen als meine Klassenkameraden.

Aus Angst negativ aufzufallen?

Nein, ich habe mich einfach in die Sprache verknallt ohne Ende.

Sind Sie damals nach Deutschland, nach Hannover, gekommen, weil es für Sie dort an der Musikhochschule die Chance gab, als Jungstudent zu studieren?

Ja und nein. Der Hauptgrund war, hier als Familie ein neues Leben zu beginnen. Das kam zusammen mit der Möglichkeit für mich und meine Schwester, eine besondere Ausbildung zu bekommen.

Also kein „Projekt Igor“?

Nein. So ist meine Familie nicht drauf.

Wenn man Ihren Werdegang liest – erster Klavierunterricht bei der Mutter mit drei Jahren, erstes Konzert mit vier Jahren, erstes Orchesterkonzert mit sechs Jahren – klingt das nicht gerade nach entspannten Tagen im Sandkasten.

Ich habe sehr früh angefangen zu spielen, ja. Aber ich habe bis zum Alter von 24 nicht viele Konzerte gespielt. Ich war ein schlechter Schüler und hatte ein geiles Studentenleben. Natürlich gab es ein Projekt. Es war klar, der Junge macht Musik, und meine Eltern haben das extrem unterstützt. Aber es gab keinen Drill, ich habe nur so lange gearbeitet, wie ich wollte. Auch heute sind es mal zehn Minuten, mal ist es der ganze Tag.

Wunderkinder faszinieren, aber sind vielen auch suspekt.

Zu recht. Ich habe auf die Frage, wie ich zum Klavier gekommen bin, mal geantwortet: Krabbelnd. Und das ist auch die pure Wahrheit. Meine Mutter hat Musik gemacht. Ich bin zum Klavier gekrabbelt und hab eine Taste gedrückt. Aber der Weg von da aus war keine gerade Linie und nicht frei von Konflikten.

Zum Beispiel?

Mit sechzehn habe ich mein Instrument einfach gehasst.

Warum?

Mir kam alles vor wie eine große Lüge. Wenn du studierst, hörst du ständig Sätze wie: „Igor, mach, dass diese Melodie klingt wie eine Oboe. Und jetzt wie eine Klarinette.“ Irgendwann bin ich böse geworden und hab gesagt: Das ist keine Klarinette, keine Oboe, das ist ein Klavier. Ich fand das Instrument limitiert. Ich habe echt gehadert. Hätte ich zwei, drei Menschen, die mir dann sehr wichtig wurden, nicht getroffen, säßen wir hier heute wohl nicht.

Was wären Sie dann heute?

Oh Gott, Sie werden mich gleich auslachen. Weil ich ganz gut mit Zahlen kann, bin ich mal einen Tag lang an eine Hochschule gefahren, um dort vielleicht Betriebswirtschaftslehre zu studieren. In einer Vorlesung ging es um einen Lippenstifthersteller, der plötzlich Umsatzeinbußen bekommt, weil ein zweiter Lippenstifthersteller in die Stadt kommt. Der Dozent fragte: „Was tun Sie da?“ Und die erste Arschgeige meldete sich und sagte: „Leute entlassen.“ Da habe ich gedacht: „Ey, ihr könnt mich alle mal.“

Wer hat Sie wieder mit dem Klavier versöhnt?

Ich habe mit 16 in der Unibibliothek dieses Klavierstück gehört: „The People United Will Never Be Defeated!“ von einem gewissen Frederic Rzewski. Danach war ich vollkommen fertig mit den Nerven. Ich habe die Noten bestellt, das Stück gesehen und dachte: Das spiel ich nicht! Das ist mir zu hoch. Aber ich habe Rzewski eine Mail geschrieben und ihn gefragt, ob er ein Stück komponiert, für mich, den Klavierstudenten. Er hat geantwortet: Wenn du jemanden findest, der es zahlt, mach ich das. Und ich habe jemanden gefunden. Frederic hat mich wieder neugierig gemacht, weil er mir neues Repertoire eröffnet hat, neue Möglichkeiten. Erst mit 23 habe ich sein Stück „The People United …“ das erste Mal öffentlich gespielt.

Das Stück basiert auf einem chilenischen Revolutionslied.

Ja, später kamen durch ihn auch politische Fragen dazu. Er ist das Paradebeispiel eines dezidiert politischen Menschen.

Sie nennen ihn heute einen Freund. Genauso wie zum Beispiel die Künstlerin Marina Abramović und den Schriftsteller Maxim Biller.

Als ich 2011 bei einer Feier in den Raucherraum kam, saß da Maxim auf dem Sofa. Ich habe damals kaum Konzerte gespielt, aber er kannte mich, weil ein Dreivierteljahr vorher Eleonore Büning in der FAZ einen Text über mich geschrieben hat …

in dem sie Sie noch vor dem Stu­dien­abschluss zu einem der großen Pianisten dieses Jahrhunderts ausrief.

Maxim sitzt also da, raucht, guckt mich an und sagt: Bist du Igor? Ich hatte damals die erste schmerzhafte antisemitische Verletzung meines Lebens erfahren, und Maxim war der erste Mensch, mit dem ich darüber sprechen konnte. Der erste, der nicht gesagt hat: Das war Pech, da hast du eben ein Arschloch getroffen. Ich hatte also keinen berühmten Menschen kennengelernt, sondern jemanden, der mich versteht.

Sie erweitern den Besucherkreis klassischer Konzerte: Neuerdings kommen da auch ein paar Linke ohne Klassikexpertise. Reicht das schon an Revolution?

Print's not dead! Aber online ist auch ziemlich lebendig. Und wie lesen Sie so? In der taz am wochenende vom 22./23. September beschäftigen wir uns auf acht Seiten mit der Zeitung der Zukunft. Außerdem: Ein Gespräch mit Igor Levit, einer der besten Jungpianisten der Welt, über Zivilcourage, Twittern und die Sehnsucht der Klassikwelt nach dem Früher. Und: Düstere Einblicke vom Weltkongress der Abtreibungsgegner. Ab Samstag am Kiosk, im eKiosk, im praktischen Wochenendabo und bei Facebook und Twitter.

Nein. Es gibt sehr vieles, was ich sehr nervtötend finde. Wenn Veranstalter etwa sagen: Wir probieren neue Formate aus. Das reduziert sich meist darauf, an welchen Orten man spielt. Die glauben, dass man ein weltbewegendes Ereignis hat, wenn man auf dem Klo die Fünfte Sinfonie von Beethoven hört. Man nimmt ein Stück Musik, das rührt man natürlich nicht an, weil es ja ein deutsches Heiligtum ist. Aber da stülpt man ein T-Shirt drüber und glaubt, damit verändert man etwas.

Die Klassikwelt lebt von der Sehnsucht nach dem „Früher“.

Beim Beethoven-Jubiläum in anderthalb Jahren wird das wieder auf die Spitze getrieben werden: Wir beleuchten die Entstehungszeit und die komplizierte Persönlichkeit Ludwig van Beethovens. Ich meine: Hallo?! Was hat Beethoven wirklich hinterlassen? Dieses Blatt Papier mit diesen Punkten. Das, was da steht, ist ohne dich als Zuhörerin und mich als Interpreten buchstäblich nicht existent. Das heißt, was er eigentlich hinterlassen hat, ist die Aufgabe an dich und an mich, das wieder zum Leben zu erwecken, und zwar jedes Mal von Neuem.

Was ändert dieser Blick?

Zum Beispiel wird in München ein neues Konzerthaus gebaut. Da kann es doch nicht nur darum gehen, zu sagen: Die Akustik muss der Hammer sein. Sondern: Wie bemühst du dich in diesem Raum um diejenigen, die dort sitzen? Ich könnte die Wände hoch rennen, wenn ich sehe, wie wenig sich Veranstalter und Künstler um die Menschen kümmern, die genau in dem Moment im Saal sind.

Jetzt mal konkret: Was fordern Sie?

Zum Beispiel: Schafft die elenden Programmhefte ab. Weg damit! Ein Zettel: „Der Levit spielt Beethoven.“ Ende, reicht. Ermutige das Publikum stattdessen, sich zu vergegenwärtigen: Du bist existenzieller Part dieser Musik. Ohne dich ist das da nicht vorhanden. Was du hörst, ist deins.

Als es diesen Aufschrei über den Zeit-Text gab, da habe ich ernsthaft überlegt, auszusteigen.

… im Politikteil der Zeit erschien ein Pro und Contra zu privater Seenotrettung unter der Überschrift: „Oder soll man es lassen?“ Für die Überschrift hat sich die Chefredaktion später entschuldigt …

Da ist etwas ins Rutschen gekommen, was mir einfach sehr wehgetan hat. Zu beobachten, wie plötzlich Dinge debattiert werden, von denen du nicht in deinem Traum je gedacht hättest, dass sie debattierfähig sind. Von Leuten, von denen du dachtest, sie seien eigentlich nicht doof. Ich saß um halb drei Uhr morgens im Bett und habe wie ein Blöder auf den Reload-Knopf gedrückt. Immer mit dem Gedanken: Was passiert jetzt als Nächstes? Wer wird als Nächstes sagen: „Darüber werden wir ja wohl noch debattieren können.“ Das hat mich krank gemacht. Am nächsten Tag bin ich in einen Telefonladen gegangen und hab mir so ein altes Nokia-Handy gekauft. Und das Smartphone abgeschaltet.

Und dann? Entzugserscheinungen?

Nein.

Aber Sie haben es dann wieder eingeschaltet.

Nach zwei Wochen habe ich gedacht: Okay, jetzt mach ich’s halt mal wieder. Aber es war eine ganz gute Detoxmethode.

Am Klavier sind Sie bekannt auch für feinste Nuancen. Bei Twitter werden Sie manchmal grobschlächtig.

Bringen Sie mal ein Beispiel?

Nach einem verpassten Zug twitterten Sie mal: „Eine solche kackdreiste Unverschämtheit habe ich noch nie erlebt. Was für ein unfassbarer Scheißverein.“

Ja, das war kackdreist! Soll ich das mal vormachen, was da passiert ist? Ich stand vor der verschlossenen Tür, und die Schaffnerin sieht mich von drinnen und macht den hier: ¯\_()_/¯. Und der Zug steht und steht! Drei Minuten! Sie hätte nur den Knopf drücken müssen. Ich bin dann zum Bahnhofs-McDonald’s gegangen und hab mir den Bauch vollgeschlagen vor Ärger.

Und dann kurz bei Twitter Dampf abgelassen.

Ich war einfach sauer! Das kann die doch nicht machen! Es gibt diesen jüdischen Witz über den alten Cohn, der den Zug verpasst. Also er rennt und rennt, und der Zug fährt ihm vor den Augen weg. Der Schaffner steht kichernd auf der anderen Seite und sagt nur: Hamse den Zug verpasst. Und Cohn lässt beide Koffer fallen und sagt: Geh, verpasst! Verscheucht hamwer den!

Jetzt mal ganz abgesehen von der Deutschen Bahn: Der Adrenalinpegel auf Twitter prägt ja gesellschaftliche Debatten. Auch hier suchen viele nach dem richtigen Ton. Wut oder Diplomatie. Humor oder Ernst.

Also, was das Thema Rassismus angeht, kann ich sagen: Es gibt ja immer wieder Leute, die mir vorwerfen, ich solle mal ein bisschen Humor beweisen. Die können mich mal und zwar mit Anlauf. Da habe ich keinen Humor, tut mir leid, ich bin Betroffener. Ich bekomme auch Anfragen für Interviews, in denen es heißt: Gehen wir mal dahin, wo es unangenehm wird, und reden Sie mit AfD-Wählern. Ich habe überhaupt keinen Bock, mit Rechten zu reden! Nennt mich elitär, mir egal. Ich will das nicht.

Geben wir dann nicht einen Teil der Gesellschaft auf?

Wo ist die rote Linie? Die AfD-Leute sagen, was sie wollen. Die maskieren sich nicht, die verklausulieren auch nicht mehr. Ich kann Brücken bauen zu Menschen, mit denen mich in irgendeiner Form etwas verbindet. Die können konservativ sein, sie können an liberale Märkte glauben. Aber wer jemanden wählt, der den Systemsturz haben will, mit dem muss ich nicht reden. Das ist kein Protestwähler mehr für mich.

In Chemnitz spielten Punkbands gegen rechts. In der taz haben sich Volksmusiker und Schlagersängerinnen dafür ausgesprochen, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Wo sind die Klassikmusikerinnen und -musiker?

Wir sind schon dabei, etwas zu organisieren, und da werde ich auf jeden Fall dabei sein.

Aber die meisten Ihrer Kolleginnen und Kollegen verhalten sich still.

Das haben sie sich die längste Zeit leisten können, leise zu sein.

Das heißt, Sie bemerken, dass sich in der Szene etwas bewegt?

Es gibt gerade eine ganz klare Veränderung. Noch vor drei Jahren wurde ich ständig gefragt: Mensch, wie passt denn das zusammen, was Sie machen? Heute kommen die Fragen an Künstler: Wieso machen Sie nichts? Auch die Möglichkeit, ignorant zu sein, verdankst du einer friedlichen Gesellschaft. Die Zeit, in der man passiv sein konnte, ist für alle vorbei.

Das klingt ja zuversichtlich.

Was heißt zuversichtlich? Ich weiß nicht, wie das alles ausgehen wird. Aber dass Passivität keine Option mehr ist, da bin ich sehr zuversichtlich. Gott sei Dank.

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