Der Kandidat hat längst sein Jackett ausgezogen, sein Gesicht ist rot angelaufen, er ist fast am Ende seiner 50-minütigen Rede angelangt. "Ich habe mir das gut überlegt!", ruft Friedrich Merz. Er wolle antreten, für seine CDU, für Deutschland. "Ich weiß, was das bedeutet!" Aber: "Es kann nicht so bleiben, wie es heute ist!"

Fast jeder Satz endet mit einem Ausrufezeichen. Die CDU, ruft Merz, müsse "den politischen Streit zurückholen in die Mitte" und dürfe "ihn nicht den politischen Rändern überlassen". Es folgt die Abwandlung des Satzes, der mit der späten Kanzlerschaft Angela Merkels verbunden ist: "Das schaffen wir!"

Dann ist auch die Rede geschafft. Merz steht auf der Bühne der Brauereihalle in Apolda nahe des thüringischen Weimar und wischt sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Unter ihm sitzen 1.500 Menschen und jubeln ihm zu. Das hier ist laut Eigenwerbung der größte Politische Aschermittwoch in Ostdeutschland. Und es ist, ganz nebenbei, die Taufe des wiederauferstandenen Kandidaten für den CDU-Vorsitz.   

Merz ist nach Thüringen gekommen, obwohl der Auftritt für ihn riskant ist. Das ist das Land, in dem das Elend der CDU besonders drastisch vorgeführt wird, in dem die Partei gerade in Zeitlupe implodiert, zerdrückt zwischen Linke und AfD, zerrissen in der Frage, mit wem sie künftig überhaupt noch Mehrheiten organisieren sollte: Mit der mehrfach reformierten, in Thüringen besonders pragmatisch auftretenden SED-Nachfolgepartei oder mit dem radikalisierten "Flügel" unter Björn Höcke – oder, wie es der offiziellen Berliner Linie entspricht, mit keinem von beiden. 

Der Auftritt ist auch deshalb ein Risiko, weil sich der Kandidat mit dem scheidenden Landesvorsitzenden zeigt. Mike Mohring wird, selbst wenn er die Geschichte ganz anderes erzählt, in der Öffentlichkeit und auch seiner Partei dafür verantwortlich gemacht, dass die CDU am 5. Februar gemeinsam mit der AfD den FDP-Politiker Thomas Kemmerich zum Nachfolger des linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow wählte – und damit die das Land und seine Partei in Chaos stürzte.

Aber Merz hat nun mal zugesagt. Die Karten, auf denen sein Konterfei prangt, sind verkauft, und Mohring, der ihn im vergangenen Jahr mehrfach im Wahlkampf einlud, gilt als sein Freund. Zumal: Der Gast wendet das Risiko offensiv zur Chance. Er will hin Apolda etwas nachholen. Er will das tun, was er noch am Dienstag, als er seine Kandidatur für den Parteivorsitz erklärte, trotz Nachfragen versäumte: Er will sich vom Rechtsextremismus distanzieren und von der AfD abgrenzen.

Fast drei Stunden zuvor. Der Kandidat ist klimafreundlich mit dem Regionalzug angereist, nun, es ist kurz nach 18 Uhr, wird er in der Brauereihalle schon beim Einmarsch wie ein politischer Messias begrüßt. Dröhnender Beifall, lautes Johlen, jemand hat eine Kuhglocke mitgebracht und bimmelt aufgeregt damit. Der Lärm, produziert von mehr als tausend Menschen, betäubt die Ohren. Am Dienstag in Berlin hatte Merz gesagt, er spiele "auf Sieg und nicht auf Platz". An diesem Mittwochabend in Apolda, in Thüringen, hat er schon mal gewonnen.

Der Mann, der neben Merz auf der Bierbank sitzt, wird ebenso laut gefeiert. Mike Mohring wurde in der kleinen Kreisstadt Apolda vor 48 Jahren geboren. Hier ist er zur Schule gegangen, hier hat er 1989 die Demonstrationen mitorganisiert, und hier hat er seine Karriere begonnen, die ihn bis ins Präsidium der CDU führte und die jetzt, zumindest vorerst, beendet scheint. Am Montag wird er seine Ämter an der Spitze der Landtagsfraktion und der Landtagspartei abgeben.

Mehr Vertrauen aus Berlin?

Nun hält Mohring eine vorläufige Abschiedsrede. Die Menschen haben sich auch deshalb in den Saal gequetscht, um ihn trotzig zu feiern – und sich selbst ein bisschen mit. Die Partei, die Thüringen nahezu ein Vierteljahrhundert geradezu absolutistisch regierte, besitzt immer noch die mit Abstand meisten Mitglieder im Land. Dass sie nach der Landtagswahl im vergangenen Oktober mit 21,7 Prozent auf Platz 3 hinter Linke und AfD abstürzte: Das soll nicht die Schuld Mohrings sein.      

"Ich bin froh, wieder zu Hause zu sein!", ruft der Landesvorsitzende zur Begrüßung in den Applaus hinein – gerade jetzt, nach all dem, was er zuletzt Erfurt und Berlin erfahren habe müssen.  Ja, seiner "stolzen Partei" gehe es gerade nicht gut. Und ja, "ich ganz persönlich habe sicher nicht alles richtig gemacht." Aber das sei eben nur das eine. Das andere: "Manches wäre leichter gewesen, wenn wir aus Berlin mehr Vertrauen und Zutrauen bekommen hätten." Er habe sich von der CDU-Führung mehr inhaltliche Unterstützung gewünscht, zum Beispiel bei der Grundrente. Und er habe nach der Landtagswahl vergeblich gehofft, dass sie ihm mehr Verhandlungsspielraum gebe.

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