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PP-WK-2095: Eine Kurzgeschichte über Mensch und Maschine in 75 Jahren

Bremen und der WESER-KURIER in 75 Jahren – geht es nach dem Autor dieser Kurzgeschichte, lesen wir Zeitung dann direkt auf der Netzhaut.

Bremen und der WESER-KURIER in 75 Jahren – geht es nach dem Autor dieser Kurzgeschichte, lesen wir Zeitung dann direkt auf der Netzhaut. (Jan Christopher Becke/WK)

Dank seiner neuerdings integrierten Tageslichtfunktion erwacht Kiffhäuser punktgenau mit dem Sonnenuntergang. Der Monitor an seinem offenbar dauerhaft verdunkelten Schlafzimmerfenster zeigt eine Außentemperatur von 29 Grad an. Vergleichsweise frisch für April, brummelt Kiffhäuser, der sich selbst der liebste Unterhalter ist. Er schnalzt mit der Zunge, woraufhin sich wohnungsweit ein nach seinem Gusto gewobener Klangteppich aus Reggaeton und Trap-Rap entrollt. Nachdem er – eigenhändig! – den ersten Joint des Tages gebaut und entzündet hat, aktiviert er durch ein Blinzeln die Virtual-Reality-Funktion auf seiner Netzhaut und loggt sich durch ein weiteres Blinzeln bei PP-WK-2095 ein, der Erlebnis- und Nachrichtenplattform seines Vertrauens. Das dezent kryptische Kürzel steht für Personalisierte Programmierung, WESER-KURIER, 2095. Vor einigen Monaten erst hatte das inter-, trans-, cross- und multimedial rührige Unternehmen aus Anlass seines 150-jährigen Bestehens – reife Leistung für ein vormaliges Druckverlagshaus! – eine europaweit beachtete Zukunftstechnologie im Zeichen virtuellen Erlebens präsentiert. Von den potenziellen Nutzern wird der spektakuläre mediale Paradigmenwechsel mehrheitlich bejubelt, die Konkurrenz indes neidet der aufstrebenden Regionalfirma das lukrative Geschäftsfeld – und bekrittelt es moralinsauer. Ausgerechnet Kiffhäuser, der sich für kulturkonservativ hält, zählt zu den 150 Auserwählten, die seit einigen Wochen dank PP-WK-2095 in einem beispiellosen Pilotprojekt Nacht um Nacht auf Reisen in Welten gehen, die nie zuvor ein Mensch gesehen, nicht einmal erahnt hat.

Im Seuchensektor

Statt zu blinzeln hätte Kiffhäuser das Portal auch kraft seiner Gedanken ansteuern können. Die avancierte Technik gäbe solche magischen Momente durchaus her. Doch misstraut der ältere Herr aus gutem Grund seinem Gedächtnis: Als der Bremer Senat anno 2023 Cannabis legalisiert hatte, um aus den beträchtlichen Erlösen die kulturelle Szene der Stadt (samt Gastgewerbe) zu nie gesehener Blüte zu treiben, war eine nicht geringe Anzahl von Weser-Anrainern enorm kreativ geworden – aber auch ziemlich vergesslich. Bloß Kurzzeit, wohlgemerkt. Kiffhäuser, mit seinen 115 Jahren auch nicht mehr der Jüngste, erinnert sich immerhin noch gut daran, wie ausgelassen er den berauschenden Anbruch dieser künstlerischen und touristischen Hoch-Zeit mit seinem Kumpel Munkel gefeiert hatte. Doch vier Pandemien (und gut 50 Jahre) später war sich im sogenannten Seuchensektor Nordwestdeutschland notgedrungen jeder (m, w, div.) selbst der Nächste geworden. Und bezog Poesie und andere Einflüsterungen der neun Musen beinahe ausschließlich aus dem Netz. Anfangs war diese reduzierte Art des Kulturkonsums nur ein fades Placebo. Doch mit fortschreitender Technologie versprach sie plastisch und anregend, ja mitreißend zu werden.

JETZT dockt Kiffhäuser zart an. JETZT macht er der Begehrten seine virtuelle Aufwartung. JETZT beginnt sie abermals, die VERLOBUNG VON MENSCH UND MASCHINE. Für die attraktive Abendausgabe nimmt er sich gern ausgiebig Zeit, taucht neugierig in den Strom verheißungsvoll aufbereiteter Abzweigungen, gleitet gemächlich durch die angenehm kühlen Tiefen seines gut vernetzten und libidinös besetzten Vor- und Unbewussten, aalt sich intensiv in den Inhalten seines Sehnens und Trachtens, hascht halb wohlig, halb lüstern nach den ihn bald umschwimmenden, bald umschwirrenden Informationen und Projektionen, die für seine kleine Welt (es gibt keine andere) bedeutsam sind. Morgens indes, wenn das Update der überwiegend regionalen Nachrichtenströme erfolgt (andere sind in dieser Phase der Pandemie nachgeordnet, nicht vertrauenswürdig oder unerreichbar), wird Kiffhäuser seinerseits zum Medium. Sozusagen. Seit er vor 50 Jahren eine weltweit übertragene Castingshow des jamaikanischen Fernsehens gewonnen hat, weil er den Nationalheiligen Bob Marley nahezu perfekt imitieren kann, tritt er allmorgendlich, bevor die Hitze unerträglich wird, in Hologramm-Gestalt auf. Vor Abermillionen Fans. Und doch live und in Farbe, wie Kiffhäuser witzelt, der sich aus nostalgischen Motiven bis zur Abschaffung des linearen Fernsehens vor 40 Jahren allwöchentlich eine TV-Illustrierte gekauft hat.

Fluss des Begehrens

Shabba Ranks’ beschwingter Song „Ting-A-ling“ ist der wiederkehrende Jingle zu seiner auch an diesem Abend überwältigenden Expedition über und durch den perfekt personalisierten Begehrens- und Nachrichtenfluss, dessen Mäandern PP-WK-2095 lokalpatriotisch korrekt dem Verlauf der Weser nachempfunden hat. Ihr zur Kenntlichkeit entstelltes Abbild ist für Kiffhäuser eigens mit fluoreszierenden Halluzinogenen grundiert worden, um seinen ästhetischen Vorlieben zu genügen. WIR SIND EIN STOFF, AUS DEM MAN TRÄUME MACHT. In eleganten Kehren, die ihm beim Training für das Projekt gelehrt worden waren, überfliegt er gleißend illuminierte, lebensecht illustrierte und mit wenig Text versehene Nachrichten, dippt bisweilen nur knapp unter die Oberfläche wie eine fischende Möwe, um dann wieder mit schnellen Zügen zum Grund des Blasen schlagenden News-Stroms vorzustoßen. Dessen gischtende Schnellen zeigen ihm im tosenden Takt seines eigenen Flusses zuverlässig nur das an, was er zu sehen begehrt: JACOBS UNIVERSITY REANIMIERT SÄNGER PETER TOSH. OBACHT, EIGELB-RESTE – WARUM RASTA-FRISUREN ALTE ZÖPFE SIND. RASSISMUS VERJÄHRT NICHT: BISMARCK-DENKMAL UNTER BEIFALL DER BEVÖLKERUNG GESTÜRZT. BREMERIN PATRICIA BRANDT MIT LITERATURNOBELPREIS AUSGEZEICHNET. CANNABIS WIRD BILLIGER.

Angesichts dieser frohen Botschaft loggt sich Kiffhäuser lächelnd aus. So sehr er PP-WK-2095 schätzt, so sehr pflegt er bewährte Medien: Nach einem kurzen Anruf bei einer alten Freundin in Brauel, der seine Stimmung noch hebt, schreibt er eine am Vorabend begonnene Novelle fort.

Zur Person

Hendrik Werner war von 2010 bis 2020 Weser-­Kurier-Redakteur und ist heute Referent des Senators für Kultur. Der Text ist ein exklusiver Auszug aus einer „Schauernovelle“, die den Titel „Der Spleen von Bremen“ tragen wird.

Weitere Informationen

Dieser Artikel ist Teil der Sonderveröffentlichung zum 75. Geburtstag des WESER-KURIER. Am 19. September 1945 erschien die erste Ausgabe unserer Zeitung. Anlässlich des Jubiläums blicken wir zurück auf die vergangenen Jahrzehnte: Erinnern uns an die Anfänge unserer Zeitung und auch an die ein oder andere Panne. Und wir schauen nach vorn: Wie werden Künstliche Intelligenz und der Einsatz von Algorithmen den Journalismus verändern? Natürlich denken wir auch an Sie, unsere Leser und Nutzer. Wer folgt unseren Social-Media-Kanälen, wer liest unsere Zeitung? Was ist aus den Menschen geworden, über die wir in den vergangenen Jahren berichtet haben? Und wie läuft er eigentlich ab, so ein Tag beim WESER-KURIER?

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