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Schon einmal schockte ein Raketengeschoss die westliche Welt

Die Experten waren erschüttert – und machten ihre Sorgen umgehend öffentlich: Die USA hätten eine schwere Niederlage erlitten, ließen sich Militärs, Wissenschaftler und auch Politiker im Oktober 1957 zitieren. Begriffe wie „missile gap“ („Raketenlücke“) machten Schlagzeilen. Das erinnert an die Reaktion des Pentagons auf den aktuellen Test der ersten chinesischen Hyperschallrakete. Dieser Test komme dem „Sputnik-Moment“, sagte Generalstabschef Mark Milley, „sehr nahe“.

Der Grund war einfach: Am 4. Oktober 1957 um 22.28 Uhr Moskauer Zeit hatte sich in der Steppe Kasachstans eine Rakete des sowjetischen Typs R-7 tosend erhoben und den ersten Satelliten mit dem Namen „Sputnik“ („Weggefährte“) gen Himmel befördert. Seither kreiste die gerade einmal 58 Zentimeter durchmessende und 83 Kilogramm schwere Konstruktion um die Erde und schickte aus der Umlaufbahn ein stetes „Piep. Piep. Piep“ hinunter zur Menschheit.

Soviet technician working on sputnik 1, 1957. (Photo by: Sovfoto/Universal Images Group via Getty Images) Getty ImagesGetty Images

Sowjetischer Techniker mit "Sputnik 1"

Quelle: Universal Images Group via Getty

Die „New York Times“ brachte eine große Analyse unter dem Titel „US-Raketenexperten von Sputnik erschüttert: Gewicht des Satelliten beweist die sowjetische Überlegenheit in der Raketentechnik“. Die „Washington Post“ beschwor die Angst vor einer „ultimativen Waffe“, die der UdSSR nun zur Verfügung stehe, und das US-Magazin „The Reporter“ verglich den Start des ersten menschgemachten Erdtrabanten gleich mit dem verheerenden Angriff auf Pearl Harbor 1941, der schwersten kollektiven Erschütterung der US-Geschichte.

In Deutschland sah man es ähnlich; WELT berichtete am 7. Oktober 1957: „Mit einer Geschwindigkeit von fast 30.000 Kilometern pro Stunde rast seit Freitag der sowjetische Erdsatellit um die Erde. Wissenschaftler, Politiker und Militärs diskutierten in der ganzen Welt die Bedeutung und die möglichen Folgen dieses Ereignisses, durch das eine neue Epoche der Menschheit eingeleitet worden ist. Die Kommentare aus der westlichen Welt schwanken zwischen Anerkennung und tiefer Enttäuschung darüber, dass die Vereinigten Staaten eine Niederlage in dem Wettrennen um die Eroberung des Weltraumes erlitten haben.“

Im Radiokontrollpunkt des Fernmeldezentrums in Moskau registrieren Funker die Signale des Satelliten "Sputnik". Aufnahme vom Oktober 1957. Am 04. Oktiber 1957 wurde von der Sowjetunion der erste Erdsatellit "Sputnik" gestartet, der unter großer Beachtung der Weltöffentlichkeit in Höhen zwischen 600 und 900 Kilometern mit 29.000 Stundenkilometern die Erde umkreiste. Foto: dpa

Im Radiokontrollpunkt des Fernmeldezentrums in Moskau registrierten Funker die Signale des Satelliten "Sputnik".

Quelle: picture-alliance / dpa

Entsprechend diesem Tonfall fielen die ersten Meinungsumfragen aus. „Weltmeinung sieht roten Satelliten als harten Schlag für das amerikanische Prestige“, schrieb die „Washington Post“ am 20. Oktober 1957 über eine Analyse des führenden Meinungsforschers George Gallup. Laut repräsentativen Umfragen seines Institutsnetzwerkes sahen in Toronto 66 Prozent der Befragten einen solchen „Schlag“, in Paris 63 und in Oslo 60 Prozent; in Washington und Chicago hingegen teilten nur 43 Prozent diese Ansicht.

Zwei weitere Ergebnisse dieser internationalen Gallup-Erhebung deuteten bereits an, dass die öffentlich zelebrierte Erschütterung der Experten übertrieben sein könnte. Auf die Frage nämlich, wer denn wohl den nächsten „großen Fortschritt“ beim Wettrennen in den Weltraum machen werde, die UdSSR oder die USA, gaben 61 Prozent der Amerikaner ihrer Überzeugung Ausdruck, das eigene Land werde erfolgreich sein und immerhin jeder zweite Kanadier. Ähnliche Werte ergab die Frage, ob die Auswirkungen des Satelliten insgesamt eher positiv oder negativ sein würden.

Tatsächlich teilte US-Präsident Dwight D. Eisenhower die Sorgen mancher Militärs, vieler Wissenschaftler und Politiker nicht. Er wusste aus hochgeheimen Informationen, dass die sowjetischen Interkontinentalraketen vom Typ R-7 zwar im Herbst 1957 der entsprechenden US-Entwicklung Atlas um gut ein Jahr voraus waren. Gleichzeitig jedoch klang diese Lücke weitaus größer als sie in Wirklichkeit war – zumal sich das Abschreckungspotenzial der USA vor allem auf eine gewaltige Bomberflotte aus B-47 und B-52 stützte, zu denen die Sowjetunion keine Entsprechung hatte.

Erst nach dem Ende des Kalten Krieges wurde zudem bekannt, dass zwar das Urteil über den technischen Vorsprung der R-7 im Prinzip zutraf, sie aber dennoch erst ab Dezember 1959 als Atomwaffenträger wirklich zur Verfügung stand. Also drei Monate nach der Atlas, die im September 1959 in den aktiven Dienst trat.

WELT v. 7.10.1957

Titelseite der WELT vom 7. Oktober 1957

Quelle: Axel Springer SE

Doch so nüchtern und mit absolut eisernen Nerven ausgestattet wie der Präsident waren längst nicht alle Amerikaner, und am wenigsten offenbar die in Wissenschaft und Medien. Um sie zu beruhigen, stimmte Eisenhower wieder besseren Wissens einem mehrere Milliarden Dollar teuren Rüstungsprogramm zu; immerhin fiel dabei auch noch reichlich Geld für Investitionen in Bildung und Universitäten ab. Er selbst sagte intern, dass zwei Drittel der militärischen Mehrausgaben nur einem Zweck dienten: der Beruhigung der Öffentlichkeit.

Umfrage-Daten legen zumindest nahe, dass selbst diese Maßnahme übertrieben war. Nur die Hälfte der US-Bürger zeigte sich überrascht, dass die Sowjetunion den ersten Satelliten in die Erdumlaufbahn geschossen hatte, und nur sechs Prozent empfanden in der Eroberung des Weltraums, also der Konkurrenz mit der UdSSR, das „wichtigste Problem“ der USA.

In der Welt sah es um die Jahreswende 1957/58 ähnlich aus. In fast allen Ländern sagten repräsentativ 45 bis 60 Prozent der Bevölkerung, dass sich der Vorsprung der UdSSR auf die Satelliten-Diskussion beschränke. Das Vertrauen in die USA bestehe trotz des Sputnik-Schocks weiter, fasste die „New York Herald Tribune“ die Ergebnisse zusammen. Offensichtlich waren die normalen Menschen in ihrer Risiko-Einschätzung deutlich realistischer als die meisten Experten.

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